# taz.de -- Debatte über künstliche Intelligenz: Entschleunigung mit Hintergedanken
       
       > Etwas langsamer bitte – mit diesem Ansinnen machen KI-Konzerne gerade
       > Schlagzeilen. Experten vermuten allerdings keinen Altruismus dahinter.
       
 (IMG) Bild: Künstliche Intelligenz? Nein, nur der Zoom auf eine beleuchtete Tastatur
       
       Nach der [1][Forderung] diverser [2][KI]-Unternehmen, die Entwicklung neuer
       Modelle zu verlangsamen, zeigen sich Experten skeptisch. „Natürlich ist das
       ein Stück weit PR“, sagt Michael Kolain vom Zentrum für Digitalrechte und
       Demokratie. „Die amerikanischen Anbieter setzen vor allem auf geschlossene
       KI-Systeme. Gleichzeitig kommt die größte Konkurrenz aus China, wo
       Open-Weight-Modelle entwickelt werden.“
       
       Die Architektur und Funktionsweise dieser Systeme seien zwar transparenter,
       aber ihr konkreter Einsatz sei weniger überprüfbar, weil sie auf den
       Rechnern der Nutzer unabhängig laufen können, was eine Kontrolle der
       Aufgaben, die Nutzer mit Sprachmodellen ausführen, unmöglich mache. Das
       könnte laut Kolain auch ein Grund dafür sein, dass OpenAI und Co. nun das
       Thema KI-Entwicklung in die Mitte des medialen Diskurses hieven. „Wenn
       Trump und Xi Jinping zusammentreffen, könnte man auf internationaler Ebene
       darüber sprechen, ob man sich bei der Entwicklung solcher Systeme zumindest
       abstimmt – mit dem Ziel, dass auch die chinesischen Anbieter ihre
       Entwicklung möglicherweise etwas mit drosseln.“
       
       ## Haftungsfragen im Fokus
       
       Die CEOs US-amerikanischer KI-Unternehmen hatten sich am Wochenende für ein
       niedrigeres Tempo bei der Entwicklung von KI-Modellen ausgesprochen.
       OpenAI-CEO Sam Altman etwa warnte vor „einer KI, die sich selbst immer
       weiterentwickelt, ganz ohne menschlichen Einfluss, und außer Kontrolle
       gerät“.
       
       Als weitere mögliche Motivation für die jüngsten Statements der
       US-KI-Unternehmer sieht Matthias Spielkamp von der NGO Algorithmwatch
       Haftungsfragen. „Die Firmen versuchen, die Verantwortung für die
       Fehlerhaftigkeit ihrer Produkte zu minimieren“, sagt er. Regulierungsfragen
       dürfen außerdem die geopolitische Realität nicht übersehen. „Wenn also
       jetzt die EU-Kommission oder auch einzelne Länder versuchen, etwas strikt
       durchzusetzen, wird eben sofort mit Zöllen gedroht“. Es brauche daher eine
       enge Zusammenarbeit, über Ländergrenzen hinaus.
       
       Als Beleg dafür, dass Deutschland sich stärker mit den Risiken von KI und
       Cyberangriffen befassen sollte, führt Spielkamp auch den Angriff auf
       Berliner Senatsverwaltungen im August an. „Da ist keine hoch entwickelte KI
       zum Einsatz gekommen, um Daten zu stehlen. Da solche Hacks jedoch durch den
       Einsatz von KI viel einfacher durchzuführen sind, sollte man derartige
       Risiken ernst nehmen.“
       
       In Hinblick auf aktuelle Debatten in den USA sieht Kolain noch weitere
       mögliche Gründe für Entschleunigungsplädoyers von OpenAI und Co. „Es ist
       auch ein Manöver, das von näher liegenden Problemen ablenken soll. In den
       USA gibt es Proteste gegen umweltschädigende Rechenzentren.“ Das mögliche
       Kalkül: Wenn Unternehmen verkünden, dass sie in Sachen Entwicklung
       langsamer machen, stehen sie in den Augen der Öffentlichkeit besser da.
       
       ## Nutzer als Versuchskaninchen?
       
       Als weiteren Grund sieht Kolain, dass die Unternehmen dann eher behaupten
       könnten, dass sie zumindest auf die Gefahren hingewiesen haben, falls doch
       was sehr schiefgeht. Er zieht einen Vergleich zur Pharmabranche, wo es auch
       strenge Prüfungen gibt, bevor ein Medikament auf den Markt kommt. „Nach dem
       Contergan-Skandal wurden innerhalb der Medizin auch die Regeln verschärft,
       um die Öffentlichkeit zu schützen.“ „So, wie es jetzt ist, sind die Nutzer
       die Versuchskaninchen.“
       
       Statt dem „Wir machen nun langsamer“-Statements hätte es Kolain besser
       gefunden, wenn die Unternehmen beispielsweise auf das AI Office der
       EU-Kommission oder die Regeln des europäischen KI-Gesetzes verwiesen
       hätten. Das AI Office kann Unterlagen und weitere Informationen von den
       Anbietern anfordern, um deren Einhaltung der Regeln zu überprüfen. Es kann
       zudem selbst Evaluierungen von KI-Modellen durchführen. Die EU-Kommission
       darf unabhängige Experten beauftragen. Bei Verstößen sind Geldbußen von bis
       zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes möglich.
       
       Einen Vorschlag, bezogen auf die aktuellen Entwicklungen, leitet Kolain
       direkt ab: „Wäre ich EU-Kommissionspräsidentin, würde ich diejenigen, die
       bei den KI-Unternehmen gekündigt haben, direkt anheuern, und sie als
       Mitarbeiter der KI-Aufsichtsbehörde die Kontrollen durchführen lassen.“
       
       14 Sep 2026
       
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