# taz.de -- Wahlkampf des BSW in Berlin: Wagenknecht ist wieder da
> Nach Sachsen-Anhalt spürt das BSW Rückenwind. Was es dort mit der AfD
> erreichen will, sagt Sahra Wagenknecht bei einem Auftritt in Berlin aber
> nicht.
(IMG) Bild: Am Ende kommt auch noch Sahra Wagenknecht: BSW-Wahlkampfevent in Lichtenberg
„Wir spüren Rückenwind“, sagt Alexander King, Spitzenkandidat des BSW für
die anstehende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Die Menschen sollten
sich „nicht durch Umfragen ins Bockshorn jagen lassen“, appelliert er an
die rund 2.000 Menschen, die vor dem Linden-Center in Lichtenberg dem
57-Jährigen lauschen. Die meisten sind über 50 oder im Rentenalter, auch
ein paar wenige Eltern mit ihren Kindern sind da. Sie sind gekommen, weil
es auf Plakaten hieß: „Sahra Wagenknecht kommt!“
Das ist hier, am nordöstlichen Stadtrand, wo Berlin ausfranst und lichter
wird, ein Ereignis. Vor dem Linden-Center am Prerower Platz – einem
monströsen Einkaufsblock mit austauschbaren Geschäften wie Blume 2000,
Burger King und Sparkasse – steht am Donnerstagabend, zehn Tage vor der
Wahl, eine Bühne, daneben ein riesiges Transparent mit dem Konterfei der
Großen Vorsitzenden und dem Slogan „Ohne Frieden ist alles nichts“. Im
Hintergrund ragen die Plattenbauten des Neubauviertels in den märkischen
Himmel.
Bevor Wagenknecht tatsächlich kommt, heizt Oliver Ruhnert, ehemals
Fußballmanager des 1. FC Union und heute Generalsekretär des BSW, die
Stimmung an. Mit ihm stehen die Berliner Spitzenkandidaten [1][Josephine
Thyrêt, Alexander King und der Journalist Michael Lüders] sowie der
Lichtenberger Bezirksvorsitzende Norman Wolf auf der Bühne. Zu ihnen
gesellen sich die frisch gewählten Landtagsabgeordneten Thomas Schulze und
Claudia Wittig aus Sachsen-Anhalt, [2][die nach ihrem überraschenden
Wahlerfolg am Sonntag bester Laune sind].
Wittig stimmt in den Appell ein: Alle Umfragen hätten ihrer Partei in
Sachsen-Anhalt nur rund 3 Prozent gegeben, trotzdem sei man in den Landtag
eingezogen. „Hört nicht darauf, was die Presse schreibt“, beschwört die
43-jährige Historikerin das Publikum trotzig. „Hört darauf, was wir sagen.“
Die Medien meinten es nicht gut mit dem BSW, doch davon solle man sich
nicht beirren lassen. „Lasst euch nicht verarschen. Lasst euch das BSW
nicht schlechtreden.“
## „Gefährlich ehrlich“
Schulze, der in Sachsen-Anhalt Co-Parteichef ist, sagt, man wolle „ehrlich
bleiben“. „Gefährlich ehrlich“ ist auch der Slogan, mit dem das BSW in
Berlin für sich wirbt. Er sei in das BSW eingetreten, weil er mal sehen
wollte, „ob ich als einfacher Mann etwas bewirken kann“. Andere Politiker
würden sich von ihrem Fahrer durch die Welt kutschieren lassen und wüssten
gar nicht, wie das Leben der einfachen Menschen aussehe, sagt der
62-Jährige. Er aber bleibe bodenständig, verspricht der
Justizvollzugsbeamte und gelernte Koch.
Schulze und Wittig bekommen Blumen überreicht für ihren Wahlerfolg. Dann
überbrückt der Liedermacher Timo Eisbrenner, der Hofsänger des BSW, die
Pause, die entstanden ist, weil Sahra Wagenknecht mit ihrem Auto und Fahrer
länger als geplant im Berliner Stau stand. Er besingt „die Nebel und Düfte
der Taiga“ und streut ein paar Zeilen auf Russisch ein.
Dann kommt Sahra Wagenknecht. Weil die Bundestagswahl „nicht korrekt
ausgezählt“ worden sei, „bin ich nicht mehr so oft hier“, behauptet sie,
aber sie sei immer wieder gerne in Berlin, schmeichelt sie ihrem Publikum.
Sehr schnell kommt sie auf die „wachsende Kriegsgefahr“, die steigenden
Preise und „die Arroganz der Regierenden“ zu sprechen, ihre
Lieblingsthemen.
## Die Mundwinkel von Merz
Die Wahl in Sachsen-Anhalt sei ein Fanal. „Die hängenden Mundwinkel von
Merz“, die Wagenknecht nach der Wahl beobachtet haben will, sind für sie
aber ein Grund zur Freude. „Das könnte der Anfang vom Ende seiner
Kanzlerschaft sein“, frohlockt sie. „Weg mit Merz“, plakatiert das BSW in
Berlin, mit einer Zeichnung des gebückten Kanzlers, der sich traurig
davonschleicht. Denn dessen Regierung sei schlimmer als die Ampelregierung,
die sie einmal als „die dümmste Regierung Europas“ bezeichnet habe.
„Schlimmer geht immer“, sagt sie nun, und: „Das hat unser Land nicht
verdient“.
[3][Über die AfD verliert sie kein böses Wort], auf die Gespräche ihrer
Partei mit den Rechtsextremen geht sie nur am Rande ein – und greift zur
Vorwärtsverteidigung: „Steigbügelhalter“ seien die Politiker, die mit ihrer
Politik dafür gesorgt hätten, dass die AfD so viel Zulauf erhalte. Dann
ätzt sie über das teure, aber in ihren Augen mangelhafte Gesundheitssystem.
Die Preise für patentgeschützte Medikamente seien explodiert, und wegen
dieser Mondpreise müssten die Krankenkassen ihre Beiträge erhöhen. Statt
das gesetzlich zu regulieren, schaue die deutsche Politik einfach nur zu.
Auch die Rentenpolitik sei ein Skandal.
Anschließend knöpft sie sich routiniert die „irre Aufrüstung“ vor, mit der
die Kriegsgefahr weiter steige. Wenn Deutschland Waffen liefere, mit denen
die Ukraine Ziele in Russland angreife, müsse man sich nicht wundern, dass
Russland zurückschlage, legt sie nahe.
## Wie doof sind die Russen?
Dass hinter dem Drohnenangriff auf dem Leipziger Flughafen tatsächlich
Russland gesteckt habe, wie die Bundesregierung behauptet, daran sät sie
allerdings Zweifel. Ob die Russen wirklich so doof seien, eine Drohne
stundenlang über dem Flughafen schwirren zu lassen, bis ein Mitarbeiter sie
unschädlich machen konnte, fragt sie. Das sei doch „merkwürdig“. Aber,
bilanziert sie hämisch: „Wenn in Deutschland etwas Schlimmes passiert, war
es immer der Russe.“
Dann kommt sie auf ihre Kernforderung zurück: „Wir müssen Energie da
kaufen, wo sie preiswert ist“, das sei im deutschen Interesse, appelliert
sie an den Eigennutz. Es sei doch widersinnig, zu hohen Preisen „die
Kriegskasse von Donald Trump“ zu füllen, während die deutsche
Chemieindustrie nach China abwandere, wo sie günstige Energie aus Russland
beziehe. Falsch sei es auch, Millionen „im schwarzen Loch der Ukraine“ zu
versenken, „während hierzulande die Kinder in der Schule nicht mehr richtig
rechnen und schreiben lernen“. Und falsch sei, es auf einen Krieg mit einer
Atommacht ankommen zu lassen – da würden „die ganzen Panzer und Fregatten“
nichts nützen.
Ein bisschen Sozialpolitik, scharfe Kritik an Waffenlieferungen und der
deutschen Ukrainepolitik und vermeintlich einfache Lösungen für steigende
Preise und andere Probleme – das ist Wagenknechts bewährtes Potpourri, doch
damit reißt sie ihr ergrautes, friedensbewegtes Publikum mit: Es gibt
langen Applaus. „Geben Sie uns Ihre Stimme“, ruft sie noch und posiert dann
mit ihren Parteifreunden zum Abschluss für ein gemeinsames Bild.
Was das BSW in Sachsen-Anhalt mit der AfD besprechen und erreichen will,
sagt sie nicht. Und was es in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern in den
Landesparlamenten konkret bewirken kann, auch nicht. Es geht ihr, wie
immer, ums große Ganze. Ihre Partei ist dem Tod gerade noch von der Schippe
gesprungen und auf die politische Bühne zurückgekehrt. Mit Rückenwind.
11 Sep 2026
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## AUTOREN
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