# taz.de -- CDU wenig demokratisch: Wenn Wahlverlierer sich ein bisschen Macht schnappen
       
       > Die knapp erfolgreiche Kampfkandidatur von Ministerpräsident Schulze um
       > den CDU-Fraktionsvorsitz in Sachsen-Anhalt könnte nach hinten losgehen.
       
 (IMG) Bild: Sven Schulze, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, ist sichtlich enttäuscht
       
       Nur zwei Tage nach der zumindest in der Höhe unerwarteten Wahlniederlage
       hat sich Sachsen-Anhalts amtierender Ministerpräsident Sven Schulze zum
       Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion wählen lassen. Auf der Sitzung der
       von 40 auf 15 Abgeordnete geschrumpften Fraktion war Schulze überraschend
       zu einer Kampfkandidatur gegen den bisherigen Fraktionschef Guido Heuer
       angetreten. Mit 8 zu 7 Stimmen setzte er sich nur äußerst knapp dank seiner
       eigenen Stimme durch.
       
       Wie alle Unionsabgeordneten hatte Schulze sein Mandat nur über die
       Landesliste erlangt, weil er seinen Magdeburger Wahlkreis an die AfD
       verlor. Eine Personalunion von Ministerpräsidentenamt und Fraktionsvorsitz
       gilt in der Bundesrepublik als außergewöhnlich.
       
       Von der Macht kann Sven Schulze also trotz der bekundeten „Übernahme der
       vollen Verantwortung“ für die Wahlniederlage nicht lassen. Bereits zur
       wenig festlichen Wahlparty der CDU am Sonntagabend waren
       Rücktrittsforderungen an ihn laut geworden. Eva Feußner aus dem Wahlkreis
       Querfurt, die im Vorjahr sowohl die Unterstützung ihrer Partei als auch ihr
       Amt als Bildungsministerin verlor, verlangte beispielsweise einen radikalen
       Neuanfang.
       
       Dem schien Schulze zunächst auch entgegenzukommen. „Wir haben keinerlei
       Regierungsauftrag bekommen und werden unsere Rolle in der Opposition
       sehen“, erklärte der Noch-Regierungschef nach kurzer Bedenkzeit seinen
       Verzicht auf eine erneute Kandidatur für das Ministerpräsidentenamt. Am
       Montagabend trat auch der CDU-Landesvorstand geschlossen zurück. Eine
       Neuwahl wird erst Ende November oder Anfang Dezember erwartet. Der junge
       37-jährige stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Sepp
       Müller hat bereits seine Bewerbung um den Landesvorsitz angekündigt.
       
       ## Brandmauer
       
       Müller gilt intern als Kritiker Schulzes, obschon beide die Brandmauer
       zumindest gegenüber der Linken aufrechterhalten wollen. Eine indirekte Rüge
       von Kanzler und CDU-Bundesvorsitzendem Friedrich Merz hatte er sich
       eingehandelt, weil er kurz vor der Wahl erklärte, dass der
       Regierungsbildungsauftrag bei der AfD läge, sollte das Wahlergebnis die
       Umfragen bestätigen. Eigentlich kein Dissens zu Schulze, der nach der Wahl
       genauso handelte. Müller hatte sich aber [1][in der ZDF-Talkshow von Markus
       Lanz] deutlich von Schulze wegen dessen Bewerbung um den Fraktionsvorsitz
       distanziert. Das sei ein „fatales Signal“, wenn man am Abend zuvor noch von
       einem Neuanfang gesprochen habe.
       
       Angesichts seiner schwer angeschlagenen Stellung in der Landespartei wollte
       sich Schulze nun aber zumindest die Rolle des Oppositionsführers im
       Magdeburger Landtag sichern. Er könnte sich und seiner Union damit aber
       einen sprichwörtlichen Bärendienst erwiesen haben. Die knappe Wahl zum
       Fraktionsvorsitzenden belegt erneut, wie inhomogen, ja gespalten der
       CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt ist.
       
       Vorgänger Guido Heuer war es einigermaßen gelungen, die Flügel von den
       AfD-Affinen im Harz bis zu den Liberaleren in Magdeburg zusammenzuhalten.
       Auf eine stabile und geschlossene Fraktion aber wird es entscheidend
       ankommen, wenn [2][ein AfD-Ministerpräsident Ulrich Siegmund] zumindest
       nicht mit Stimmen von CDU-Überläufern gewählt werden soll. Die AfD-Spitzen
       verkünden offen, dass es bereits Gespräche mit solchen Kandidaten gäbe.
       Ihrer Fraktion fehlen drei Stimmen für eine absolute Mehrheit.
       
       [3][Erstaunlicherweise rechnet Sven Schulze] bereits Anfang Oktober, also
       zur konstituierenden Sitzung des neugewählten Landtages, mit der Wahl einer
       neuen Landesregierung. Sollte das nicht gelingen, könnte er laut Artikel 60
       der Landesverfassung bis zu einem halben Jahr geschäftsführend weiter
       amtieren – in der grotesken Kombination als Ministerpräsident und
       Oppositionsführer.
       
       9 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://home.1und1.de/magazine/politik/politische-talkshows/fatales-signal-sepp-mueller-kritisiert-markus-lanz-entscheidung-partei-42704392
 (DIR) [2] /Selbstbefragung-zum-Wahlsieg-der-AfD/!6211358
 (DIR) [3] /AfD-plant-Regierungsuebernahme/!6211393
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Bartsch
       
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