# taz.de -- Arbeit im Abgeordnetenbüro: Reden schreiben, Brötchen schmieren, Klos putzen
       
       > Berlins Abgeordnete beschäftigen mehr als 500 Mitarbeitende – oft ohne
       > Tarifvertrag oder Betriebsrat. Was das bedeuten kann, zeigt ein Fall aus
       > Charlottenburg.
       
 (IMG) Bild: Freundliches Lächeln, miese Arbeitsbedingungen: Aldona Niemczyk will wiedergewählt werden
       
       Den ersten Arbeitstag als Büroleiterin einer Berliner Abgeordneten hatte
       sich Andrea Fahmel anders vorgestellt. Denn ihre neue Chefin, die
       CDU-Politikerin Aldona Niemczyk, habe sie zunächst weder in politische
       Inhalte eingearbeitet noch parlamentarische Abläufe und Zuständigkeiten
       erläutert. Stattdessen habe die Abgeordnete Fahmel an jenem Morgen im
       Sommer 2024 erst einmal erklärt, wie sie die Räume zu putzen habe. So
       berichtet es Fahmel der taz: „Ich sollte die Küche, die Außenflächen und
       das Klo sauber machen.“
       
       Es ist der Anfang eines Arbeitsverhältnisses, an dessen Ende – rund
       eineinhalb Jahre später – Fahmel frustriert hinschmeißen wird. Später zieht
       Fahmel sogar noch gegen die Abgeordnete vors Arbeitsgericht, weil die ihr
       monatelang kein Arbeitszeugnis ausstellt.
       
       Politische Arbeit, Häppchen vorbereiten und Nachtschichten: Erst vor Kurzem
       hatte [1][eine taz-Recherche] fragwürdige Arbeitsbedingungen bei
       Beschäftigten von Bundestagsabgeordneten offengelegt. Oft gibt es keinen
       Betriebsrat, keinen Tarifvertrag, die Mitarbeiter*innen sind von den
       Launen des oder der Abgeordneten abhängig.
       
       Die Geschichte von Andrea Fahmel zeigt: Auf Landesebene, wie eben im
       Berliner Abgeordnetenhaus, sieht es offenbar kaum besser aus.
       
       ## Abgeordnete sind direkte Arbeitgeber
       
       Die 159 Abgeordneten des Berliner Landesparlaments beschäftigen derzeit
       rund 530 Mitarbeiter*innen. Alle Verträge sind befristet und an die
       Wahlperiode gebunden – für die Hunderte Mitarbeitenden werden die Karten
       bei der [2][Wahl am 20. September] also neu gemischt.
       
       Jedem und jeder Abgeordneten stehen monatlich bis zu 8.000 Euro für
       persönliche Mitarbeiter*innen zur Verfügung. Davon dürfen sie bis zu
       vier Personen anstellen. Die Abgeordneten werden so zu direkten
       Arbeitgebern. Fragen von Arbeitszeiten, Urlaub, Überstunden und auch die
       Einstufung in eine der fünf vom Parlament definierten Tätigkeitsgebiete –
       entscheidend für das Gehalt – handeln die Parlamentarier* direkt mit ihren
       Angestellten aus.
       
       Was das bedeuten kann, erlebt Andrea Fahmel während ihrer Arbeit für die
       CDU-Abgeordnete. Für mehrere ihrer Angaben liegen der taz Chat-Nachrichten
       und E-Mails vor.
       
       Fahmel ist wichtig zu betonen, dass sie ihre Geschichte nicht erzählt, um
       ihre ehemalige Chefin an den Pranger zu stellen. „Mir geht es darum, dass
       sich die Situation der Beschäftigten verbessert. Die Legislative sollte
       auch bei den Arbeitsbedingungen mit gutem Beispiel vorangehen.“
       
       Am Anfang ist Andrea Fahmel voller Vorfreude auf den neuen Job. Die heute
       41-Jährige hat nach zehn Jahren im PR-Team einer Botschaft Lust auf etwas
       Neues. Als sie den Job bei Niemczyk angeboten bekommt, sagt sie Ja. „Auch
       wenn mein politisches Herz nicht unbedingt für die CDU schlägt, bin ich
       überzeugt, dass man überall kompetente Leute findet“, sagt Fahmel.
       
       Ihre neue Chefin Aldona Niemczyk sitzt zu diesem Zeitpunkt seit eineinhalb
       Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus. Bei der Wiederholungswahl 2023 hat sie
       das Direktmandat in ihrem Wahlkreis mitten in Charlottenburg-Wilmersdorf
       gewonnen. Seitdem ist sie fachpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion für
       Frauen und Gleichstellung.
       
       ## Abstriche beim Lohn
       
       Andrea Fahmel sagt, sie habe die inhaltliche Arbeit interessiert. Doch
       obwohl sie einen Diplom-Abschluss vorweisen kann und obwohl Niemczyk ihr
       Budget für Angestellte bei Weitem nicht ausschöpft – sie beschäftigt nur
       eine weitere Person, eine Sachbearbeiterin –, wird Fahmel nicht als
       wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt. Stattdessen lautet ihre
       Position „Hauptsachbearbeiterin“, was Abstriche beim Lohn bedeutet.
       
       Am Ende scheint die Einstufung, abgesehen vom Geld, aber egal. Denn die
       Tätigkeiten, die Fahmel nach eigener Darstellung übernimmt, liegen irgendwo
       zwischen Dienstbotin und Fachreferentin.
       
       Die Arbeitswoche startete meistens mit der Bürgersprechstunde, die Niemczyk
       montags von 10 bis 12 Uhr in ihrem Charlottenburger Büro anbietet. Für
       Büroleiterin Fahmel habe das bedeutet: Kaffee kochen, Kekse rausstellen –
       und warten. „Aldona Niemczyk kam oft zu spät“, berichtet sie.
       
       Wenn das geschafft war, galt es, die parlamentarische Woche zu
       organisieren: Termine einpflegen, Niemczyk auf die Ausschüsse vorbereiten.
       Fahmel sagt, sie habe Reden geschrieben, Fotos gemacht und
       Social-Media-Posts vorbereitet. Sie habe die Webseite gepflegt, Flyer
       designt und abends noch Brötchen für Bürgerdialoge geschmiert. Sie habe
       Blumen fürs Büro gekauft – ein Herzensanliegen ihrer Chefin – und geputzt.
       Die meiste Zeit arbeitete Fahmel alleine. Ihre Kollegin, die
       Sachbearbeiterin, habe Anfang 2025 gehen müssen.
       
       ## Verschwommene Grenzen
       
       Screenshots von Chats und E-Mails sowie Anträge, Reden und Werbematerial
       mit Fahmels Urheberschaft untermauern diese Darstellung. Aldona Niemczyk
       sagt hierzu auf Nachfrage der taz: Eine dauerhafte oder regelmäßige
       Übertragung fachfremder Tätigkeiten bestätige sie „nicht pauschal“.
       
       Fahmel beschreibt die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit als
       zunehmend verschwommen. Sie sagt, sie habe für ihre Arbeit ihren privaten
       Laptop und ihre private Kamera eingesetzt. Zudem sei sie von Niemczyk auch
       am Wochenende und teils zu später Abendstunde kontaktiert worden.
       
       Chats, die die taz einsehen konnte, dokumentieren dienstliche
       Kontaktaufnahmen an Wochenenden und am späten Abend. „Guten Abend Andrea!“,
       schreibt Niemczyk per Whatsapp an einem Sonntag um 21.52 Uhr. „Kannst du
       bitte den Termin mit […] auf den Nachmittag verschieben?“ Fahmel versucht,
       auf die Uhrzeit hinzuweisen. Der Chat geht trotzdem noch weiter bis 22.40
       Uhr.
       
       Niemczyk erklärt, sie weise eine „pauschale Darstellung“ zurück, wonach
       Arbeitszeiten nicht beachtet worden seien – zumindest, soweit sie „nicht
       den tatsächlichen und dokumentierten Abläufen“ entspreche.
       
       ## Kein Betriebsrat
       
       Fahmel ist nicht die einzige Mitarbeiterin, die Niemczyk Umgang unzufrieden
       ist: Sie sagt, sie sei bereits die siebte Mitarbeiterin in Niemczyks
       Bürgerbüro innerhalb von eineinhalb Jahren gewesen. Die Personalnummer 7
       auf ihrer Lohnabrechnung, die der taz vorliegt, spricht für diese
       Darstellung.
       
       Fahmel fühlt sich alleingelassen – auch von der CDU-Fraktion, der Niemczyk
       angehört. Es gibt keinen Ansprechpartner, geschweige denn einen
       Betriebsrat, und auch keine Vereinbarungen, die über das
       Landesabgeordnetengesetz und die Richtlinien des Parlamentspräsidiums
       hinausgehen. Das kritisiert Fahmel: „Abgeordnete haben unterschiedliche
       Hintergründe und müssen keine Experten in Personalwesen sein. Aber deshalb
       brauchen sie Unterstützung aus den Fraktionen.“
       
       ## Kaum Regelungen
       
       Deshalb schreibt Fahmel im Frühjahr 2026 – da hat sie schon gekündigt – an
       CDU-Fraktionschef Dirk Stettner und den parlamentarischen Geschäftsführer
       Heiko Melzer. In der E-Mail macht sie konkrete Vorschläge: Etwa sollte die
       Personalstelle der Fraktion auch für die Mitarbeitenden der Abgeordneten
       zuständig sein. Eine Antwort hat Fahmel bis heute nicht erhalten. Auch auf
       Nachfrage der taz äußern sich Stettner und Melzer nicht.
       
       Dabei handhaben die Fraktionen den Umgang mit den Mitarbeitenden der
       Abgeordneten durchaus unterschiedlich. Bei der CDU macht man es sich
       leicht. Die Fraktion sei „richtigerweise niemals involviert bei den
       Anstellungsverträgen Dritter“, sagt ein Sprecher zur taz.
       
       Auch die SPD, die sich eigentlich Arbeitsrechte groß auf die Fahnen
       schreibt, zieht sich aus der Affäre. Gefragt nach Regelungen oder einer
       Anlaufstelle für die Mitarbeiter*innen der Abgeordneten erklärt
       Fraktionsgeschäftsführer Torsten Schneider: „Die Fraktion steht weder in
       einem Rechtsverhältnis zu etwaigen Beschäftigten der MdA, noch wäre sie
       berechtigt oder auch nur in der Lage, derartige Auskünfte zu erteilen.“
       
       Aber es geht auch anders, wie die Abgeordneten von Grünen und Linken
       zeigen. Bei den Grünen ergänzt eine gemeinsame Selbstverpflichtung die
       Vorgaben des Parlaments. Darin sind Standards festgehalten – etwa zu
       Arbeits- und Erreichbarkeitszeiten. Außerdem gibt es eine ehrenamtliche
       Interessensvertretung der Mitarbeiter*innen.
       
       ## Arbeitgebervereinigung bei den Linken
       
       Die Linken-Abgeordneten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie haben
       sich zu einer sogenannten Arbeitgebervereinigung zusammengeschlossen,
       wodurch ihre Mitarbeitenden einen Betriebsrat wählen konnten, der
       freigestellt ist und die Interessen der Angestellten vertritt.
       
       Es sind Strukturen, die Andrea Fahmel sich gewünscht hätte. Aber dafür ist
       es zu spät. Anfang 2026 reicht es ihr und sie schmeißt hin.
       
       Damit ist die Geschichte nicht vorbei. Fahmel muss um ein Arbeitszeugnis
       kämpfen – das ihr per Gesetz zusteht. Bereits am 9. Februar, rund eine
       Woche vor ihrem letzten Arbeitstag, hatte Fahmel Niemczyk einen
       vorformulierten Entwurf geschickt. Niemczyk versichert ihr, es bis Anfang
       März zu unterschreiben.
       
       Das passiert allerdings nicht. Auf Nachfragen antwortet die Abgeordnete
       nicht. Irgendwann zieht Fahmel vors Arbeitsgericht. Auch dort geht es hin
       und her. Ein Termin Anfang August wird abgesagt, weil Niemczyk das Zeugnis
       angeblich zugesagt hat. Es dauert aber drei weitere Wochen, bis Fahmel ihr
       Zeugnis erhält. Es ist exakt wortgleich mit der von ihr ein halbes Jahr
       zuvor vorgeschlagenen Version. „Nicht ein Komma wurde geändert“, wundert
       sich Fahmel.
       
       Fahmel hat sich entschieden, sich beruflich neu zu orientieren und
       absolviert eine Weiterbildung. Für Aldona Niemczyk wird es am 20. September
       spannend. Sie kämpft darum, ihr Direktmandat in Charlottenburg zu
       verteidigen. Die Zustände in ihrem Büro scheinen sich indes nicht gebessert
       zu haben. So berichtet es zumindest Fahmel: Auch nach ihrem Abgang habe es
       ein reges Kommen und Gehen gegeben.
       
       13 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
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 (DIR) Arbeitnehmerrechte
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 (DIR) CDU Berlin
       
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