# taz.de -- Krieg in der Ukraine: „Ihr macht uns keine Angst!“
> Die Millionenstadt Dnipro im Südosten der Ukraine ist immer wieder Ziel
> russischer Luftangriffe. Doch Moskaus Zermürbungstaktik geht nicht auf.
(IMG) Bild: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht in den Schutzraum: hier im Zentrum der Stadt Dnipro
Wenn man im Schatten der ausladenden Ahornbäume auf dem Kölner Boulevard in
der ukrainischen Millionenstadt Dnipro sitzt, dem Plätschern des Zierbachs
lauscht und den Kindern zusieht, die unbeschwert über den Uspenskaja-Platz
laufen, käme man nie auf den Gedanken, dass nur 120 Kilometer entfernt ein
tödlicher Krieg tobt.
Im Zentrum von Dnipro herrscht Hightech-Atmosphäre, man könnte sich glatt
auf dem Berliner Potsdamer Platz wähnen. „Stell dir nur vor, wie gefährlich
es hier wäre, wenn die Stadt in die Reichweite von FPV-Drohnen geriete“,
scherzt mein Bekannter Alexander, der für eine wohltätige Stiftung
arbeitet.
Sascha und ich gehen am Ufer des Dnipro entlang. Im Poplawok – einem
legendären Restaurant – finden an diesem Tag gleich zwei Hochzeiten statt.
Ein Reiseleiter führt eine Gruppe Touristen herum. Sonst ist auf den
Straßen kaum jemand unterwegs. [1][Viele Männer versteckten sich zu Hause
vor der Mobilmachung], ließen sich Essen liefern und gingen erst spät am
Abend nach draußen, erklärt Sascha mir.
Dnipro kann man glücklicherweise noch nicht als Frontstadt bezeichnen, auch
wenn die Russen ganz in der Nähe sind: Ein kleiner Teil der Region
Dnipropetrowsk ist besetzt, ein anderer grenzt an die Region
Saporischschja, wo ukrainische Truppen die russischen Streitkräfte bei
Huljajpole aufhalten. Im Osten grenzt die Region an einen der drei
tödlichsten Frontabschnitte – den bei Pokrowsk.
## Wichtiges Logistikzentrum
Dnipro ist ein wichtiges Logistikzentrum für das ukrainische Militär, ein
Evakuierungspunkt für Verwundete und ein neuer Wohnort für Geflüchtete.
Besonders viele Menschen seien aus dem benachbarten Saporischschja gekommen
– einer Stadt, die die Russen schon seit Langem mit Artillerie und
gelenkten Fliegerbomben erreichen könnten, sagt Sascha.
Es sind nur wenige Militärangehörige in Uniform zu sehen. Die meisten
tragen Zivilkleidung. Aber man erkennt sie leicht: an ihrem ernsten Blick,
Bärten und Tätowierungen. Viele von ihnen suchen Erholung in Parks und
Grünanlagen.
Doch Ruhe herrscht hier nicht immer. Im Frühjahr beschossen die Russen
Dnipro täglich mit ballistischen Raketen. Damals versuchten
Telegram-Kanäle, Panik in der Stadt zu schüren, indem sie den Inhalt eines
Interviews verfälschten, das Dnipros Bürgermeister Borys Filatow der
französischen Zeitung Le Monde gegeben hatte. Der Bürgermeister hatte
gesagt, Dnipro sei für die Russen eine wichtige Stadt. Auf Telegram wurden
diese Worte jedoch so „übersetzt“, als habe Filatow einen bevorstehenden
russischen Angriff auf die Stadt angekündigt.
Das Risiko, beschossen zu werden, bleibt hoch. In der Stadt sind noch
Spuren früheren Beschusses zu sehen: etwa an einem Bürogebäude nahe dem
Bahnhof oder am ehemaligen Gebäude des Sicherheitsdienstes. Auch
geschlossene Büros und Geschäfte stellen Spuren des Krieges dar.
## Kein Zutritt für Ausländer
Zwar handelt es sich noch nicht um ein Massenphänomen, doch während ich
durch die Stadt spaziere, sehe ich immer wieder Schilder mit der Aufschrift
„Zu verkaufen“ oder „Zu vermieten“. Unmittelbar daneben: teure Geschäfte
internationaler Marken für Lebensmittel, Kleidung und Parfüm.
In Dnipro wird täglich fünf- bis siebenmal Luftalarm ausgelöst. Die Stadt
ist nach wie vor ein bedeutendes Industriezentrum im Südosten der Ukraine.
Auch die Sowjetunion war auf die Fabriken hier angewiesen: Das Werk
Juschmasch fertigte Trägerraketen für die Raumfahrt und für
Militärprogramme der Sowjetunion. Aufgrund dieses Werks war Ausländern der
Zutritt zu Dnipro bis zum Ende des Kalten Krieges untersagt.
[2][Und genau gegen Juschmasch haben die Russen die sogenannte „Oreschnik“
eingesetzt – eine Interkontinentalrakete], die mit einem Atomsprengkopf
bestückt werden kann. Derzeit greifen die Russen Dnipro vorwiegend mit
Strahldrohnen und „Banderoli“ an – einer neuartigen Hybridwaffe. Dabei
handelt es sich um eine Kombination aus Drohne und kompaktem
Marschflugkörper. Die „Banderoli“ klingen wie vorbeifliegende
Passagierflugzeuge.
Ab August gerieten vor allem die Lagerhäuser im Umkreis von Dnipro ins
Visier. Da die russischen Streitkräfte von dort aus nur einen Katzensprung
entfernt sind, geschieht alles in Sekundenschnelle. Während ich in der
Straßenbahn sitze, ertönt Luftalarm. Als ich am Bahnhof aussteige, sehe ich
auf meinem Smartphone die Meldung über eine Explosion. Kurz darauf höre ich
eine weitere Explosion. Später erfahre ich, dass die Russen eine Ölfabrik
getroffen haben, die einem US-Unternehmen gehört.
## Versuch der Demoralisierung
Inmitten der russischen Angriffe merkt Bürgermeister Filatow an, das Ziel
Moskaus sei es, die Zivilbevölkerung zu demoralisieren, damit diese die
Regierung zur Kapitulation zwinge. Wer den Bewohnern von Dnipro genauer
zuhört, gewinnt jedoch nicht den Eindruck, dass die Bombardierungen die
Menschen dazu bringen werden, von der Führung einen Frieden mit Russland zu
dessen Bedingungen zu fordern.
Ukrainisch ist in der Stadt kaum zu hören. Russlands Präsident Wladimir
Putin rechtfertigt seine Kriegsverbrechen in der Ukraine oft mit dem Schutz
der russischsprachigen Bevölkerung. Doch die russische Sprache ist in
Dnipro allgegenwärtig. In Cafés, Friseursalons und öffentlichen
Verkehrsmitteln hingegen schreibt das Gesetz die Verwendung der Amtssprache
Ukrainisch vor.
Alexander und ich setzen uns auf eine Bank neben einem Betonbunker. Davon
gibt es in der Stadt einige Dutzend. Bei Beschuss können Passanten dort
Schutz vor Splittern suchen. Solange kein Alarm herrscht, spielen Kinder im
Bunker.
In der Nähe auf der Wiese isst eine Gruppe Jugendlicher Pizza und
bespricht, wie ihr Unterricht ablaufen wird. „Meine Eltern wollten mich
nach Lwiw oder Polen bringen, aber ich bin zu meiner Großmutter aufs Land
abgehauen und erst vor der 11. Klasse nach Hause zurückgekehrt.“ „An
unserer Universität findet der Unterricht über Zoom statt, und ein Teil der
Vorlesungen wird im Keller abgehalten.“
„Meine Mutter und ich sind aus Saporischschja weggezogen. Sie hat noch kein
gutes Gehalt. Ich habe mit der Schule vereinbart, dass ich bis 12 Uhr am
Onlineunterricht teilnehme und danach arbeiten gehe.“ In Dnipro ertönt
erneut Luftalarm. Niemand läuft in den Bunker. Einer der Jugendlichen
sprüht auf die Wand die Aufschrift: „Ihr macht uns keine Angst.“
Aus dem Russischen Barbara Oertel
15 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Juri Konkewitsch
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