# taz.de -- Künstliche Intellligenz: Auch Chinas KP-Führung fürchtet Kontrollverlust durch KI
> US-Tech-Bosse warnen vor der Auslöschung der Menschheit durch KI. Derweil
> sorgen sich Pekings Parteikader in erster Linie um den eigenen
> Machterhalt.
(IMG) Bild: Bei der Regulierung von KI geht es vor allem um Machterhalt. Feier zum 105. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas
Als die Tech-Bosse aus dem Silicon Valley vor den Gefahren künstlicher
Intelligenz warnten, reagierte Peking instinktiv mit Misstrauen. Die
staatliche Global Times etwa wertete die Debatte als Versuch, Chinas rasant
voranschreitende KI-Industrie eindämmen zu wollen. Auch das
Außenministerium erklärte, die US-Forderungen nach Verlangsamung der
technologischen Entwicklung sei „Angstmacherei“.
Dabei gibt es auch in Peking immer mehr Experten, die einen Kontrollverlust
fürchten. Am Sonntag veröffentlichte ausgerechnet Chen Yixin, Minister der
berüchtigten Staatssicherheit, den bisher eindringlichsten Appell: „China
muss die Kontrolle über die Entwicklung und Regulierung künstlicher
Intelligenz fest in der eigenen Hand behalten“, [1][schrieb der
Geheimdienstchef in einem Essay].
Er warnte vor den äußeren wie inneren Gefahren der sich rasant
entwickelnden Technologie: Militärisch wird sie eine „Schlüsselrolle“ auf
dem Schlachtfeld spielen, zudem stellten ausländische KI-Modelle eine
erhöhte Spionagegefahr dar. Vor allem aber, so Chen, könne KI als
Instrument kognitiver Kriegsführung missbraucht werden: „Dies bedroht
unmittelbar unsere politische Sicherheit, die Sicherheit unseres Systems
und unsere ideologische Sicherheit.“
Chens Perspektive überrascht nicht: Übergeordnetes Ziel der Staatsführung
ist stets die Machtsicherung der Partei. Im Umgang mit der digitalen
Revolution hat die KP in den letzten zwei Dekaden eine große Entwicklung
durchgemacht: Als sie zunächst sah, wie die neuen sozialen Medien im
„Arabischen Frühling“ der frustrierten Jugend halfen, gegen korrupte
Autokraten zu mobilisieren, führte dies in China umgehend zu einer rigiden
Zensurpolitik.
## KI als willkommenes Mittel von Zensur und Kontrolle
Doch längst hat sich die Paranoia in Selbstbewusstsein verwandelt: Denn die
Partei hat entdeckt, wie sie die digitalen Plattformen als Instrument
politischer Kontrolle und Propaganda nutzen kann.
Diesen Kurs fährt sie nun auch bei künstlicher Intelligenz. Chinesische
Anbieter generativer KI werden bereits stark inhaltlich reguliert. Wer etwa
mit dem in Hangzhou entwickelten DeepSeek über die Biografie von Staatschef
Xi Jinping sprechen, mehr über die Kulturrevolution erfahren oder nach den
Antiregierungsprotesten zum Ende der Coronapandemie fragen möchte, wird
sofort abgewürgt.
Die Parteiführung hat der Branche auch strikte Vorgaben bei der
Kennzeichnung von KI-Inhalten auferlegt. Onlineplattformen müssen dafür
sorgen, dass sie keine nach chinesischem Recht verbotenen Inhalte
verbreiten und den Jugendschutz einhalten. Die Regulierungen sind also im
Vergleich mit den USA strikter.
Hinzu kommt, dass sich Peking auch wegen drohender Disruptionen auf dem
Arbeitsmarkt sorgt. „Technologischer Fortschritt führt nicht automatisch zu
einem Durchsickern auf den Arbeitsmarkt“, sagte bereits im letzten Jahr der
Ökonom Cai Fang von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften.
## Mit KI zur überlegenen sozialistischen Planwirtschaft
Doch pocht Chinas Parteiführung mitnichten an eine Verlangsamung der
KI-Forschung. Die Technologie steht bei Xi Jinping im Kern des chinesischen
Aufstiegs zur Weltmacht: Mithilfe künstlicher Intelligenz möchte er eine
sozialistische Planwirtschaft kreieren, die freien Marktwirtschaften
überlegen sein soll. Und vor allem will er die Technologieführerschaft
erzielen, um militärische Dominanz zu projizieren.
Dies beruht auf einem kollektiven Trauma: Unter Pekings Kadern herrscht die
Auffassung, dass „das Jahrhundert der nationalen Erniedrigung“ erst möglich
wurde, weil das alte China die technologischen Erneuerungen der
Industrialisierung verschlafen hatte. Während der Opiumkriege konnten die
dampfbetriebenen Kanonenboote der Briten die chinesische Armee in die Knie
zwingen. Nun dürfe sich die Geschichte unter keinen Umständen wiederholen,
schwört Xi seinen Kadern immer wieder ein.
Was aber bedeutet dies für die internationale Staatengemeinschaft? In
weniger als zwei Wochen werden sich die Staatschefs der zwei KI-Weltmächte
in Washington treffen. Immer mehr Experten fordern, dass Donald Trump und
Xi Jinping dabei auch einen Dialog zur KI-Regulierung führen sollten, ja am
besten ein bindendes Regelwerk anstreben.
Kritiker finden dies naiv. „Wenn die Volksrepublik China sich nicht an
Rüstungskontrollen beteiligt, weil sie militärisch hinterherhinkt, warum
glauben die Leute dann, dass sie sich bei KI in sinnvoller Weise darauf
einlassen würde?“, meint Bill Bishop, langjähriger China-Beobachter und
Autor des Newsletters Sinocism. Dem stimmt auch Sari Arho Havrén,
China-Expertin bei der britischen Denkfabrik RUSI, zu: „KI ist Teil von
Chinas Plan, militärisch aufzuholen. Chinas Streitkräfte sehen in KI eine
Abkürzung, um zur konventionellen militärischen Stärke der USA
aufzuschließen. Kein Land stimmt einer Beschränkung ausgerechnet bei dem
Bereich zu, auf den es seine Hoffnungen setzt.“
15 Sep 2026
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(DIR) Fabian Kretschmer
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