# taz.de -- Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Sie ging, als es kühler wurde
       
       > In der U-Bahn zitiert eine Touristin Heine, die Wahlergebnisse wirken
       > nach. Zur gleichen Zeit kommt die Nachricht, dass meine Großmutter
       > gestorben ist.
       
       Die Frau mir gegenüber in der U8 zitiert Heinrich Heine: „Denk ich an
       Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht“. Mit
       französischem Akzent.
       
       Sie ist Teil einer Reisegruppe im Rentenalter. Da teilweise deutsch
       gesprochen wird, schätze ich ihre Herkunft auf die französische Schweiz.
       
       Es ist kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt und auch wenn ich nicht alles
       verstehe, worüber sie sprechen, bin ich mir ziemlich sicher, dass es darum
       geht. Sie sprechen aus, was viele fühlen.
       
       Bei dem Zitat muss ich an meine Großmutter denken und wie die Dichtkunst
       das Letzte war, was ihr Gehirn noch halten konnte. Namen, Daten oder eigene
       Präferenzen hatten sich längst verabschiedet, waren in einem „ich weiß
       nicht“ untergegangen. Aber das gedichtete Wort hatte sich in ihr verankert,
       hatte sich wie eine Schlingpflanze seine Wege gesucht. Bis zum Schluss.
       
       Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Wahlergebnisse mich aus dem Schlaf
       reißen, wache ich auch zur Nachricht ihres Todes auf. Friedlich
       eingeschlafen sei sie und ich bin froh. Froh, dass nach all der Unruhe, die
       ihre Demenz verursacht hat, sie am Ende doch zur Ruhe kommen konnte.
       
       Das letzte Mal, dass ich sie sah, ist gut einen Monat her. Damals versuchte
       ich, sie trotz Bettlägerigkeit mithilfe des Physiotherapeuten zu
       mobilisieren. Ihre Haut war weich und durchsichtig, hing bereits von den
       Knochen herab. In ihrem Zimmer roch es streng, ich beschreibe hier nicht
       wonach. Nur, dass nichts davon mehr erinnerte an ihren ganz eigenen Duft:
       eine Mischung aus Holz, Gummi und Grafit von den Bleistiften, die sie stets
       benutzte sowie ein Spritzer Elisabeth Arden.
       
       Heinrich Heine schrieb auch: „Der Tod, das ist die kühle Nacht, Das Leben
       ist der schwüle Tag“. Nicht nur hat meine Großmutter noch den Sommer mit
       seiner klebrigen Hitze durchgestanden, sie ist auch genau dann gegangen,
       als es kühler wurde: meteorologisch wie politisch.
       
       17 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Zessnik
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Berlin
 (DIR) Öffentlicher Nahverkehr
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Begegnung am Wahlwerbestand: Die Wut muss raus
       
       Wer demokratisch gewählt wurde, kommt als Kooperationspartner infrage?
       Darüber gehen die Meinungen auseinander am Stand vom BSW.
       
 (DIR) Wahlkampf mit allen Mitteln: Berliner Zähne
       
       In Mariendorf und Tempelhof-Ost steht das Thema Verkehrspolitik hoch im
       Kurs. Chaos gibt es dort auf den Straßen genug.
       
 (DIR) Und dann war die Frau weg: Schwalbenkarma
       
       Die letzten Schwalben am Berliner Himmel können ganz wehmütig stimmen –
       trotz Vogelmist. Wann sie wohl dieses Jahr verschwinden?