# taz.de -- Vor den Wahlen in Brasilien: Telenovela in der brasilianischen Justiz
       
       > Kurz vor der Präsidentschaftswahl tauchen neue Ermittlungserkenntnisse
       > gegen Flávio Bolsonaro auf. Auch der Oberste Gerichtshof könnte
       > verwickelt sein.
       
 (IMG) Bild: Präsidentschaftskandidat der Opposition: Flávio Bolsonaro auf einer Wahlkampfveranstaltung in Manaus
       
       Knapp drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl geht es in Brasilien zu wie
       in einer Telenovela. Gegen den Mann, der das Ende aller Korruption
       verspricht und Brasiliens nächster Staatschef werden will, ermittelt die
       Polizei – wegen Verdacht auf Geldwäsche, Hinterziehung von Devisen und
       Korruption. [1][Flávio Bolsonaro], Sohn des zu 27 Jahren Haft verurteilten
       Putschisten Jair Bolsonaro, hat den inhaftierten ehemaligen Chef der Banco
       Master, Daniel Vorcaro, um Spenden von mehr als 120 Millionen Reais
       gebeten.
       
       Jetzt wurde bekannt, dass Bundesrichter André Mendonça Ermittlungen dazu
       veranlasst, die Untersuchungsergebnisse aber geheim gehalten hat.
       Vermutlich, weil seine Kollegen am brasilianischen Obersten Gerichtshof STF
       in den Skandal verwickelt sind.
       
       Als das Nachrichtenportal „The Intercept“ im Mai Handynachrichten zwischen
       dem Bolsonaro-Sohn und dem kriminellen Banker veröffentlichte, jubelten
       [2][die Lula-Anhänger] über die Negativ-Schlagzeilen des Herausforderers.
       Flávio betont seitdem, es habe sich um eine private Spende für einen
       Dokumentarfilm über seinen Vater gehandelt, die mit Politik nichts zu tun
       habe.
       
       Wohin wie viel Geld wirklich geflossen ist, hat er nie nachgewiesen. Er
       klagt über „selektive“ Datenveröffentlichung, die ihm politisch schaden
       solle. Vor allem evangelikale Wähler nahmen es ihm übel, dass er seine
       Verwicklung wiederholt geleugnet hat, seine Umfragewerte litten. Bis vor
       Kurzem.
       
       ## Größter Justizskandal Brasiliens
       
       Am vergangenen Donnerstag hat der 2021 von Vater Bolsonaro ernannte
       Bundesrichter André Mendonça entschieden, andere Ermittlungsakten
       offenzulegen. Sie zeigen: Auch Bundesrichter [3][Alexandre de Morães] war
       mit Vorcaro vertraut. Das ist umso schockierender, als der 57-jährige
       Morães sich in Brasilien als moralische Instanz etabliert hatte. Er war
       zuständig für die Verurteilung der Putschisten, darunter die des
       Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, und beeindruckte durch seine unbeugsame
       Haltung für die Verteidigung der Demokratie.
       
       Erste Kratzer an diesem Image entstanden, als Ende 2025 bekannt wurde, dass
       das Anwaltsbüro von Morães Ehefrau einen millionenschweren Vertrag mit
       Banco Master-Chef Vorcaro abgeschlossen hatte. Der Richter betonte damals,
       er habe mit dieser Geschäftsbeziehung nichts zu tun. Nun sieht es so aus,
       als habe er den Vertrag selbst mitgestaltet. Außerdem hatte er bis kurz vor
       der Verhaftung des Bankers mehrfach persönlich Kontakt mit Vorcaro, dessen
       inzwischen liquidierte Bank unter anderem mit gefälschten Vermögenswerten
       operierte.
       
       Die möglichen kriminellen Aktivitäten des Präsidentschaftskandidaten, die
       weitreichenden Korruptionsversuche des Bankers und parteiische bis
       womöglich korrupte Verhaltensweisen der höchsten Richter lösen den größten
       Justizskandal aus, den Brasilien bisher erlebt hat. Der Oberste
       Gerichtshof, eigentlich neutrale Instanz, wird dabei zunehmend politisiert
       und verliert an Glaubwürdigkeit. Flávio Bolsonaro nutzt die Lage, um der
       gegnerischen Kampagne zu schaden, indem er Morães mit dem Präsidenten in
       Verbindung bringt.
       
       Konservative Richter des STF und rechte Politiker rufen nach einem
       Amtsenthebungsverfahren gegen Morães. Dieser wiederum fordert
       Untersuchungen wegen Machtmissbrauchs gegen Mendonça. Der hat am Dienstag
       prophylaktisch die Amtsenthebung des Chefs der Bundespolizei und des Chefs
       der Geheimdienste der Polizei verfügt, weil diese ihn und den
       Bundesstaatsanwalt seit mehr als einem Monat rechtswidrig ausspioniert
       hätten. Ein weiterer Richterkollege, Flávio Dino, machte diese Entscheidung
       am gleichen Tag rückgängig, um die laufenden Ermittlungen unter anderem
       gegen Lulas Sohn wegen Verdachts des Machtmissbrauchs nicht zu behindern.
       
       Bevor es zu noch mehr Durcheinander kommen konnte, sagte der Vorsitzende
       des Obersten Gerichtshofes, Edson Fachin, zwei Sitzungen des Gerichtshofes
       ab, annullierte die Entscheidungen der beiden Richter und verfügte, der
       Bundespolizeichef habe bis zu einer endgültigen Entscheidung des Plenums im
       Amt zu bleiben. Außerdem bestimmte Fachin am Freitag, jegliche
       Geheimhaltung im Fall Banco Master sei aufzuheben und allen Richtern seien
       binnen 24 Stunden die kompletten Ermittlungsunterlagen zuzustellen.
       
       Am Dienstag geht die Telenovela weiter. Dann treffen die Richter zusammen,
       um über die Krise zu beraten und darüber abzustimmen, ob Ermittlungen gegen
       Alexandre de Morães einzuleiten sind.
       
       13 Sep 2026
       
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