# taz.de -- Berlin im Film: Eine Stadt legt Concealer auf
> Der Film „Tacheles – A Berlin Story“ erzählt vom Verschwinden eines
> legendären Kunstorts – und Menschen, die nicht zuerst nach Verwertbarkeit
> fragen.
(IMG) Bild: Ein Transparent, das Künstler*innen im Jahr 1997 an die Fassade des Tacheles gehängt haben
Die Kamera hält auf einen Mann, der auf der Oranienburger Straße ein
Fahrradschloss aufsägt. „Die Deutschen klauen unsere Räder, wir klauen sie
uns zurück“, sagt er in die Kamera. Es ist 2001. Filmemacher Andy Cohen,
dessen Filme später dreimal für den Emmy nominiert werden, probiert seine
erste Kamera aus. Er hat den niederländischen Fotomontage-Künstler Tim
Roeloffs aufgegabelt, der seit 1992 im Tacheles arbeitet. Cohen folgt ihm,
25 Jahre lang.
Das Ergebnis: „Tacheles – A Berlin Story“, der am Samstagabend zum Tag des
offenen Denkmals [1][im Fotografiska Berlin] Premiere hatte, dem aus
Stockholm stammenden Museum für zeitgenössische Fotografie, das 2023 im
sanierten Tacheles eröffnet hat. Ein hübscher Ort für Leichenfledderei.
Cohen folgt Roeloffs durchs Café Zapata, durch Ateliers seiner
Kolleg*innen, wie Arda Hüseyin und Rainer Brendel, bekannt als „Artist 6“,
vorbei an [2][Schrott, Skulpturen, Performances] und Konzerten, an
Studentinnen, die bei einem Glas Tee, das einen halben Tag reichen muss,
Hausarbeiten korrigieren. Im Garten stehen sie plötzlich, die „blühenden
Landschaften“, die Helmut Kohl versprochen hatte: nicht als
Investorenrendering, sondern als zusammengezimmerte Gegenwelt, als Ort, der
nicht fertig werden wollte. Das machte ihn kostbar.
## Das brüchige Berlin
Roeloffs ist ein toller Protagonist, weil seine Kunst ähnlich arbeitet wie
Cohens Kamera. Er montiert Brüche: Kriegsnarben, Mauerreste mit
Einschusslöchern, Reklame, Kalter Krieg, das brüchige Berlin, das schon
beginnt, sich wegzuputzen. Cohen antwortet mit naher Cinéma-Vérité-Technik.
Während das Tacheles verschwindet, verschwinden auch Roeloffs’
Arbeitsgrundlagen. Wände werden verspachtelt und in Creme gestrichen:
Berlin legt tonnenweise Concealer auf.
Der fremde Blick des Holländers, der sich festgebissen hat, und des
Amerikaners, der wiederkommt, sieht scharf. Vielleicht braucht Berlin ihn,
um zu begreifen, was es verliert. Roeloffs sucht immer verzweifelter nach
Motiven, Cohen hält fest, wie aus einer wilden, porösen Stadt eine wie jede
andere wird, in der jeder Quadratmeter Rendite tragen muss. Das Tacheles
war einzigartig, weil dort Kunst unter heute traumhaften Bedingungen
entstand: viel Raum, wenig Geld, internationale Durchmischung, keine
kuratorische Dressur, kein Karrierepfad, sondern ein Haus, das Chaos in
Energie verwandelte.
Während des Films bleibt kaum Zeit, gegen die verführerischen Bilder und
Erinnerungen an die verschwundene Stadt anzudenken. Erst später kommen die
Fragen: Wie konnte dieser Ort entstehen? Warum durfte er verschwinden – und
warum kommt all das im Film so milde weg?
„Tacheles – A Berlin Story“ setzt zehn Jahre zu spät ein und verpasst damit
politische Brisanz. Am 13. Februar 1990 besetzten rund 20 Künstler*innen
aus Ost- und West-Berlin die zum Abriss bestimmte Ruine und retteten das
Gebäude vor der Sprengung. Daraus entstand eines der frühen prominenten
Ost-West-Kunstprojekte der Nachwendezeit. Berlin hatte damals die Chance,
einen längst international bedeutenden Kulturort dauerhaft zu sichern – und
verspielte sie schon früh. Diese Vorgeschichte ist kein Prolog, sondern der
Schlüssel.
## Hier sieht man ein Grundproblem
Denn am Tacheles lässt sich ein Berliner Grundproblem erzählen: Die Stadt
lebt noch immer von Menschen, die Platz brauchen, lange bevor ihr Tun
verwertbar erscheint, und verliert diesen Platz, sobald er wertvoll wird.
[3][Das Haus wurde gerettet, berühmt, privatisiert und geräumt] – nicht
weil niemand wusste, was dort entstanden war, sondern obwohl es längst alle
wussten, auch die Politik.
Das Muster ist geblieben. Steigende Mieten fressen Ateliers, Proberäume und
Werkstätten, Künstler*innen verlassen die Stadt. Berlin ist keine schöne
Stadt im klassischen Sinn, und darin lag ihre Stärke. Attraktiv wurde sie
durch Leute, die etwas anfangen konnten mit Brachen, Rissen, Ruinen und
billigen Zimmern. Verschwinden diese Bedingungen vollständig, sieht Berlin
demnächst aus wie Bonn. Cohens Film zeigt diesen Verlust mit Wucht – aber
zu wenig, wie politisch produziert er war.
Im luxuriösen Veranstaltungsraum des Fotografiska, der vor diesem
Hintergrund nur noch zynisch wirkt, kommt der Abend beim Podium nach dem
Screening darauf zurück. Ein Zuschauer fragt Roeloffs, wie es sich anfühle,
ein Vierteljahrhundert Tacheles ausgerechnet hier, wo nichts von seiner
Geschichte übrig ist, zu sehen.
Roeloffs antwortet trocken: „Die Berliner haben es nicht anders gewollt.
Alles im Leben verschwindet – und ich bin froh, dass ich das überlebt
habe.“ Da ist sie plötzlich, die ganze Berliner Geschichte: Es ging nicht
nur ums Bewahren, sondern ums Überleben. Hoffentlich kommt der Film
trotzdem bald ins Kino.
13 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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