# taz.de -- Angriffe auf ukrainische Eisenbahn: Drohnenbeschuss im Betriebsablauf
> Russische Drohnen nehmen gezielt ukrainische Züge ins Visier. Der
> Fahrplan wird unter Mühen aufrechterhalten – und der Anschluss an Europa
> vorangetrieben.
(IMG) Bild: Bei Smila in der Zentralukraine, 20. August: Fahrgäste mussten wegen Luftalarm aussteigen
Der Waggon sieht aus wie eine Getränkedose, aus der jemand ein Stück
herausgebissen hat. Ein großes Loch klafft auf einer Seite. Auf der anderen
Seite hat es eine Beule, die sich nach außen wölbt. In der Längsachse ist
das Gefährt leicht verdreht. Alle Fenster fehlen. Durch die Öffnungen kann
man im Inneren ein Gewirr an verbogenem und verrostetem Metall erkennen.
Alles, was nicht aus Metall war, ist verbrannt. An einer der wenigen
nichtverbrannten Stellen steht auf der Karosserie die Aufschrift zu lesen:
Nächste Inspektion im Juni 2031.
Der Waggon steht auf einem Gleis am Rand des Kyjiwer Hauptbahnhofs. Die
ukrainische Staatsbahn betreibt dort ein kleines Eisenbahnmuseum. Es stellt
vor allem allerlei Gerätschaften aus: Schneepflüge mit Düsentriebwerken,
Arbeitsmaschinen für den Gleisbau und diverse Waggons. Dazu gehören auch
Salonwagen, mit denen die kommunistischen Herrscher einst durch das Land zu
reisen pflegten – gepanzert und mit Badezimmer und Besprechungsraum
versehen. Die Ausstellungsstücke stehen für unterschiedliche Phasen der
Eisenbahngeschichte. Der zerstörte Waggon steht für die Gegenwart.
Seit dem Frühjahr [1][häufen sich die russischen Angriffe auf die
ukrainische Eisenbahn]: auf Züge wie auf Bahnhöfe. In der vergangenen Woche
sorgte die Meldung für Aufsehen, dass ein Fernzug am Grenzbahnhof zu Polen
in Jahodyn, und damit nur wenige Kilometer entfernt von Nato-Gebiet, von
einer russischen Drohne getroffen wurde.
Ein Video zeigt fliehende Menschen auf einem Bahnsteig neben einem blau
lackierten Nachtzug der ukrainischen Eisenbahn. Man hört in dem Video
Geschrei, das Dröhnen eines Propellermotors. Dann folgt eine Explosion am
entfernten Ende des Bahnhofs.
## Boris Johnson an Bord
Verletzte gab es nicht. Brisant an dem Angriff war, dass sich kurz zuvor im
selben Bahnhof ein diplomatischer Zug befunden hatte. Wie die ukrainische
Eisenbahngesellschaft auf dem Messengerdienst Telegram mitteilte, befanden
sich hochrangige westliche Politiker an Bord, auf der Rückreise von einer
Konferenz in Kyjiw. Darunter seien Sicherheitsberater aus mehreren
EU-Mitgliedstaaten sowie ehemalige europäische Spitzenpolitiker gewesen,
etwa der frühere britische Premierminister Boris Johnson. Der ehemalige
CIA-Direktor David Petraeus habe sich in einem weiteren Zug befunden, der
genau zum Zeitpunkt des Angriffs im Bahnhof Jahodyn stand.
In der Woche davor hatte es fast täglich Meldungen über Angriffe auf Züge
gegeben. Meistens kamen dabei Menschen zuschaden. Es passierte nur weiter
östlich oder südlich in der Ukraine. Sechs Verletzte gab es nach
Behördenangaben bei einem russischen Drohnenangriff im ostukrainischen
Gebiet Charkiw.
Neu sind Angriffe auf die Eisenbahn nicht. Schon im April 2022 tötete die
russische Armee auf dem Bahnhofsplatz von Kramatorsk im Donbas mindesten 59
Menschen, die dort auf einen Evakuierungszug warteten, mit einer
Kurzstreckenrakete mit Splittersprengkopf.
Doch neue Technologien ermöglichen inzwischen die gezielte Jagd auf Züge.
Die neuen Drohnen kombinieren optische Zielerkennung und künstliche
Intelligenz. Offenbar hat man sie auf Lokomotiven trainiert. Die werden
häufig getroffen und sind schwieriger zu ersetzen als ein Waggon.
## Durch den Tunnel zu den Gleisen
Natalia kassiert im Kyjiwer Museum den Eintritt, und weil an diesem
Vormittag im August sonst keine Besucher warten, führt sie ein bisschen
durch die Ausstellung. Gerade ist einer der häufigen Luftalarme zu Ende
gegangen. Und währenddessen dürfte es potenziellen Gästen ratsam
erscheinen, nicht unter freiem Himmel durch ein Objekt der strategischen
Infrastruktur zu spazieren. Das Hauptgebäude des Bahnhofs wird während der
Alarme immer abgesperrt. Reisende müssen dann durch einen Tunnel zu den
Bahnsteigen gehen.
Was genau den zerschossenen Wagon getroffen hat, weiß Natalia nicht. „Er
ist bei einem russischen Angriff in der Region Sumy zerstört worden“, sagt
sie. Die Region liegt östlich von Kyjiw an der Grenze zu Russland. Die
Hauptstrecke in die gleichnamige Gebietshauptstadt verläuft nur wenige
Kilometer von der russischen Grenze entfernt. An der Karosserie sieht man
viele kleine Löcher mit nach außen gebogenen Kanten. Was auch immer da
explodiert ist, hat also eine Menge Splitter freigesetzt. Laut
Medienberichten war es eine Shahed-Drohne. Sechs Menschen seien in dem
Wagon getötet worden.
Nicht nur fahrende Züge sind das Ziel: Am 1. September erlebt die
ukrainische Eisenbahn einen ihrer schwärzesten Tage, als während eines
Großangriffs auf Kyjiw mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern
sechs Bahnmitarbeiter getötet werden. Mit rund zwei Dutzend ballistischen
Raketen und zahlreichen Drohnen hatte Russland die ukrainische Hauptstadt
in der Nacht attackiert.
Einige davon hatten anscheinend ein Industriegebiet im Osten der Stadt zu
Ziel. Nicht zum ersten Mal: Ist man dort auf der Borispilska Straße
unterwegs, sieht man rechts und links viele Gebäude mit vernagelten
Fenstern. Ein paar der Seitenstraßen sind abgesperrt. Dazwischen stehen
Wohnblöcke aus den 1950er und 1960er Jahren. Manche halb eingefallen. Bei
anderen ist der Dachstuhl von Explosionen weggerissen.
Dahinter erstreckt sich über Kilometer der Kyjiwer Rangierbahnhof. Ein
Geflecht aus Gleisen, das man nur aus der Vogelperspektive verstehen kann.
Dazu kommen riesige Werkstatthallen aus der Sowjetzeit. Das
Waggonreparaturwerk Darnyzja (DVRZ) ist so groß, dass es ein eigener
Stadtteil ist. Allerdings hatte Bahnchef Oleksandr Pertsovskyi im Spiegel
im August darauf verwiesen, dass sie eigentlich dringend mehr Personal
benötigten, die „rund um die Uhr unsere Loks reparieren“. Man konkurriere
da allerdings mit dem Militär, das besser zahle. Auf eine Anfrage der taz
reagierte die Bahn bisher nicht.
## Am Knotenpunkt Lwiw
Ein wichtiger Bahnknoten im Westen der Ukraine ist Lwiw. Die pompöse
Bahnhofshalle aus der Zeit, als Lwiw zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
gehörte und den Namen Lemberg trug, zeugt von früher Bedeutung. Schon 1861
wurde die Stadt ans Netz angeschlossen. In heutiger Zeit treffen sich hier
zwei Strecken nach Polen mit Strecken nach Kyjiw, Odessa und Tscherniwzi.
Direkt nach Süden führen zwei Strecken durch die Karpaten in die Region
Zakarpatia.
An einem Morgen Ende August soll der Zug von Lwiw nach Uschhorod abfahren,
der Regionalhauptstadt von Zakarpatia. In der Ukraine wird immer erst etwa
eine halbe Stunde vor Abfahrt festgelegt, auf welchem Gleis die Züge
fahren. Als es so weit ist, ziehen ein paar Reisende ihre Rollkoffer durch
den Fußgängertunnel zu Gleis 5. Die meisten tragen bequeme Jogginganzüge,
wie es angesichts der langen Reisezeiten in dem Flächenland üblich ist.
Fast ausschließlich Frauen sind unterwegs, ein paar davon mit kleinen
Kindern. Uschhorod ist Grenzgebiet. Männer im Wehrdienstalter brauchen eine
Genehmigung, um dorthin zu fahren.
## Passagierzug Nummer 3 lässt auf sich warten
Doch Passagierzug Nummer 3 [2][aus der Millionenstadt Dnipro im Osten der
Zentralukraine] taucht nicht auf. Die Wartenden scrollen durch ihre
Smartphones. Normalerweise informiert die App der Eisenbahn genau über
Verspätungen. Dann verschwindet der Zug von der großen Anzeigetafel. Ein
paar Minuten später kommt die Meldung, der Zug habe 1 Stunde und 40 Minuten
Verspätung. Die Reisenden haben noch Glück: Alle Züge aus dem Osten haben
teils mehrere Stunden Verspätung.
Als der Zug dann um 11 Uhr tatsächlich einfährt, begrüßt Schaffnerin
Viktoria in Wagen 3 die Reisenden mit dem Hinweis, man solle sich bitte mit
den Hinweisen zur Evakuierung vertraut machen. Sie habe das in der Nacht
schon einmal machen müssen. Hoffentlich komme keine weitere Evakuierung
hinzu. „So Gott will!“, sagt sie und bekreuzigt sich.
Bis zum vergangenen Winter hat Ukrsalisnyzja die Züge auch bei Luftalarm
weiterfahren lassen. Nun sollen sie im nächstgelegenen Bahnhof gestoppt
werden, wenn sich Drohnen nähern. Ist der zu weit weg, müssen die Reisenden
auf freier Strecke den Zug verlassen. Auch in der Nacht.
Im Abteil liegt ein Flyer mit Informationen aus – in Ukrainisch und
Englisch. „Der Zug soll keine Falle werden“, ist darauf zu lesen. Auf ein
Signal der Zugbegleiter soll man sich anziehen und Dokumente und Telefon
einpacken. Gepäck soll zurückgelassen werden. Falls vorhanden, soll ein
Schutzraum aufgesucht werden. Falls nicht, soll man sich vom Zug entfernen,
aber die Zugbegleiter im Auge behalten. Bei Explosionen soll man sich auf
den Boden legen und den Mund öffnen. „Der Feind versucht uns zu stoppen,
aber wir fahren weiter.“
## Die Angriffe bringen den Fahrplan durcheinander
Die Angriffe auf die Züge bringen den bis dahin erstaunlich stabilen
Fahrplan von Ukrsalisnyzja durcheinander. In den ersten Kriegsjahren waren
trotz allem die meisten Züge pünktlich auf die Minute. Nun werden die
Verspätungen immer häufiger in Stunden und nicht in Minuten gezählt.
An der Eisenbahn erkennt man gut, dass die Ukraine das größte Flächenland
ist, das vollständig in Europa liegt. Rund 20.000 Kilometer lang war das
Streckennetz vor der russischen Vollinvasion 2022. Das ist Platz 5 in
Europa und zugleich sind es nur etwa halb so viele Kilometer wie in
Deutschland. Rund 1.700 Bahnhöfe und Haltepunkte gab es. Inzwischen sind
rund 20 Prozent des ukrainischen Gebiets russisch besetz. Dorthin fährt die
Bahn nicht mehr, ebenso nicht in einige Frontstädte.
Die Eisenbahn ist nach der Armee der größten Arbeitgeber des Landes. Rund
170.000 Menschen arbeiten für das Unternehmen, das als Aktiengesellschaft
firmiert, aber zu 100 Prozent in Staatsbesitz ist. Die rechtliche
Konstruktion bring ein paar Schwierigkeiten mit sich. Eigentlich soll die
Eisenbahn den Staatshaushalt nichts kosten, sondern bestenfalls Gewinn
erwirtschaften. Andererseits sind die Ticketpreise im Personenverkehr ein
Politikum, weil viele Menschen auf das Reisen mit der Eisenbahn angewiesen
sind. Der Personenverkehr ist für das Unternehmen deshalb ein
Verlustgeschäft. Nur für die Verbindungen ins Ausland wurden die Preise zum
Jahreswechsel angehoben. Tickets für die 1.Klasse werden teilweise mit
dynamischen Preisen verkauft: je größer die Nachfrage, desto teurer.
Vor 2022 konnte das Unternehmen das Defizit meist mit Überschüssen aus dem
Gütertransport ausgleichen. Doch wegen des Krieges werden weniger Getreide
und Stahlerzeugnisse exportiert. Entweder weil Häfen blockiert sind oder
weil die Industrieanlagen russisch besetzt oder zerstört sind.
Pertsovskyi leitet seit 2024 die ukrainische Eisenbahn. In sozialen
Netzwerken wie Facebook oder X postet er häufig. In jüngster Zeit geht es
dabei oft um Schäden durch russische Angriffe. „Wir haben seit dem
Kriegsbeginn 2022 durch Angriffe 492 Lokomotiven verloren, davon mehr als
250 allein in den vergangenen drei oder vier Monaten“, erzählte er kürzlich
in dem Spiegel-Interview. Die ukrainische Regierung bat am Dienstag
Unterstützerstaaten um Hilfe bei der Suche nach Ersatz. Dafür werden vor
allem für die in ehemaligen Sowjetstaaten übliche Spurweite von 1.520
Millimetern geeignete Triebwagen benötigt.
Vor dem Krieg, im April 2021, betrieb das Unternehmen nach Angaben der
ukrainischen Nachrichtenagentur Interfax 1.532 Lokomotiven, je etwa zu
Hälfte diesel- oder elektrogetrieben. Als Reserve wurden weitere 445
Lokomotiven vorgehalten.
Auch wenn die Angriffe gerade alles überschatten, gibt es Pläne für die
Zukunft. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen mit Spaniens
Eisenbahngesellschaft Renfe einen strategischen Kooperationsvertrag zur
Entwicklung des Personen- und Güterverkehrs auf der Schiene unterzeichnet.
Dabei geht es um Know-how im Hochgeschwindigkeitsbereich, Barrierefreiheit
und stärkere Schienenverbindungen zwischen der Ukraine und der EU. Auch auf
der Iberischen Halbinsel gibt es zudem ein Breitspurnetz, das schrittweise
an die europäische Norm – in der Regel 1.435 Millimeter – angepasst wird.
## Personenzug Nummer 3 trifft ein
Am Nachmittag trifft Personenzug Nummer 3 in Uschhorod ein. Die Verspätung
hat er auf der kurvigen Strecke durch das Gebirge nicht aufholen können.
Die meisten Reisenden zieht es rasch weiter zu den wartenden Kleinbussen
und Taxis auf dem Vorplatz. Dabei bietet Gleis 1 in Uschhorod etwas
Besonderes. Etwas, das einmal die Zukunft der ukrainischen Eisenbahn sein
soll.
Neben einem makellos sauberen Bahnsteig liegt ein Eurotrack. So werden die
neuen Gleise genannt, die das ukrainische Streckennetz schrittweise mit dem
in der Europäischen Union verbinden sollen. Auf den Betonschwellen sind
nicht nur zwei Schienen montiert, sondern vier. Ein Paar in der
herkömmlichen osteuropäischen Breitspur und, eine Handbreit versetzt, ein
Paar in europäischer Normalspur.
Der Unterschied geht auf die Anfangszeit der Eisenbahn zurück. Die meisten
Länder auf dem Kontinent übernahmen ab den 1830er Jahren die neue Technik
samt ihren Abmessungen aus England. Im Zarenreich etablierte sich hingegen
eine breitere Spurweite. Auch die Sowjetunion änderte nichts daran.
## Das Umspuren dauert Stunden
Die wenigen Zentimeter verursachen aber einen massiven logistischen
Aufwand, wenn die Netze aufeinanderstoßen. Passagiere müssen an den
Grenzbahnhöfen entweder in einen anderen Zug umsteigen, wie beispielsweise
im polnischen Przemysl, wo ein ukrainisches Breitspurgleis in den ersten
polnischen Bahnhof führt. An anderen Grenzübergängen wird den Waggons in
großen Werkstatthallen ein neues Fahrwerk verpasst. Das Umspuren kann je
nach Länge des Zuges ein paar Stunden dauern. Fracht muss umgeladen werden.
Alles kostet Zeit und Geld.
Das soll sich ändern. Olena Franzusowa leitet den Bahnhof von Uschhorod.
„Unser Bahnhof ist der erste, der mit Eurotrack neu an Europa angeschlossen
ist“, sagt die 57-Jährige. Ein bisschen stolz sei sie schon. Rund 22
Kilometer lang ist die Pilotstrecke, die im vergangenen Jahr verlegt wurde.
Die Vierergleise führen bis zum Grenzbahnhof Tschop. Dort besteht Anschluss
nach Ungarn und in die Slowakei. Finanziert wurde der Bau von der EU und
der Europäischen Investitionsbank.
„Dank Eurotrack können Züge aus Uschhorod nun ohne Umspuren bis Wien
fahren“, erklärt Franzusowa. Auch eine Direktverbindung nach Prag soll es
geben. „Vielleicht können wir ja irgendwann sogar direkt bis nach Berlin
fahren.“ Im Moment tut sich auf dem neuen Gleis allerdings gar nichts. Auf
ungarischer Seite sei nämlich eine Baustelle. Sie hoffe, dass man dort in
diesem Jahr noch fertig werde. Sie sei Optimistin.
Ebenfalls in diesem Jahr sollte auf einer weiteren Strecke Eurotrack
installiert werden – zwischen Lwiw und der Grenze zu Polen. Doch wie weit
das Projekt gediehen ist, verrät die ukrainische Bahn bis Redaktionsschluss
dieses Textes nicht.
Über die weiteren Pläne informiert in der Wartehalle des Bahnhofs von
Uschhorod eine kleine Ausstellung. Bis zum Jahr 2030 will man demnach auf
der Strecke durch die Karpaten von Uschhorod nach Lwiw die Vierergleise
verlegen. Das würde den Reisenden aus der Westukraine nach Ungarn und
Österreich viel Zeit sparen. Bislang endet Eurotrack allerdings an einem
Prellbock am Ende von Olena Franzusowas Bahnhof. Nur die herkömmlichen
Breitspurgleise führen weiter Richtung Karpaten.
## Hinwendung zu Europa
Für den Gütertransport dürfte eine zweite Strecke wichtig sein, die Lwiw
mit Tscherniwzi und Rumänien verbindet. Sie würde den Schienenweg von der
Ostsee ans Schwarze Meer verkürzen. „Man wolle eine neue eiserne Klammer
zwischen der Ukraine und der EU schmieden“, heißt es in der Ausstellung.
Langfristig soll Eurotrack auch auf mehreren Strecken zwischen Polen und
Kyjiw verlegt werden. Die Änderung der Spurweite ist nicht nur für die
Logistik von Bedeutung, sondern auch politisch. Sie ist ein Symbol für die
Hinwendung zu Europa und den Bruch mit Russland.
Das Projekt bedeute ihr auch wegen ihrer eigenen Geschichte viel. Bis 2022
hat Franzusowa nämlich neun Jahre den Bahnhof ihrer Heimatstadt Mariupol
geleitet. Am 24. Februar sei sie noch ganz normal zur Arbeit gegangen,
danach sei nichts mehr normal gewesen. In den ersten Tagen habe man noch
die Züge nach dem regulären Fahrplan abgefertigt. „Niemand hat damit
gerechnet, dass die Stadt so schnell abgeschnitten wird.“ Doch schon nach
wenigen Tagen wurden die Gleise weiter nördlich bei Wolnowacha durch einen
Bombenangriff zerstört. Damit endete dann auch der Zugverkehr in Mariupol.
Der Bahnhof in Mariupol sei schön gewesen, erinnert sie sich. Leider sei
davon nichts mehr übrig. Sie seufzt.
Wochenlang harrte sie mit ihrer Familie in der zerstörten Stadt aus, die
immer weiter von russischen Soldaten besetzt wurde. Nach ein paar Wochen
hatte sie Glück. Mit einem Autokonvoi gelangte sie in den freien Teil der
Ukraine. Mehrfach wurden sie zu sogenannten Filtrationen gestoppt. Dabei
suchten die russischen Invasoren nach Hinweisen auf proukrainische
Einstellungen. Im Jahr darauf übernahm sie dann den Job in Uschhorod.
Weiter weg von Russland kann man in der Ukraine nicht sein. Das würde sie
sich für das ganze Land wünschen: das sich Russland so weit weg wie möglich
anfühlt.
17 Sep 2026
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(DIR) Marco Zschieck
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