# taz.de -- Buch über Träume von Schoah-Überlebenden: Das Unsagbare mitteilen
> Die Literaturwissenschaftlerin Christiane Solte-Gresser analysiert
> Traumerzählungen von Schoah-Überlebenden und erkundet ihr heilendes
> Potenzial.
(IMG) Bild: Die Erlebnisse der Schoah, das Trauma. Mitzuteilen, heißt, das Unsagbare in Worte zu fassen
Träume gelten seit Langem schon als kreative Ratgeber. Handlungen,
Interaktionen, Gegenstände oder Lebewesen, von denen nachts geträumt wird,
verraten etwas über das eigene Leben – zum Beispiel über die Sorgen,
Ängste, Wünsche, die tagsüber verdrängt werden, um reibungslos zu
funktionieren. Der Umgang mit dem Geträumten kann daher das eigene Leben
radikal verändern. Wer etwa Träume aufschreibt oder sie mit einem Gegenüber
teilt, fängt an, das Unbewusste bewusst zu machen. Und dieser Prozess ist,
so die Grundannahme der Psychoanalyse und an sie anschließende
Therapieformen, ein wichtiger Schritt in Richtung individueller Heilung.
Menschen, die politische Gewalt, Terror und Folter erlebt haben, träumen
meist anders. Gerade ihre Alpträume weisen oft vergleichbare narrative
Strukturen, Motive und Funktionen auf. Genau damit hat sich Christiane
Solte-Gresser, Literaturwissenschaftlerin und Autorin mehrerer Bücher zur
Kulturgeschichte des Traumes, in ihrem neuen Essay beschäftigt. Sie
argumentiert, dass das Träumen und das Erzählen davon eine wichtige
Strategie in der Auseinandersetzung mit irreparablen Erfahrungen sein kann.
In der erzählenden Mitteilung des Geträumten an ein empathisches Gegenüber,
das das Gesagte affektiv bezeugt, liege ein „reparatives Potential“. Das
beschädigte Selbst überwinde in diesem Moment für kurze Zeit seine
traumatische Einkapselung.
In „Traum und Reparation“ analysiert Solte-Gresser vor allem die
Traumerzählungen von Schoah-Überlebenden wie Imre Kertész, Elie Wiesel oder
Primo Levi. Über ihre Erzählungen würden sie – und andere Überlebende –
Erfahrungen ausdrücken, die sie auf anderem Weg kaum kommunizieren können.
Die Traumerzählungen seien daher eine wertvolle Strategie des Weiterlebens.
Fast alle Erzählerinnen und Erzähler von Schoah-Träumen machen darin eine
grundlegende Aporie zum Thema: die individuelle, dringlich gespürte
Notwendigkeit des Sprechens über die Erfahrung der nationalsozialistischen
Massenvernichtung – bei gleichzeitiger Sprachlosigkeit über die Verbrechen.
Träume bieten ihnen die Möglichkeit, genau das zu kanalisieren.
Die Erlebnisse und Erfahrungen in den Konzentrations- und
Vernichtungslagern werden in den Träumen oft weder kohärent noch linear
erzählt. Viele Träume entziehen sich einer eindeutigen Interpretation und
verleihen vor allem der erlebten Sinnlosigkeit eines Lebens im Lager
Ausdruck. In den erzählten Träumen sind zudem oft Namen, Stimmen,
Gesichter, Gesten, Berührungen und Blicke der Ermordeten aufgehoben, die
sonst wohl weitgehend vergessen werden würden. Manche Träume sind Träume
der verhinderten Heimkehr aus dem Lager und des verweigerten Essens oder
Alpträume, in denen Ermordete den Träumenden ihr Überleben vorwerfen. Für
andere Überlebende bildete das Träumen im Lager einen zeitweiligen
Fluchtraum vor der Realität.
Das Spektrum an narrativen Strukturen, Motiven und Funktionen bildet
Sollte-Gresser in ihrem Essay ausführlich ab. Den Originaltexten gibt sie
dabei ausreichend Raum. Wie allerdings die Überlebenden selbst über das
Erzählen ihrer Träume dachten oder heute denken, ist leider kein Thema in
„Traum und Reparation“; genauso wenig wie die Rolle der Lesenden oder eines
Publikums als Zeugen, die in Sollte-Gressers Theoretisierung des
reparativen Potenzials von Träumen noch stark hervorgehoben wird. Auch das
komplexe Verhältnis zwischen Träumen und dem nachträglichen Erzählen
darüber, das in der psychoanalytischen Traumdeutung ein wichtiges Thema
ist, bleibt unterbelichtet. Dennoch ist das, was die Autorin aus den
einzelnen Texten herausarbeitet, beeindruckend. Es sollte stärker
einfließen in unser verblassendes Wissen über die Schoah.
19 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Till Schmidt
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Holocaust
(DIR) Konzentrationslager
(DIR) Trauma
(DIR) Psychoanalyse
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