# taz.de -- Ryuichi Sakamoto in Berlin: Kosmische Überzeugungen
> Die Ausstellung „Seeing Sound, Hearing Time“ im Hamburger Bahnhof Berlin
> zeigt erstmals in Europa Kunstwerke des japanischen Popstars und
> Komponisten Ryuichi Sakamoto.
(IMG) Bild: „async-immersion“, Ryuichi Sakamoto und Shiro Takatani
Eine Waldlandschaft mit Tannen und Laubbäumen, Moosflechten am Boden und
Nebelschwaden in der Luft. Rechts auf dem 18 Meter langen Splitscreen
laufen schlierige Strahlen, die das vertikale Licht- und Farbspektrum des
Walds aufnehmen und horizontal über das Bild wandernd in Streifen
darstellen, bis sie Pixel für Pixel eingescannt werden und verschwinden.
Der französische Satz „encore la pleine lune se lever?“ (Geht der Vollmond
wieder auf?) flimmert milchig-weiß über einem Streifen.
Wer nun glaubt, gleich fliegt Antoine Saint-Exupéry auf einem Looping
vorbei, wird von der dezenten, mit Widerhaken und Glitches aus einem
EMS-Synthesizer zerschredderten Pianomusik aus den Boxen des monumentalen
14-Kanal-Soundsystems eines Besseren belehrt. Was meditativ zurückhaltend
wirkt, betäubt gleichzeitig vom reinen Überfluss der Technik- und
Medieninszenierung: „seeing sound, hearing time“ heißt die immersive
Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin, die das vielgestaltige
künstlerische Werk des japanischen Popstars, Filmkomponisten und
Schauspielers Ryuichi Sakamoto erstmals überhaupt mit einer Schau in einem
europäischen Museum würdigt.
„async – immersion“ ist dabei nur eine von fünf raumfüllenden
Großinstallationen in den Riekhallen. Nichts bleibt beim Design der
Ausstellung dem Zufall überlassen. Fotos, Filme, Musik und Found Objects
werden vom Schwarz der Wände wie eingesaugt, auch der Fußboden ist ganz in
Schwarz getaucht und so blank gebohnert, dass er als spiegelnde
Wasseroberfläche eines Sees zum romantischen Waldambiente in 3D glitzert.
Musik, Rhythmus und Klang in Bilder zu überführen, wie der
Ausstellungstitel suggeriert, bekommt hier nicht nur eine formale
synästhetische Ebene aus einer Richtung. Es ging Sakamoto auch darum,
Naturereignisse wie den Tsunami von 2011 hörbar zu machen. Als junger Mann
studierte er in den späten 1960ern Musik am Konservatorium von Tokio, zu
einer Zeit also, als die japanische Studentenbewegung im Zuge des
Vietnamkriegs auf Abstand zu den USA ging und sich mit Umweltschutzthemen
beschäftigte. Anders als die Anti-Imp-Fraktion unter den Studierenden blieb
Sakamoto dem radikalen Pazifismus verhaftet und widmete auch als Star sein
Engagement dem friedlichen Kampf gegen Atomkraft.
## Von der Natur beschädigte Musik
Gleich die erste Installation, „IS YOUR TIME“, platziert ein beim Tsunami
2011 ramponiertes Schulklavier in die Raummitte, es steht in einem
Wasserbecken und unter einer Videoleinwand, die von oben Schneeflocken auf
das Klavier schneien lässt. Seine Tasten werden von einem automatischen
Metallaufsatz betätigt, gefüttert von seismologischen Echtzeitdaten von
Erdbebenaktivitäten rund um die Welt, erklingt so von der Natur beschädigte
Musik.
„Hearing Time“ ist als Signal zu verstehen: Zeichen der Zeit erkennen,
innehalten, loslassen. Sakamotos Kunstverständnis liegt eine tiefe
kosmische Überzeugung zugrunde, wonach unsere wandernden Seelen im Strom
der Zeit sich ständig verändern. Lange blieb Sakamato Technik- und
Gear-affin. Als Elektronik im Zuge der Digitalisierung gegen Ende der
1990er immer mehr zu einem Kontrollinstrument wurde, wandte er sich basalen
Themen zu, bildete fließendes Wasser als Quelle des Lebens ab, was
bisweilen esoterische Züge annimmt.
Besucher:innen können in „Seeing Sound“ eintauchen wie in einen
Timetunnel. Sakamotos Zen-artige Inszenierung vom Raum-Zeit-Kontinuum
blendet für eine Weile die trübselige Gegenwart aus. Angesichts der
reaktionären gesellschaftspolitischen Umwälzungen in Deutschland mag das
dringend benötigte Ruhe und Kraft spenden.
Das scheinbar milde Licht von Ambient täuscht, die Karriere von Ryuichi
Sakamoto verlief widersprüchlicher und mit mehr Reibungspunkten, als die
manchmal banale musikalische Oberfläche verrät. Der 2023 nach langer
Krankheit verstorbene multidisziplinäre Künstler war ein Meister der
Täuschung. Schon als Teil des Technopop Trios [1][Yellow Magic Orchestra]
(1978–1984) begegnete Sakamoto exotischen westlichen Zuschreibungen von
Fernost spielerisch und mit absurdem Humor. „Firecracker“, der erste
YMO-Hit, [2][war die Coverversion eines US-Easy-Listening-Klassikers von
Martin Denny, komponiert 1959, als das Exotica-Fieber in den USA am
Scheitelpunkt] war.
## Konzerte in Mao-Anzügen
Durch die umgekehrte Aneignung spitzte YMO die „niedliche“ Anmutung der
Musik einerseits zu und arrangierte andererseits den Song discotauglich für
die westliche Tanzfläche. Bei Konzerten trugen die drei YMO-Musiker
zunächst Mao-Anzüge, wobei ihre Inszenierungen dem State of the Art der
elektronischen Klangerzeugung stets wohlwollend zugetan blieben.
Sakamoto arbeitete bis kurz vor seinem Tod an neuen musikalischen
(Kunst-)Projekten, parallel zum Start der Ausstellung wird auch das Album
„12 Conversations“ mit 17 unveröffentlichten Tracks veröffentlicht, die der
japanische Künstler [3][zusammen mit Alva Noto (Carsten Nicolai)] noch zu
Lebzeiten aufgenommen hatte. Zwischen elegisch flimmernd und rätselhaft
verstörend, zwischen Ambient und haarscharf am Kitsch der Neoklassik
vorbeischlitterndem Impressionismus sind Sakamotos Pianoskulpturen und die
oftmals mikrotonalen elektronischen Interludes des Berliner Künstlers
Nicolai konstruiert. Mittendrin erhebt die Sängerin Emma Maeda ihre Stimme
und deklamiert Rainer-Maria Rilkes Prosa „Ur-Geräusch“, die Geschichte
eines Lehrers, der ein Grammophon im Unterricht bauen lässt, mit
hauchzarter Stimme.
Eine ähnlich gelagerte Zusammenarbeit von Nicolai und Sakamoto, „Endo Exo“,
findet sich in der Berliner Ausstellung. Zu den Klängen von Sakamotos
Klavier werden Bilder von ausgestopften Vögeln und Amphibien eingeblendet.
Man fühlt sich an den spanischen Philosophen José Ortega y Gasset erinnert,
der die ästhetische Sinnlichkeit der Gegenwart von der Kunst der
Vergangenheit unterschied und beide Dimensionen zusammen als bereichernd
empfand. In den Kunstwerken von Sakamoto schwingt die Geschichte mit, aber
sie verstellt nicht den Blick.
„Zum Fluss laufen“, ist die chinesische Umschreibung für den Akt des
Sterbens. [4][Sakamoto, der um seine schwere Krebserkrankung kein Geheimnis
machte], nahm die eigene Vergänglichkeit zum Anlass, um Kunst für die
Ewigkeit zu erschaffen, aber auf die für ihn typisch bedächtige Weise.
10 Sep 2026
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