# taz.de -- Han Kang im Hamburger Thalia Theater: Metamorphosen und unruhige Träume
> Regisseurin Lilja Rupprecht inszeniert „Die Vegetarierin“ von
> Literaturpreisträgerin Han Kang. Die besondere Welt des Buches
> nachzuempfinden, gelingt ihr nur selten.
(IMG) Bild: Han Kangs „Die Vegetarierin“ wird nun in Hamburg inszeniert
Sie selbst kommt kaum zu Wort. Weder im Roman noch an diesem Theaterabend
am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße. Es sind die anderen, die von
ihr und über sie erzählen: Ihr Ehemann, ihr Schwager und ihre Schwester.
Sie, das ist Yeong-hye, [1][die „Vegetarierin“]. In dem gleichnamigen Roman
der südkoreanischen und 2024 mit dem [2][Literaturnobelpreis
ausgezeichneten Autorin Han Kang] beschließt Yeong-hye eines Morgens – nach
unruhigen, blutigen Träumen – kein Fleisch mehr zu essen. Ihre Umgebung ist
erschüttert. Doch „die Vegetarierin“ bleibt dabei: Sie will – aus Protest
gegen die Gewalt und den Sexismus in ihren Leben – die Kontrolle über ihren
eigenen Körper behalten und sich in eine Pflanze verwandeln.
Metamorphosen und unruhige Träume finden immer mal wieder ihren Weg auf die
Bühne. Erzählen sie doch von stillen Widerständen, die surreale Bild- und
damit Theaterwelten einfordern. Das mag auch die Motivation für die
Regisseurin Lilja Rupprecht gewesen sein. In drei Teilen, wie in der
Romanvorlage, erzählt sie vom langsamen, willentlichen Verschwinden ihrer
Protagonistin. Erzählt dies aus ebenjenen drei Perspektiven.
Zunächst bleibt Yeong-hye eine Leerstelle, ein leerer Plastikstuhl hinter
einer durchsichtigen Folie, die die Bühne verhängt. Davor tritt der
Schauspieler Patrick Bimazubute als ihr Ehemann auf. Er schwärmt länglich,
glücklich und ausreichend sexistisch von seiner „durchschnittlichen Frau“:
fügsam und pflegeleicht, keine Herausforderung. Dass sich das bald ändert,
ist das Thema des Abends.
Auf der Bühne hat sich inzwischen der Schauspieler Bernd Grawert eine
übergroße Maske übergestülpt: ein Topfschnitt mit kurzem schwarzem Pony und
eine Andeutung von einem, eher puppenhaften, asiatisch anmutenden Gesicht
(Bühne & Kostüme: Korbinian Schmidt). Die insgesamt vier Spieler*innen
(außerdem: Caroline Junghanns und Jannik Hinsch) werden sich im Wechsel
diese Maske aufsetzen und so die meist stumme Yeong-hye performen.
Traumwandlerisch bewegt diese sich dann hinter der Folie, abgeschirmt in
ihrer eigenen Welt. Ab und an treten die anderen Spieler*innen zu ihr,
versuchen gewaltvoll sie zum Essen zu überreden. Sind mal Mutter, mal
Vater, mal Schwager, mal Schwester. Und bald auch – in weißen Kitteln! –
Ärzte.
## Projektionen und aufwendige Effekte
Immer wieder baut Rupprecht surreale Szenen. Ein langes rotes Tuch wird
dann zum Symbol für würgendes Fleisch. Eine recht klägliche
Essstäbchen-Choreografie von Rônni Maciel steht für den gesellschaftlichen
Druck, den eine Familienfeier vermitteln soll, noch kläglichere
Arztkittel-Choreografien für die Übermacht in der psychiatrischen Klinik,
in die Yeong-hye schließlich eingewiesen wird. Oft auch liegt die
puppenhaft wirkende Yeong-hye-Figur einfach minutenlang matt über einem
riesigen grauen Stein, der die Bühne dominiert. Das sieht zwar interessant
aus, erzählt aber rein gar nichts.
Später am Abend öffnet sich der Raum, wird dann allerdings augenblicklich
von einer riesigen Folie eingenommen, diese wiederum von schier endlosen
Projektionen (Video: Rebecca Riedel). Blumen und nackte, schemenhafte
Körper tanzen dann über die mit Luft gefüllten, sich aufbäumenden
Folienberge. Dazwischen tauchen ab und an auch Darsteller*innen auf,
versuchen Kunst und Verführung zu spielen. Schließlich ist es ja Yeong-hyes
Schwager und Künstler (Jannik Hinsch), der in dieser Szene und in
zunehmender Erregung deren abgemagerten Körper mit Blumen bemalen und eine
große filmische Installation daraus zaubern will.
Der aufwendige Bühneneffekt verfängt nur kurz. Bald scheinen die
Spieler*innen darin buchstäblich zu ertrinken und ihr mühsamer Umgang
mit den schier endlosen Folien verhüllt bald jeglichen Rest-Inhalt. Wo war
noch mal das Mikro? Und was noch mal die Idee dieser Szene? Irgendwer
spricht noch von irgendwo ein bisschen Text. Doch je tiefer sich die
Darsteller*innen in diese Folienlandschaft und in den Kampf mit
derselben steigen, desto mehr steigt man als Zuschauer*in aus.
Mit drei Monologen, Caroline Junghanns übernimmt gegen Ende noch die
Perspektive der Schwester In-hye, und mit vielen, sehr, sehr vielen Mitteln
(bislang unerwähnt geblieben sind Schall, Musik und Rauch) versucht
Rupprecht für [3][„Die Vegetarierin“] mit aller Kraft eine ganz besondere
Welt zu schaffen. Es gelingt ihr nur sehr selten. Und es scheint ihr fast
egal zu welchem Preis. Der aber ist hoch. Auf der Strecke bleiben: die
Empathie für die Figuren, die Geschichte und damit und sowieso deren
Relevanz.
14 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Ullmann
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