# taz.de -- Debatten um den Friedenspreisträger: Was treibt Boualem Sansal?
       
       > Hat sich Boualem Sansal, der Kämpfer gegen Diktatur und autoritäre
       > Religion, den Rechten zugewandt? Auf Fragen der taz antwortet der Autor
       > per Mail.
       
 (IMG) Bild: Fühlt sich in der gegenwärtigen Debatte wie ein Punchingball: Boualem Sansal
       
       Boualem Sansal fühlt sich missverstanden. Noch zum Jahresbeginn wurde der
       81-jährige franco-algerische Erfolgsautor nach seiner Begnadigung und
       Haftentlassung in seiner Heimat Algerien in der einstigen Kolonialmacht
       Frankreich mit Anerkennung überschüttet und sogar in die Académie française
       – der Institution, die über die französische Sprache wacht – aufgenommen.
       Jetzt, nur wenige Monate später gilt Sansal vielen – vor allem auf der
       fortschrittlichen Seite der französischen Presselandschaft – als jemand,
       der den Werten der Republik abgeschworen hat, ja zur extremen Rechten
       übergelaufen ist.
       
       „Unerträglich“ sei die Stimmung in Frankreich geworden, beschwert sich
       Sansal und ging gar so weit anzukündigen, er werde Frankreich verlassen.
       „Erst werde ich wie ein französischer Held empfangen, dann suchen sie nach
       einem Vorwand, um alle Auszeichnungen infrage zu stellen und mich zu
       ächten. Und wenn ich sage: ‚Gut, dann gehe ich‘, nennen sie mich
       undankbar“, schreibt er in E-Mails, nachdem die taz ihm Fragen zugemailt
       hat.
       
       Der Auslöser für den Umschwung der öffentlichen Meinung: Sansal, Schirmherr
       des diesjährigen Literaturfestivals in Berlin, hat nach 27 Jahren
       Frankreichs wohl prestigereichstem Verlag, Gallimard, den Rücken gekehrt
       und ist [1][zu Grasset gewechselt.] Grasset gehört zur Hachette-Gruppe und
       damit zum Medienimperium des rechtsextremen Unternehmers und Milliardärs
       Vincent Bolloré. Dieser schaltet nach und nach alles gleich, was er unter
       seine Kontrolle bekommt: Verlage, Zeitungen, Fernsehsender und wohl auch
       Grasset.
       
       Das Datum des Verlagswechsels hätte symbolträchtiger nicht sein können. Es
       wurde bei der Feier zum 200. Gründungstages des Hauses Hachette
       bekanntgegeben. Sansal sei „wie eine Trophäe hochgehalten worden“, so die
       wichtigste Tageszeitung Frankreichs, Le Monde. Im Publikum saß so mancher
       aus dem identitären Lager und dem Umfeld der rechtsextremen Rasseblement
       National von Marine Le Pen.
       
       ## Verlagswechsel eine private Angelegenheit?
       
       Seither reißen die Spekulation über einen politischen Schwenk des Algeriers
       – der sich selbst als Kämpfer für Meinungsfreiheit, gegen Korruption,
       Diktatur und autoritäre Religion sieht – nicht ab. „Bevor ich zu Grasset
       ging, hat niemand gesagt: Die Leute, die bei Grasset sind, sind bei
       Bolloré“, schreibt Sansal weiter in den Mails an die taz. Er kenne den
       Unternehmer nicht, habe ihn nie gesehen. Der Verlagswechsel sei eine
       „private Angelegenheit“, schreibt der Träger zahlreicher französischer und
       internationaler Preise, darunter des Friedenspreises des Deutschen
       Buchhandels.
       
       Ein weitaus höheres Honorar für sein bereits angekündigtes Buch über den
       Haftaufenthalt in Algerien dürfte nicht ganz unwichtig gewesen sein.
       Außerdem wollte Gallimard das Werk überarbeitet sehen, um es im Herbst
       erscheinen zu lassen. Grasset hingegen bringt es bereits am 2. Juni heraus
       – wohl weitgehend ohne Überarbeitung. Die war auch bei Grasset vom
       bisherigen Verlagschef Olivier Nora angemahnt worden, doch dem wurde
       mittlerweile durch Bolloré gekündigt. Nach diesem Führungswechsel verließen
       über 100 Autoren den Verlag. Es ziehen ganz offensichtlich neue Zeiten im
       einst liberalen Haus auf, auch wenn Sansal das nicht wahrhaben will.
       
       Sansal sieht sich als Opfer einer „Diktatur des Denkens“ und einer
       „Handvoll Gedankenoligarchen“. Doch die Vorwürfe gegen ihn haben Gewicht.
       „Verrat“ an Gallimard-Chef Antoine Gallimard sei der Wechsel, so die
       Tageszeitung Liberation. Schließlich habe dieser alles getan, dass der
       schwerkranke Sansal in der Haft nicht vergessen wurde, und Gott und die
       Welt in Bewegung gesetzt, um schließlich seine [2][Begnadigung und
       Freilassung] mithilfe des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter
       Steinmeier zu erreichen.
       
       Der unbequeme Sansal hätte wegen „Verbrechen gegen die Einheit Algeriens“
       eigentlich [3][fünf Jahre absitzen] müssen, was einem Todesurteil für einen
       schwerkranken Mann über 80 gleichgekommen wäre.
       
       ## Ist Sansal undankbar?
       
       Trotzdem steht der streitbare Algerier seiner Begnadigung ablehnend
       gegenüber. „Antoine Gallimard hat einen diplomatischen Weg bevorzugt, um
       mich zu verteidigen“, schreibt der Autor in le Monde zur Erklärung, warum
       er sich mit Gallimard überworfen hat. Er verstehe und respektiere das.
       „Aber das entspricht nicht meiner Linie des Widerstandes gegen das grausame
       und gewalttätige Regime, zu dem ich fest entschlossen war“, so Sansal. Der
       Vorwurf seitens der Presse, „undankbar“ zu sein, ließ nicht auf sich
       warten.
       
       Sansal fühlt sich als „Punchingball“, schreibt er der taz. Natürlich werde
       er Frankreich, wo er seit 2024 dank Präsident Macron die Staatsbürgerschaft
       genießt, nicht verlassen. Das habe er im Affekt gesagt. „Ich werde Tag und
       Nacht schikaniert, bin völlig erschöpft und zudem sehr krank. Es ist, als
       wollten sie mich umbringen, mich in den Selbstmord treiben“, legt er dann
       noch einmal richtig nach.
       
       Dann geht Sansal auf die konkreten Vorwürfe ein: rechtsextrem? Diesen
       Vorwurf schiebt der Schriftsteller weit von sich. „Ich sehe vor allem, dass
       die extreme Rechte meine Analysen des Islamismus, wie ich ihn in Algerien
       erlebt habe, auf Frankreich übertragen hat“, schreibt er.
       
       Es gebe tatsächlich Ähnlichkeiten zwischen dem Islamismus in Algerien und
       dem Islamismus in Frankreich, was angesichts der großen algerischen
       Gemeinde in Frankreich und ihrer Verbindungen zum Land verständlich sei.
       Doch die extreme Rechte eigne sich „Ideen an und konzentriert sich dabei
       stets auf dieselben Themen: Islamismus und Einwanderung“.
       
       ## Islamismus als gefährliches Phänomen
       
       Sansal verheddert sich immer mehr in einem stark polarisierten Frankreich
       in Zeiten des Aufschwungs des Lagers um Le Pen. Eine Art Selbstläufer: Wer
       erst einmal als der extremen Rechten nahestehend gilt, wird von liberalen
       und linken Medien und Intellektuellen gemieden, während rechte Medien –
       darunter auch die im Besitz von Bolloré – ihn suchen. Der Eindruck, dem
       „anderen Lager“ anzugehören, verstärkt sich so immer mehr.
       
       Mit den unbequemen Aussagen, die er immer wieder trifft, macht er es sich
       sicher nicht einfacher. „Islamismus ist ein sehr gefährliches soziales und
       kulturelles Phänomen; er sollte normalerweise ein Schlachtfeld der Linken
       sein. Da die Linke jedoch ihre soziale Basis – die Arbeiterklasse, die sich
       geschlossen der extremen Rechten zugewandt hat – verloren hat, sucht sie
       nun Stimmen unter muslimischen Wählern und Einwanderern. Daher lehnt sie
       jede Debatte über Islam, Islamismus und Einwanderung ab, um ihre
       muslimischen und eingewanderten Wähler nicht zu verprellen“, erklärt Sansal
       gegenüber der taz.
       
       Hat er mit dieser Kritik die Grenzen überschritten? Für so manchen in
       Frankreich: ja. Wer Sansals Herkunft und das kennt, was er im blutigen
       Konflikt in den 1990er Jahren in Algerien erlebte und den damaligen
       Ingenieur im hohen Staatsdienst im Alter von über 50 Jahren zum Schreiben
       brachte, kann aber auch nur zu gut nachvollziehen, was ihn treibt.
       Monatelang konnte er aus Angst von radikalen, bewaffneten Islamisten,
       aufgegriffen und – wie so viele – ermordet zu werden, sein Haus nicht
       verlassen. An eine Fahrt ins 40 Kilometer entfernte Algier war in den
       Jahren des Terrors, der rund 200.000 Menschen das Leben kostete, nicht zu
       denken. Sansal schloss sich ein und schrieb und schrieb und schrieb. Es war
       eine Art des Exorzismus.
       
       ## Wo ist die Linke?
       
       Vergebens versucht der Algerier, in der Tradition großer französischer
       Intellektueller, weiter seinen eigenen, dritten Weg zwischen den Polen
       zugehen. Er, der Atheist aus muslimischem Land, sei schon immer links
       gewesen, schreibt er der taz. „Aber wo ist die Linke? Weder die bürgerliche
       Linke noch die globalistische Linke hat Wurzeln im Land, insbesondere nicht
       in der Arbeiterklasse“, urteilt Sansal.
       
       Dann schlägt er einen Diskurs ein, der vor eineinhalb Jahrzehnten als
       Gedankenwelt der „Empörten“ à la Stéphane Hessel breite Sympathie genossen
       hätte. Sansal sieht die politische Landschaft als „zersplittert und
       korrupt“. Parteien und Politik gingen nicht mehr auf die Bedürfnisse der
       Bevölkerung ein.
       
       „Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Politik“, erklärt Sansal,
       bevor er erneut austeilt. „Wie viele andere bin ich von der Linken
       desillusioniert. Sie hat ihren Weg verloren und zum Aufstieg des Front
       National beigetragen. Sie ist schuldig und verantwortlich für den Aufstieg
       des Islamismus und der Islamophobie.“ Boualem Sansal kann einfach nicht
       stillhalten und verstrickt sich so immer weiter im komplexen und doch so
       einfachen und erwartbaren Frankreich dieser Tage.
       
       12 May 2026
       
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       an.
       
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       Abistan.