# taz.de -- Kracht und Kitamura beim ilb: Schock und Jubel
> Das Berliner Literaturfestival ist vorbei. Christian Kracht und Katie
> Kitamura sprachen über das Schreiben und Regeln, die man brechen darf.
(IMG) Bild: Unterhielten sich gut: Moderator Alexander Wells, Katie Kitamura und Christian Kracht (v. l.)
Wenn Schreibende über das Schreiben reden, dann interessiert das
zuvörderst: Schreibende. So würde man annehmen zumindest und die
Besucher:innenprognose bei einer Veranstaltung mit dem Titel „The
Art of Writing“ niedrig ansetzen. Wenn dann der Saal voll besetzt ist, kann
man erstaunt feststellen, dass es offenbar mehr Schreibende unter uns gibt
als angenommen, oder die vorherige Annahme revidieren. Beides wäre zu
begrüßen.
Aus welchen Ideen am Ende Bücher entstehen, in dieser Gleichung kommt auch
immer dem Zufall ein Posten zu. Die US-amerikanische Autorin Katie
Kitamura, die an diesem Donnerstagabend auf der Bühne im Haus der Berliner
Festspiele sitzt, umschreibt diesen Umstand so etwa mit „gutartiger
Vernachlässigung“; sie trage Ideen oft jahrelang mit sich herum, schiebe
sie weg. Romanstoff werde dann, was diese Vernachlässigung überlebe.
Christian Kracht erzählt, wie er in seinem Schreiben kaum strukturiert, die
Ideen kämen zu ihm „wie im Traum“. Womöglich träumte der Schweizer
Schriftsteller in den letzten Jahren besonders wild, schien doch die
seltsame, Fantasy-artige Parallelwelt, die er [1][in seinem letzten Roman
„Air“] entstehen ließ, mit der Feder der Träume gezeichnet. „Tell a dream,
lose a reader“, zitiert Kracht nach Henry James und lacht. Dass die
„Air“-Szenerie tatsächlich im Schlaf zu ihm kam, bekennt er dann auch. Er
träume seit seiner Kindheit von einer weiten Landschaft, die er nun endlich
einmal in einem Roman beschrieben habe, sagt er.
Die Welt von Katie Kitamuras Erzählerin ist hingegen deutlich kleiner.
[2][In „Intimitäten“ verbringt die Protagonistin ihre Zeit am Gerichtshof
in Den Haag in einer Übersetzerkabine,] von wo aus sie allerdings die ganz
großen Verbrechen in Sprache packt und für Kriegsverbrecher übersetzt. Dass
es mitunter aufs einzelne Wort ankommt, weiß die Erzählerin dabei wie
Kitamura selbst: Jeder ihrer genauen Sätze trifft ins Ziel, wirft Licht auf
die menschliche Psyche.
## Krachts Komplimente
„Shockingly good“ schreibe Kitamura, urteilt Kracht, der überhaupt sehr
zugänglich auftritt an diesem Abend. Mehrfach komplimentiert er der
Schriftstellerkollegin aus den USA, und dann bekennt er noch, dass er
weitere Übersetzungen seines Erstlings „Faserland“ untersagt habe, weil er
findet: „Es ist einfach kein so gutes Buch.“ Das Publikum honoriert das
Ganze mit wohlwollendem Lachen.
Man ist den Gästen zugetan, beim Internationalen Literaturfestival, im
Publikum sitzen zuvörderst Fans, Fans der Autorinnen und Autoren, Fans aber
auch von Literatur generell. Das war etwa auch zu spüren bei der
ausverkauften Lesung des Amerikaners Dave Eggers, dessen Charisma die
Zuhörer:innen sichtlich fesselte. Eggers veröffentlichte zuletzt
[3][mit „Contrapposto“ einen Künstlerroman] und erzählte in Berlin, dass er
kein Smartphone besitze. Als er dann noch zu einer Brandrede gegen
Tech-Faschisten und KI ansetzte, erntete er tosenden Applaus.
Und sogar die Personalie Boualem Sansal geriet nicht zum Politikum. Der
algerisch-französische Schriftsteller steht dem Festival in diesem Jahr als
Schirmherr vor und war wegen Kritik an der algerischen Regierung 2024
inhaftiert worden. Auslöser waren Aussagen in einem Interview gewesen, das
er in Frankreich dem rechtsextremen Medienportal „Frontières“ gegeben
hatte. In Frankreich ist Sansal umstritten, war er doch [4][nach seiner
Freilassung im November 2025] für eine Vorschusssumme von 1 Million Euro
von Gallimard zu Grasset, dem Verlag des rechtsextremen Medienunternehmers
Vincent Bolloré, gewechselt. Beinahe zeitgleich [5][verließen 250
renommierte Autor:innen Grasset.]
Kritik an der Schirmherrschaft Sansals über das internationale
Literaturfestival wurde hierzulande dabei kaum laut. Zwar richtete das
Festival eine Diskussion mit Sansal aus, in der auch sein umstrittener
Verlagswechsel zur Sprache kam, doch nahm die sich laut FAZ eher seltsam
aus. „Raunend“ sei es da zugegangen, hieß es.
13 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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