# taz.de -- Sachbuch über die Wohnungskrise: Aufbauprogramm für Populisten
> Fehlprognosen, Blindheit, Ignoranz: „Die Wohnkrise“ beleuchtet Ausmaß und
> Ursachen des wachsenden sozialen Problems, das politischen Sprengstoff
> birgt.
(IMG) Bild: Einen Versuch ist es wert: Wohnungsgesuch in der Großstadt
Am 26. September 2021 befürworteten 58 Prozent der Wählenden den Berliner
Volksentscheid [1][„Deutsche Wohnen & Co enteignen“]. Was als knappe
Entscheidung antizipiert wurde, fiel schlussendlich deutlich aus. Die
breite Zustimmung zum Volksentscheid war nicht weniger als der laute
Hilfeschrei einer Stadtgesellschaft, der vom Wohnungsmarkt die Luft
abgeschnürt wird.
Ein Ruf, der ignorant und empathielos überhört wurde. Die Energie, die vom
Ergebnis ausging, wurde erst einmal in eine Expertenkommission durch die
Regierung Giffey wegverwaltet und schließlich vom darauffolgenden
Regierenden Bürgermeister Wegner zum Verpuffen gebracht. Den regierenden
Parteien wird das wahrscheinlich noch auf die Füße fallen, denn die
Wohnungskrise ist der soziale Sprengstoff, dessen Lunte am weitesten
abgebrannt ist. Das Buch „Die Wohnkrise“ der Bochumer Wissenschaftler Rolf
G. Heinze und Sebastian Kurtenbach zeigt Ursachen auf und versucht sich an
Perspektiven.
Die Ursachen sehen die beiden Autoren vor allem in prognostischen
Fehlentscheidungen: Bis vor Kurzem gab es die Annahme seitens der Politik
und Städteplaner, dass die Bevölkerung schrumpfen wird. Der
[2][demografische Knick] schien unausweichlich und das Szenario war
Leerstand, nicht Wohnungsknappheit. Die Blindheit für diese Entwicklung ist
auch damit zu erklären, dass die deutsche Gesellschaft zwar immer
Einwanderung erlebt hat, sich aber nie dazu bekennen wollte.
Darüber hinaus wähnte man die eh schrumpfende Bevölkerung verstärkt auf dem
Weg in die Speckgürtel, was die Vernachlässigung des städtischen
Wohnungsbaus erklärt. Und schließlich verschwand mit dem neoliberalen Shift
in den 1990ern die Entschlossenheit, den sozialen Wohnungsbau zu fördern.
Während es 1980 allein in Westdeutschland noch vier Millionen
sozialgebundene Wohnungen gab, waren es 2024 in Gesamtdeutschland weniger
als eine Million. Die Städte und Kommunen hörten auf zu bauen und
verscherbelten das Tafelsilber. So erinnern die Autoren an Dresdens
Totalverkauf der 48.000 städtischen Wohnungen an einen US-Investor.
Die Ergebnisse dieser Fehleinschätzungen sind für die allermeisten Menschen
täglich zu spüren: Der Mietwohnungsmarkt ist in vielen Städten und
Gemeinden gnadenlos. Die Miete macht einen immer größeren Anteil des
Haushaltseinkommens aus, Menschen krallen sich an ihre bestehenden
Mietverträge, vor den wenigen bezahlbaren (und den unbezahlbaren) Wohnungen
bilden sich meterlange Schlangen bei öffentlichen Besichtigungen. Heinze
und Kurtenbach machen das Wort des „Zukunftspessimismus“ stark, ein Gefühl,
aus den Verhältnissen nicht mehr entkommen zu können. Die Wohnkrise
schränkt die soziale Mobilität ein, durchkreuzt Lebensplanungen, macht die
Leute krank. Sie erschüttert das [3][Vertrauen in die parlamentarische
Demokratie], da diese sich nicht mehr leistungsfähig genug zeigt, um
Wohnraum zu schaffen. Und sie ist ein Konjunkturprogramm für das, was die
Autoren als populistische Kräfte beschreiben.
Dass das Problem jedoch komplexer als politische Fehlplanungen ist, zeigen
zwei andere Zahlen: 43 Prozent, in Großstädten über 50. So hoch ist
mittlerweile der Anteil der Singlehaushalte. Das ist die soziologische
Komponente der Wohnkrise. Die gesellschaftliche Fragmentierung hat eine
Situation auf dem Wohnungsmarkt geschaffen, in der immer weniger Leute mehr
Fläche für sich beanspruchen. Das ist das gute Recht eines jeden, doch für
die Singlegesellschaft wurde über Jahrzehnte nicht gebaut. Darunter sind
Menschen, die sich entschieden haben, allein zu leben. Es sind aber vor
allem auch ältere Menschen, die nach dem Auszug der Kinder oder dem Verlust
ihres Partners in häufig viel zu großen Wohnungen ihre letzten Jahre
verbringen. Es sind Menschen, für die sich ein Umzug nicht lohnen würde,
weil selbst eine deutlich kleinere Wohnung teurer wäre.
Hoffnung auf baldige Besserung machen die Autoren nicht: „Die Wohnkrise ist
real und kann nicht mehr verhindert werden.“ Doch sie sehen Möglichkeiten,
wie die Folgen der Wohnkrise mittelfristig abgeschwächt werden können. Ein
Mittel erkennen sie in der Neupositionierung der öffentlichen Hand als
kooperativer Staat, der privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche
Kräfte zusammenbringt, um den Wohnungsbau anzukurbeln. Auch eine
Bodenpolitik, die Spekulation eindämmt, schwebt den Autoren vor.
Kurzfristige Effekte könnte die Möglichkeit ergeben, Mietkosten steuerlich
absetzbar zu machen.
„Die Wohnkrise“ macht deutlich: Wohnen ist ein soziales Problem, das längst
die Breite der Bevölkerung erreicht hat. Es ist aber auch eines, das über
die Beziehung von Menschen zum Staat entscheiden wird. Dass die Autoren
dies so klar benennen, ist das große Verdienst ihres Buches. Leider sind
sie an anderer Stelle weniger klar: Die Frage von [4][Vergesellschaftung]
wird gar nicht erst diskutiert, und wenn sie das Tool des Wohnungstausches
diskutieren, erwähnen sie nicht, dass dies häufig vor allem an Vermietern
scheitert, die den Tausch verbieten. Bei allem wissenschaftlichen
Sachlichkeitsgebot verpassen Heinze und Kurtenbach es hier, Ross und Reiter
beim Namen zu nennen. Damit werden sie ihrem selbsterkannten Problem nicht
gerecht.
19 Sep 2026
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