# taz.de -- „Ästhetik des Widerstands“ in Stockholm: Eine Bibel der linken Ästhetik für das Museum
       
       > Vor den Wahlen in Schweden wirft die Bonniers Kunsthalle in Stockholm
       > einen Blick auf Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ und schließt sie
       > mit aktueller Kunst kurz.
       
 (IMG) Bild: Still aus Peter Weiss' Kurzfilm „Ateljéinteriör / The Studio of Dr. Faust“ von 1956
       
       Kann ein Graffiti einen Menschen zur Kenntlichkeit entstellen? Wer dieser
       Tage durch Stockholm läuft, muss beim Anblick der Wahlplakate stutzen. Denn
       die Oberlippe auf dem Porträt des lächelnden Ulf Kristersson ziert
       gelegentlich ein schwarzes Hitler-Bärtchen. Kein Wunder: 2018 hatte der
       konservative Ministerpräsident von der Moderaterna-Partei versprochen,
       niemals mit den von Nazis gegründeten Schwedendemokraten zusammenarbeiten.
       Vier Jahre später ließ er seine Regierung von den Rechtspopulisten
       tolerieren. Vor den Parlamentswahlen am 13. September hat er ihnen gar
       Ministerposten angeboten.
       
       Mit dem aktuellen schwedischen Wahlkampf hat es nichts zu tun, dass die
       private Kunsthalle Bonniers in Stockholm gerade eine Ausstellung unter dem
       Titel von Peter Weiss’ monumentalem Hauptwerk „Die Ästhetik des
       Widerstands“ von 1975 eröffnet hat. Doch die auch in Schweden grassierende
       Furcht vor der globalen Renaissance des Faschismus ist schon ein Motiv
       hinter dem Versuch, diese Bibel der linken Ästhetik für das Museum zu
       adaptieren. Schließlich entrollt der Roman ein grandioses Panorama der
       antifaschistischen Kämpfe und Debatten der Jahre 1937 bis 1945.
       
       Die Verbindung Weiss’ zu Bonnier begann früh. Erschien doch das zweite, der
       Schau den Titel gebende Bändchen „The Defeated“, in dem der 1939 nach
       Schweden emigrierte Weiss seine Erlebnisse als Kriegsreporter im zerstörten
       Berlin 1947 schildert, ein Jahr später in dem Verlag, dem heute die
       schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter, die deutschen Verlage Ullstein,
       Carlsen und Piper und eben eine Kunsthalle gehören.
       
       Im Grunde ist die „Ästhetik“ ein imaginäres Museum, so wie seine
       Protagonistinnen darin beständig die großen Kunstwerke der Weltgeschichte
       von der Laokoon-Gruppe über Albrecht Dürer bis zu George Grosz
       interpretieren und befragen. Wie ein aufgeschlagenes Buch funktioniert die
       von dem Stockholmer Kunstkritiker Kim West, dem Kurator François Piron vom
       Pariser Palais de Tokyo und Joanna Nordin, der Direktorin von Bonniers
       Kunsthalle, kuratierten Ausstellung zum Glück aber nicht.
       
       ## Haron Farockis Fernsehgespräch mit Peter Weiss
       
       Auch wenn die drei viel Archivmaterial von Erstausgaben der Weiss-Bücher
       bis zu Harun Farockis berühmtem Fernsehgespräch mit Weiss in dessen
       Stockholmer Arbeitswohnung von 1979 aufbieten. Sie schafft es vielmehr, den
       paradigmatischen Weg von Peter Weiss und seiner Frau Gunilla
       Palmstierna-Weiss von den zu Beginn ihrer Karriere zurückgezogen im
       Elfenbeinturm arbeitenden bis hin zu politisch engagierten Künstlern zu
       zeichnen.
       
       Sie beginnt in einem höhlenartigen Ausstellungsraum mit den frühen
       Arbeiten: Collagen, [1][Weiss’ Experimentalfilm] „Fata Morgana“ von 1959
       und Malerei. Im zweiten, taghellen, gleichsam vom Licht der Aufklärung
       erleuchteten Raum breiten sie Bilder von Weiss’ Großprojekten wie „Viet Nam
       Diskurs“ oder „Die Ermittlung“ aus. In dem legendären Oratorium von 1965
       verarbeitete er den Frankfurter Auschwitz-Prozess. An dieser Stelle wird
       die Schau zur aufschlussreichen Zeitreise in die Geschichte des
       Dokumentartheaters, das heute fast nur noch mit Namen wie Milo Rau oder
       [2][Rimini Protokoll verbunden] wird.
       
       Diese Kapitel schließen die Kurator:innen mit zeitgenössischer Kunst
       kurz. Wie der Arbeit des Künstlerpaars Hamedine Kane und Valerie Osouf, das
       von dem berühmten, in der „Ästhetik des Widerstands“ erwähnten
       Géricault-Gemälde „Das Floß der Medusa“ inspiriert ist. Sie haben ein
       riesiges Segel spiralförmig durch den Raum gezogen, auf dem Bilder von
       Befreiungsbewegungen und -momenten aus der Weltgeschichte zusammengenäht
       sind.
       
       Trotz der unverblümten Frage der Ausstellungsmacher:innen nach der
       „Vision eines Widerstands gegen den Faschismus“ in einer Situation „in der
       eine neue extreme Rechte und neue Faschismen an Kraft gewinnen“, ist „The
       Defeated/Aesthetics of Resistance“ keine aktivistische Ausstellung. Dazu
       kommen die meisten der 43 Kunstwerke zu abstrakt daher.
       
       ## Totenschädel in der Hand
       
       Christoffer Paues’ sechs Entwürfe antifaschistischer Banner mit Motiven aus
       der „Ästhetik des Widerstandes“ etwa. [3][Kateryna Lysovenkos Ölgemälde]
       „Madness of Fascism“, auf dem ein kleiner Junge einen Totenschädel in der
       Hand hält. Oder die zwei aufeinandergesetzten Skulptur-Bruchstücke, mit
       denen Ali Cherri den Heroismus dieser klassischen Repräsentation von Macht
       bricht.
       
       Über das ästhetisch Kontemplative hinaus will da schon Zbyněk Baladrán. Der
       tschechische Künstler hat für seine Arbeit „Oracles“ 50 an die Wand
       gelehnte Leinwände nach einer, „Geomantie“ genannten Wahrsage-Methode
       erdfarben bemalt, [4][um die Stellen der nächsten Bombardierung von Gaza]
       vorherzusagen. Nach Peter-Weiss-Doku-Style hat er sie mit Diagrammen und
       Logos der Waffenlieferanten für Israel flankiert.
       
       Im antifaschistischen Kontext der Ausstellung platziert, läuft Baladráns
       Arbeit Gefahr, als Gleichsetzung der israelischen Kriegspolitik mit
       Faschismus gelesen zu werden. Der Künstler selbst verfolgt aber ein anderes
       Ziel: nämlich das drohende Grauen zu imaginieren, um es zu verhindern.
       Dadurch geben die Kuratoren der Schau eine merkwürdige Unwucht: Ein Werk
       zur Israelkritik wird prominent platziert, während solche zum erstarkenden
       Rechtspopulismus, dem eigentlichen Gegner, fehlen.
       
       Trotz alledem ist „The Defeated: Aesthetics of Resistance“ ein
       ungewöhnliches, sehenswertes Ausstellungsprojekt. Nicht nur, weil die Schau
       einmal mehr die ewige Frage nach der politischen Kunst aufwirft, für die
       Weiss’ „Ästhetik“ als Generalreferenz dient, sondern weil sie den derzeit
       viel beschworenen Antifaschismus von der reflexiven Seite her zu definieren
       sucht.
       
       Weiss’ Roman ist das Exempel einer antifaschistischen Selbst-Erziehung
       mithilfe der Zeugnisse der Kunst. So gesehen wäre progressive
       Kulturpolitik, die diese Ressource für möglichst viele Menschen
       bereitstellt und ihre Institutionen schützt, ein unverzichtbarer Teil
       praktischen Antifaschismus. Für Kurator West demonstriert Weiss’ Werk den
       „tiefen Zusammenhang zwischen kritischem, experimentellem und
       künstlerischem Schaffen und politischer Freiheit“. Mit dem Aufstieg der
       Rechtspopulisten wird dieser für die Demokratie existenzielle Zusammenhang
       zerschnitten.
       
       10 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ein-Experimentalfilm-von-Peter-Weiss/!5352359
 (DIR) [2] /Rimini-Protokoll-in-Muenchner-Museum/!5362299
 (DIR) [3] /Ukrainekrieg-in-der-Gegenwartskunst/!6067374
 (DIR) [4] /Neues-Buch-von-Eyal-Weizman/!6178514
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Peter Weiss
 (DIR) Politische Kunst
 (DIR) Videokunst
 (DIR) Schweden
 (DIR) Politisches Buch
 (DIR) deutsche Literatur
 (DIR) Museum
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) „Katechon“ von Volker Weiß: Totalitäre Fantasien, biblisch hochgerüstet
       
       Rechte sind fasziniert vom biblischen „Katechon“, der den Untergang
       aufhalten soll. Der Historiker Volker Weiß spürt der Karriere des Begriffs
       nach.
       
 (DIR) Festival zu antifaschistischer Literatur: Auf der Suche nach radikaler Sprache
       
       Was heißt antifaschistische Literatur und was lernen wir aus ihr? Im
       Berliner Brecht-Haus wurde eine Woche lang über Literatur und Widerstand
       diskutiert.
       
 (DIR) Pergamonaltar aus Styropor: Ein bisschen Utopie
       
       In einer Berliner Galerie hat die Künstlerin Zuzanna Czebatul Teile des
       Pergamonaltars nachgebaut und wirft so Fragen über den Status von Museen
       auf.