# taz.de -- Literarischer Abend über das Schlachten: Die Lust am Fleisch
       
       > Beim Internationalen Literaturfestival Berlin stand einen Abend lang das
       > Schlachten im Mittelpunkt. Im Metzger steckt hohes literarisches
       > Potenzial.
       
 (IMG) Bild: Schicksal der Unsichtbarkeit: Wenn der Metzger hinter dem Fleich verschwindet
       
       Eine Auseinandersetzung mit den Produktionsbedingungen der Fleischindustrie
       führt in der Regel recht zuverlässig dazu, dass einem die Lust an ihren
       Produkten vergeht. Mit großen Werbebudgets beschwören die Fleischkonzerne
       das Bild des gemütlichen Dorfmetzgers mit Pausbacken, der selbst zu seinen
       besten Kunden zählt, denn die fatalen Konsequenzen unserer Fleischeslust
       für Umwelt und Klima sind hinlänglich bekannt.
       
       Im menschlichen Verhältnis zu jenen Spezies, die das Pech haben, zur
       Kategorie der Nutztiere zu zählen, zeigt sich ganz unverhüllt die
       kapitalistische Misere. Schon dieser Begriff manifestiert den Sieg unserer
       Spezies über alle anderen in der Sprache und zeugt von der
       Profitmaximierung aller Bereiche des Lebens und Sterbens. Aber wenn sich im
       Akt des Schlachtens die ganze Absurdität einer Wirtschaftsweise zuspitzt,
       dann steckt in der Figur des Metzgers, der das Tier zum Fleisch macht, ganz
       automatisch ein hohes literarisches Potenzial.
       
       Dieses Potenzial erforschte der Abend „Schlachten: Neue europäische
       Stimmen“ beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Gleich drei
       Autor*innen samt Übersetzerinnen sprachen über ihre Debüts, die sich
       alle im weitesten Sinne mit Fleisch und seiner Produktion beschäftigen und
       die die Figur der Metzger*in ganz unterschiedlich begreifen, da der Akt
       des Schlachtens von einer Vielzahl an Metaphern und Bedeutungen umgeben
       ist.
       
       Im Tagebuchstil schildert der spanische Schriftsteller Munir Hachemi in
       „Lebendige Dinge“ seine Erfahrungen als Saisonarbeiter in einer
       französischen Geflügelfabrik und verquickt dabei genaue Darstellungen der
       Arbeitsabläufe mit poetologischen Fragen nach der Möglichkeit von
       Literatur. Wie kann das Grauen der dort Ausgebeuteten und der Tiere
       sprachlich für einen Moment zum universellen Grauen werden? Allerdings: Er
       wollte dezidiert kein aktivistisches Buch mit bekehrendem Anspruch
       schreiben, sagt Hachemi.
       
       Nicht nur wegen des französischen Settings denkt man unweigerlich an das
       eindrückliche Langgedicht „Am Laufenden Band“ von Joseph Ponthus oder
       [1][Heike Geißlers] Amazontagebuch „Saisonarbeit“, die auf ihre Weise
       versuchen, der entwürdigenden Tätigkeit doch eine Bedeutung abzuringen.
       
       ## Trost und Sinnlichkeit
       
       Die finnische Autorin Mariia Niskavaara beschwört derweil die Lust am
       Fleisch. „Esther, die Metzgerin“ handelt von einer Frau, die über die
       sinnliche Erfahrung des warmen Fleisches einen Schlüssel zu sich und ihrem
       Körper findet. Das Zerteilen von Knorpel und Sehnen spendet ihr sinnlichen
       Trost in einer digitalisierten und aseptischen Welt. Entgegen der bekannten
       Erzählung, dass Fleischkonsum am Ende unser Untergang sei, wird das
       Schlachten hier zum feministischen Erweckungsmoment.
       
       Dem Publikum entlockt die Protagonistin Esther mit ihrer Deadpan-Delivery
       die meisten Lacher dieses Abends, die Autorin selbst gibt zu bedenken, dass
       dies wohl auch einfach mit der kurzen Satzstruktur der finnischen Sprache
       zu tun hat, doch tatsächlich kann Esther vor allem mit ihrer Derbheit
       punkten.
       
       Den kurzweiligen Abend beschließt der Niederländer Manik Sarkar, der sich
       bisher vor allem als Übersetzer verdingt und mit „Ochsenkopf“ eine
       Geschichte erzählt, die wie ein Künstlerroman daherkommt, weil der
       Protagonist zwar mit hoher Kunstfertigkeit Tiere filetieren kann, mit
       menschlichen Artgenossen allerdings über Kreuz liegt. Zur Figur des
       entrückten Metzgers Rensing wurde Sarkar durch das gemeinsame Schicksal der
       Unsichtbarkeit inspiriert, dass der Beruf des Metzgers mit dem des
       Übersetzers teilt, sagt er.
       
       Wie alle drei Debütanten versteht auch Sarkar den Metzger als universelles
       literarisches Bild, in dem viele Bedeutungslinien der Gegenwart
       ineinanderlaufen. Ob man hier nun einem neuen literarischen Trend auf der
       Spur ist, sei dahingestellt, doch wenn es an diesem Abend aufgrund
       kapitalistischer Verhältnisse nicht immer um die unschuldige Fleischeslust
       gehen konnte, so wurde doch immerhin vielfach die Lust am Text beschworen.
       
       8 Sep 2026
       
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