# taz.de -- KI oder Mensch: Wer ist intelligenter?
       
       > Schon die Frage ist eine gefährliche Ablenkung. Im Kampf um unsere
       > Lebensgrundlagen braucht es einen anderen Maßstab.
       
 (IMG) Bild: KI wird manchmal mit Papageien verglichen und manchmal mit Menschen
       
       Als Tiangong Ultra in Weltrekordzeit durchs Ziel rast, bleibt er nicht
       stehen. Er rennt weiter und prallt gegen eine riesige aufrecht stehende
       Turnmatte. Seine schlaksigen Beine zappeln beim Zusammenstoß in der Luft,
       dann kommen sie wieder auf, und er läuft verwirrt zur Seite. Seine Rivalen,
       die nach ihm gegen die Matte knallen, fallen um und bleiben mit verrenkten
       Gliedmaßen am Boden liegen.
       
       Sprinten klappt bei zweibeinigen Robotern schon ziemlich gut. Grazil
       anhalten noch nicht.
       
       Tiangong Ultra ist eine menschenähnliche Maschine; schwarzer Rumpf, weiße
       spindeldünne Arme und Beine. Oben sieht er aus, als hätte jemand einem
       Lego-Männchen den Kopf abgezogen: Ein kurzer blau leuchtender Hals, dann
       kommt nichts mehr. Vergangenes Wochenende [1][trat Tiangong Ultra bei den
       World Humanoid Robot Games im Hundertmeterlauf an]. In einer großen Halle
       in Peking (draußen könnte es ja regnen) schossen humanoide Roboter Tore,
       spielten Tischtennis, sprinteten und sprangen.
       
       Maßstab ist bei alldem: der Mensch. Treffen die Maschinen besser oder
       schlechter den Ball, kommen sie schneller oder langsamer ins Ziel? Dass
       Tiangong Ultra nun ein Roboterstar ist, liegt auch am menschlichen
       Vergleich. Mit ihm rannte zum ersten Mal ein Roboter die 100 Meter in 9,39
       Sekunden. Schneller als der Sprinter Usain Bolt, der den menschlichen
       Rekord von 9,58 Sekunden hält.
       
       ## Ein dummer Gedanke
       
       Es ist ein Wettbewerb, der weniger über technische Fortschritte erzählt als
       über menschliche Dummheit und ihren Kern: dass wir uns zum Zentrum der Welt
       erklärt haben. Es ist ein Gedanke des Systems, mit dem wir unseren Planeten
       ruinieren.
       
       Dass Maschinen höhere Geschwindigkeiten schaffen können als Menschen, ist
       keine Nachricht. Schon als Richard Trevithick an Heiligabend 1801 seine
       dampfbetriebene Straßenlokomotive erstmals öffentlich durch die englische
       Grafschaft Cornwall fahren ließ, [2][notierten Beobachter] erstaunt, dass
       das Gefährt schneller fuhr, als sie gehen konnten.
       
       Wir haben Sportwagen und Schnellzüge gebaut, die 500 Stundenkilometer
       fahren können. Um die Schwerkraft der Erde zu verlassen, muss eine Rakete
       27.500 Stundenkilometer schnell fliegen. Der Mensch ist nicht die Grenze,
       nicht einmal eine besonders interessante Referenz.
       
       Trotzdem ist unser Verständnis von Fortschritt bis heute extrem
       menschenzentriert. Gerade beim Thema künstliche Intelligenz. Und lenkt uns
       damit vom Wesentlichen ab.
       
       Wenn wir über KI reden, geht es oft um die Frage: Ist sie klüger als wir
       Menschen, oder kann sie es werden? In Reaktion darauf gibt es ein Muster:
       Kommt eine Expertin zu dem Schluss, dass große Sprachmodelle weniger klug
       sind als wir Menschen, wirkt das beruhigend. Puh, doch alles nicht so
       schlimm. Wir bleiben ganz oben, die Krone der Schöpfung, die einzige
       Spezies, die einen Toaster mit WLAN-Verbindung bauen kann. Sagt ein Experte
       aber das Gegenteil, dann steigt die Panik.
       
       ## Eine Skala von eins bis Mensch
       
       Der Maßstab ist auch hier das Problem. Wir definieren Intelligenz und ihre
       Risiken auf einer Skala von eins bis Mensch. Aber KI ist nicht
       ungefährlich, solange sie weniger klug ist als Menschen. Und sie schaltet
       auch nicht plötzlich auf ein Terminator-Level um, sobald der Referenzpunkt
       Mensch überschritten wird. Die Diskussionen über das Horrorszenario einer
       superintelligenten KI dienen vielmehr der Ablenkung vor realen Gefahren,
       die nicht in der Zukunft liegen, sondern heute schon da sind.
       
       In der KI-Forschung gibt es für die Argumentation, bei KI könne man
       überhaupt nicht von Intelligenz sprechen, das berühmte Bild vom
       Stochastischen Papagei. Computerlinguistin Emily Bender hat den Begriff
       gemeinsam mit Kolleginnen geprägt. Dabei geht es darum, dass sogenannte
       Large Language Models, auf denen Anwendungen wie ChatGPT basieren,
       eigentlich nur nachplappern; dass sie menschliche Sprache imitieren, indem
       sie auf Basis vieler, vieler Daten und statistischer Berechnungen
       vorhersagen, was die wahrscheinlichste nächste Silbe ist – und so einen
       Text zusammenbauen.
       
       So funktioniert Text generierende KI. Trotzdem entgegnen andere, dass man
       es sich nicht so einfach machen könne. Selbst wenn KI kein Bewusstsein
       habe: Sei das nicht ab einem bestimmten Grad der Fähigkeiten egal? Der
       deutsche KI-Forschungspionier Hans Uszkoreit zum Beispiel ging früher davon
       aus, dass eine künstliche Superintelligenz noch viele Jahrzehnte entfernt
       sei, wenn sie überhaupt komme.
       
       In diesem Jahr sagt Uszkoreit, er und viele andere hätten die
       Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt. Zwar sei eine solche
       allgemeine künstliche Intelligenz längst noch nicht da, aber man müsse sich
       beeilen, die Sicherheitsforschung rund um KI genauso schnell voranzutreiben
       wie die Technik selbst, um keine unkontrollierbaren Systeme zu schaffen.
       
       ## KI war ein Marketingbegriff
       
       Intelligenz heißt, [3][aus bestehendem Wissen neues Wissen abzuleiten], so
       definieren es einige Wissenschaftler*innen. Aber wenn man nachfragt, sagen
       viele Forschende: Was Intelligenz wirklich ist, wissen wir eigentlich noch
       nicht. Das meint auch [4][der Robotiker Oliver Brock], der in Berlin einen
       interdisziplinären Forschungsbereich zu Science of Intelligence leitet.
       
       Das Konzept Intelligenz wurde in der Geschichte schon viel zu oft für
       rassistische oder [5][sexistische] Zwecke missbraucht. Der Begriff
       künstliche Intelligenz ist zudem gar keine präzise Bezeichnung einer
       bestimmten Technologie. Tatsächlich meinte der Begriff in den letzten 70
       Jahren immer wieder unterschiedliche Dinge. [6][[Link auf
       https://www.zeit.de/digital/2024-05/kuenstliche-intelligenz-meredith-whitta
       ker-fortschritt-ueberwachung]]
       
       [7][Als der Informatiker John McCarthy ihn 1956 erfand], wurde bereits
       jahrelang unter anderen Namen daran geforscht, wie eine maschinelle
       Architektur neuronaler Netzwerke aussehen könnte. KI, das war von Anfang an
       ein Marketingbegriff. Als McCarthy ihn sich ausdachte, während des Kalten
       Krieges, steckte die US-amerikanischen Regierung gerade viel Geld in
       technische Forschung. Künstliche Intelligenz, das klang für McCarthy nach
       etwas, in das der Staat Fördermittel stecken könnte.
       
       KI-Anwendungen können schon heute diverse Aufgaben besser erledigen als wir
       Menschen. Dass Maschinen und Systeme uns übertreffen, ist eigentlich etwas,
       an das wir gewöhnt sein sollten. Computer rechnen besser als wir,
       Fabrikmaschinen füllen mehr Joghurtbecher pro Minute, OP-Roboter schneiden
       präziser, als Menschen es könnten. Wenn es aber um Intelligenz geht, wird
       es uns unheimlich.
       
       ## Anders intelligent
       
       Dabei ist auch menschliche Intelligenz eben nicht das Maß aller Dinge. Es
       gibt nicht nur mehr oder weniger intelligent auf der Menschenskala, sondern
       auch: anders intelligent.
       
       Ameisen zum Beispiel sind Meisterinnen gemeinsamer Problemlösung. Davon
       lernt die Robotik schon lange. In der Intelligenzforschung nennt man diesen
       Bereich kollektive Intelligenz. In [8][einem Experiment] haben
       Forscher*innen Gruppen von Menschen und Ameisen geometrische
       Rätselaufgaben gestellt, etwa einen sperrigen Gegenstand durch enge Gänge
       zu manövrieren.
       
       Das Ergebnis: Wenn Ameisen in Gruppen arbeiten, können sie ihre Leistung
       dadurch extrem steigern. Bei Menschen passiert das nicht im selben Maße.
       Sie machen sich das Finden einer Lösung gegenseitig schwer und neigen zu
       schnellen, unüberlegten Ansätzen.
       
       Nimmt man als Maßstab, wie gut wir es schaffen, Dinge zusammen richtig zu
       machen, müsste man sogar sagen, dass Menschen ziemlich dumm sind. Man muss
       kein Schachweltmeister sein, um zu kapieren, dass es zum Beispiel keine
       besonders schlaue Idee ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.
       
       Wenn Unternehmen in einer Gegend die Wälder abholzen, die Gewässer leer
       fischen und die Getreidefelder überdüngen, dann nennen wir das ernsthaft
       Wachstum – weil mit der Buche, dem Dorsch und dem Weizen kurzfristig Profit
       gemacht werden kann. Die Kurven des Bruttoinlandsprodukts zeigen nach oben,
       obwohl langfristig alle außer einer kleinen Elite dadurch verlieren werden.
       
       ## Ein neuer Maßstab
       
       Forschende haben für das Umweltbundesamt [9][ausgerechnet], dass die
       Treibhausgasemissionen, die Deutschland im Jahr 2024 emittiert hat, die
       Welt 647 Milliarden Euro kosten. Das ist die Summe der Folgekosten für
       jetzige und künftige Generationen, solange die Emissionen in der Atmosphäre
       sind. Wenn Deutschland also schon 2024 klimaneutral gewesen wäre, hätte die
       Menschheit 647 Milliarden Euro gespart. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt
       2027, dessen Entwurf das Kabinett im Sommer beschlossen hat, sieht Ausgaben
       in Höhe von 555 Milliarden Euro vor.
       
       Es ist eigentlich eine ziemlich einfache Rechnung. Heile Erde = Leben.
       Kaputte Erde = Tod.
       
       Wir sind ein Wesen unter vielen. Da ist die Wildbiene, da ist das Seegras,
       da ist der Mensch. Dass wir das vergessen haben, ist das Grundproblem.
       
       Auch für die Klimakrise [10][wird KI als Lösung präsentiert]. Etwa in Form
       von smarterer Landwirtschaft oder einer besseren Aussteuerung erneuerbarer
       Energien. Dabei übersehen wir, dass die Lösung menschlicher Probleme oft
       nicht zu wenig Intelligenz ist. Sondern zum Beispiel zu wenig Kooperation.
       
       Natürlich kann technischer Fortschritt helfen. Aber eigentlich fehlt es uns
       nicht an Wissen, es fehlt uns nicht an Technik. Alles, was wir für eine
       Klimawende benötigen, ist längst da. Wir brauchen keine neuen smarten
       Roboter. Was wir brauchen, ist ein neuer Maßstab.
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /World-Humanoid-Robot-Games/!6206685
 (DIR) [2] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d1/History_and_development_of_steam_locomotion_on_common_roads_(IA_cu31924022808731).pdf
 (DIR) [3] https://video.ethz.ch/speakers/lecture/v/DoOvHZOAx0O
 (DIR) [4] https://exzellent-erklaert.podigee.io/65-prinzipien-der-intelligenz
 (DIR) [5] /Sexismus-beim-Intelligenzbegriff/!6081724
 (DIR) [6] https://www.zeit.de/digital/2024-05/kuenstliche-intelligenz-meredith-whittaker-fortschritt-ueberwachung
 (DIR) [7] https://www.zeit.de/digital/2024-05/kuenstliche-intelligenz-meredith-whittaker-fortschritt-ueberwachung
 (DIR) [8] https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2414274121
 (DIR) [9] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/klimaschutz-zahlt-sich-aus-jede-eingesparte-tonne
 (DIR) [10] https://www.bmz-digital.global/news/kuenstliche-intelligenz-gegen-die-klimakrise/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luise Strothmann
       
       ## TAGS
       
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