# taz.de -- Die ungesehene Gruppe bei der Wahl: „Viele wissen gar nicht, dass sie wählen dürfen“
       
       > Bei der Abgeordnetenhauswahl wählen erstmals 16- und 17-Jährige. Nur ist
       > das an Schulen kaum Thema, sagt Landesschülersprecherin Jennifer Rosin.
       
 (IMG) Bild: Kein Plan vom Wählen? Landesschülersprecherin Jennifer Rosin sieht das Problem nicht bei den Schüler*innen
       
       Rund 58.000 Menschen dürfen bei der diesjährigen Abgeordnetenhauswahl (AGH)
       mehr wählen als bei der wiederholten AGH-Wahl vor drei Jahren, teilt das
       Amt für Statistik in Berlin-Brandenburg mit. Dazu zählen auch Wähler*innen,
       die gerade noch zur Schule gehen. Wie sie dort auf die Wahl vorbereitet
       werden, weiß Jennifer Rosin, selbst Schülerin und Vorsitzende des
       Landesschüler*innenauschusses Berlin.
       
       taz: Frau Rosin, bei der Abgeordnetenhauswahl dürfen zum ersten Mal
       Wähler*innen ab 16 Jahren wählen. Haben Sie schon Wahlplakate gesehen,
       die die Themen dieser Wähler*innengruppe ansprechen? 
       
       Jennifer Rosin: Es gibt einzelne Wahlplakate, die natürlich auf Bildung
       anspielen. Mehrere Parteien haben das Thema mittlerweile aufgegriffen. Aber
       Jugendliche beschäftigen sich ja nicht nur mit Bildung. Es gibt viele
       andere Themen, die gar nicht bedient werden.
       
       taz: Welche Themen sind das? 
       
       Rosin: Für die Abiturjahrgänge ist es vor allem [1][Wohnen]. Viele möchten
       ausziehen, aber man kann sich einfach keine eigene Wohnung mehr in Berlin
       leisten. Außerdem relevant sind fehlende soziale Räume und günstige
       kulturelle Programme, die eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.
       Sonst sind es noch Themen wie Klima, Wehrdienst und Social-Media-Verbot. Im
       Wahlkampf fehlt der Bezug zur Lebensrealität junger Menschen.
       
       taz: Zumindest Wohnen ist ein Hauptwahlkampfthema. Warum fühlen sich junge
       Menschen trotzdem nicht angesprochen?
       
       Rosin: Das Thema wurde nicht deshalb aufgegriffen, weil es junge Menschen
       anspricht. Und das ist genau das Problem. [2][Es sind Zehntausende
       Menschen, die jetzt als neue Wähler dazugekommen sind]. Ich glaube, wenn
       Jugendliche sich nicht angesprochen fühlen, sind sie anfälliger für
       extremistische Positionen.
       
       taz: Sind junge Menschen denn politisch interessiert?
       
       Rosin: Jugendliche sind sehr politisch, aber halt nicht so direkt. 2021,
       als Fridays for Future groß war, haben wir uns mit dem Klimawandel
       auseinandergesetzt. Jetzt setzen wir uns mit dem Wehrdienst, Wohnen und
       einem Social-Media-Verbot auseinander. In der heutigen Zeit ist es fast
       unmöglich, unpolitisch zu sein, weil man überall damit konfrontiert ist.
       Man öffnet einmal das Handy, und schon sieht man politische Themen. Ich
       kenne aber auch Leute, die die erstbeste Meinung auf Social Media
       aufschnappen und dann übernehmen.
       
       taz: Wie bereiten Berliner Schulen auf die Wahl und politische Inhalte vor,
       damit diese leichtfertige Übernahme von politischen Meinungen nicht
       passiert?
       
       Rosin: Das hängt sehr davon ab, auf welche Schule man geht. An
       Mittelschulen hat man zum Beispiel nur eine Politikstunde pro Woche. Manche
       Schulen veranstalten Podiumsdiskussionen zur Wahl, andere gehen mit den
       Schülern den Wahl-O-Mat durch. Und dann gibt es andere Schulen, an denen
       gar nicht auf die Wahl vorbereitet wird. Ich kenne viele, die gar nicht
       wissen, dass sie wählen dürfen. Da sehe ich die Schuld aber nicht bei den
       Jugendlichen, sondern die Schule sollte sie dazu befähigen, eine
       demokratische Wahlentscheidung zu treffen.
       
       taz: In einem Podcast haben Sie gesagt, dass es gefährlich ist, die AfD zu
       solchen Podiumsdiskussionen einzuladen. Warum?
       
       Rosin: Ich finde es extrem schwer, die AfD rhetorisch zu stellen. [3][Die
       AfD argumentiert nicht mit Fakten, sondern mit Emotionalität]. Um Schüler
       davor zu schützen, sollte man diese Partei nicht einladen. Zwar besagt der
       Beutelsbacher Konsens, dass Parteien an Schulen im Sinne der
       freiheitlich-demokratischen Grundordnung neutral zu behandeln sind. Aber
       wenn man sieht, dass die AfD in fünf Bundesländern als gesichert
       rechtsextrem eingestuft ist, frage ich mich, inwiefern sie sich dann noch
       in dieser Grundordnung bewegen.
       
       taz: Bei der Juniorwahl in Sachsen-Anhalt war die AfD mit 28 Prozent
       stärkste Kraft, dicht gefolgt von der Linken mit 27 Prozent. In Berlin hat
       die AfD bei der U18-Wahl hingegen nur knapp 6 Prozent erreicht. Woran liegt
       das?
       
       Rosin: Ich kenne die Vorsitzende des Landesschülerrats Sachsen-Anhalt und
       sie hat mir von ihrem Schulalltag erzählt. Dort gibt es Jugendliche, die
       zum Spaß Hitlergrüße machen und illegale Begriffe verwenden. Ich glaube,
       das hat viel mit den unterschiedlichen Lebensrealitäten zu tun. Berlin ist
       eine Großstadt, in der unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen für viele
       zum Alltag gehören. Sachsen-Anhalt ist stärker ländlich geprägt, und die
       AfD hat dort auch unter Erwachsenen deutlich mehr Rückhalt. Das kann
       beeinflussen, welche Positionen Jugendliche als normal erleben. Die wachsen
       ja nicht unabhängig davon auf, was ihnen zu Hause und im Umfeld vorgelebt
       wird.
       
       taz: Welche Rolle spielt die Sensibilisierung auf extremistische Inhalte an
       den Schulen?
       
       Rosin: [4][Viele Lehrkräfte haben Angst davor, sich kritisch zu äußern],
       weil sie befürchten, Probleme mit den Eltern zu bekommen oder eben nicht im
       Sinne des Beutelsbacher Konsens zu handeln. Ich finde nicht, dass
       Lehrkräfte Schüler*innen ihre politische Meinung aufdrücken sollten.
       Aber es sollte möglich sein, die AfD kritisch einzuordnen. Es gibt
       sicherlich Schulen, die das sehr gut machen. Aber da hängt es meistens an
       einzelnen, motivierten Lehrkräften.
       
       taz: Dabei könnte man die Jugendlichen ja erreichen, wenn Sie sagen, dass
       sie durchaus politisch interessiert sind.
       
       Rosin: Ich habe mal mit einer Person gesprochen, die vor 30 Jahren im
       Schülerausschuss war. Sie meinte: Ihr habt die exakt gleichen Probleme wie
       wir damals. Wir Schülervertreter und politischen jungen Menschen reden
       eigentlich seit Jahrzehnten das Gleiche: Wir haben zu wenig Lehrkräfte, die
       Klassen sind zu groß, wir müssen Themen auch von Jugendlichen priorisieren,
       Klimawandel ist wichtig, soziale Fragen sind wichtig. Aber irgendwie bleibt
       das immer auf der Strecke liegen. Aus den Schülervertretern von gestern
       sind vermutlich die Politiker von heute geworden. Wie kann es dann sein,
       dass sich trotzdem so wenig verändert hat?
       
       14 Sep 2026
       
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