# taz.de -- Wahlkampf in Gambia: Der „Auserwählte“ und die Täter der Jammeh-Diktatur
       
       > In Gambia stockt die Aufarbeitung der Gräueltaten der Diktatur Jammehs.
       > Das liegt auch an dessen Nachfolger, dem Präsidenten des Landes, Adama
       > Barrow.
       
 (IMG) Bild: Inszeniert sich als der „Auserwählte“: Gambias Präsident Adama Barrow
       
       Ganz in Weiß gekleidet, die Hand zum Gruß gehoben, winkt Präsident Adama
       Barrows Antlitz vom Dach eines mehrstöckigen Apartmenthauses auf eine der
       zentralen Kreuzungen von Gambias Hauptstadt [1][Banjul] herunter. Das
       Wahlplakat ist gigantisch, der Schriftzug ebenso: „Der Auserwählte“, prangt
       dort in großen Lettern neben dem Gesicht des Präsidenten.
       
       Die Inszenierung des winkenden Barrow, noch dazu aus einem offenen Wagen
       heraus, hat etwas Päpstliches. Dabei ist Barrow Muslim, genauso wie etwa 95
       Prozent der [2][Bevölkerung Gambias]. Göttlicher Beistand – ganz gleich
       welcher Konfession – dürfte jedoch spätestens im Dezember willkommen sein.
       Dann wählt Gambia einen neuen Präsidenten.
       
       Während die Opposition zersplittert ist und nur mühsam ihre politischen
       Bündnisse auslotet, ist Barrow schon längst im Wahlkampf angekommen. Es ist
       das dritte Mal, dass der Politiker der National People’s Party (NPP) sich
       um das Amt an der Staatsspitze bewirbt. Unterstützt wird er dabei unter
       anderem ausgerechnet von der APRC, der Partei von Ex-Diktator Yahya Jammeh.
       
       Im Dezember 2016 hatte Barrow überraschend gegen Jammeh gewonnen. Dessen
       22-jährige Schreckensherrschaft war geprägt von schweren
       Menschenrechtsverletzungen, darunter Verschleppungen, sexuelle Gewalt,
       außergerichtliche Tötungen und willkürliche Inhaftierungen. Nach seiner
       Wahlniederlage flüchtete sich Jammeh im Januar 2017 ins Exil nach
       Äquatorialguinea, wo er bis heute lebt.
       
       ## Ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis und ein Hut
       
       Gut fünf Jahre lang, von 2017 bis 2021, arbeitete eine Kommission für
       Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung (TRRC) die Verbrechen der
       Jammeh-Ära auf. Doch fast zehn Jahre nach seinem Sturz ist der Ex-Diktator
       noch immer nicht vor Gericht gestellt worden – unter anderem weil
       Äquatorialguinea seine Auslieferung verweigert. Mit der Ernennung des
       britischen Rechtsanwalt Martin Hackett zum Sonderstaatsanwalt für Gambias
       Sondertribunal im Mai 2026 ist zwar ein weiterer Stein ins Rollen gebracht
       worden, doch die Aufarbeitung schreitet insgesamt nur langsam voran,
       während die Geduld der betroffenen Familien strapaziert wird.
       
       „Die Täter altern, einige von ihnen sind bereits gestorben. Das bedeutet,
       dass sie sich niemals der Justiz stellen werden. Das ist für die Opfer, die
       auf Antworten warten, sehr schmerzhaft. Aber Gambia muss zunächst die
       entsprechenden Strukturen aufbauen“, sagt Sirra Ndow. Es gehe voran, wenn
       auch nur langsam, sagt die Landesdirektorin des Afrikanischen Netzwerks
       gegen außergerichtliche Tötungen und erzwungene Verschleppungen (Aneked):
       „Vermutlich gibt es keine einzige Familie in Gambia, die nicht in
       irgendeiner Art und Weise von den unter Jammeh verübten Verbrechen
       betroffen ist“.
       
       Damit die Gräueltaten der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten,
       betreibt Aeneked ein Museum. An einer ungeteerten Seitenstraße von
       Serekunda, nur eine kurze Fahrt von Banjul entfernt, liegt das Memory
       House. „Uns geht es darum, die Sicht der Opfer darzustellen. Es soll
       anerkannt und festgehalten werden, [3][was während der Herrschaft von
       Jammeh geschehen ist]. Auch für künftige Generationen, damit sich so etwas
       nie wieder wiederholen kann“, erklärt Ndow, während sie durch den
       Erinnerungsort führt.
       
       Hinter einem Schaukasten, sicher verschlossen und säuberlich aufgereiht,
       liegen ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis und ein Hut. Es sind Besitztümer
       von Menschen, die umgebracht wurden. „Nachfolgende Generationen sollen auch
       lernen, dass sie ein Recht auf Wahrheit und Aufklärung haben“, sagt sie.
       
       ## Auswirkungen des Jammeh-Regimes bis heute spürbar
       
       Hinter ihr an der Wand reihen sich unzählige Fotos. Jedes einzelne Bild
       zeigt einen vermissten Menschen und deren persönliche Geschichten. „22
       Jahre sind eine lange Zeit. Die Auswirkungen des Jammeh-Regimes sind bis
       heute spürbar“, sagt sie. Das eine seien die offensichtlichen Folgen, zum
       Beispiel Menschen, die gefoltert wurden und die fortlaufend medizinische
       Versorgung benötigten. Das andere seien die Systeme und Strukturen, wie
       Justiz, Bildungssystem und der Sicherheitssektor, die bis heute von der
       autokratischen Gesetzgebung der Jammeh-Zeit geprägt seien.
       
       Ähnlich sieht es auch der gambische Menschenrechtler Madi Jobarteh: „Seit
       2017 ist der öffentliche Raum sehr viel sicherer geworden – für
       Journalisten, für die Zivilgesellschaft und auch für politische Akteure.
       Aber auch zehn Jahre nach dem Ende der Diktatur steht unsere Regierung
       immer noch an einem Scheideweg.“
       
       Als Gründer des Edward Francis Small Centre for Rights and Justice (EFSCRJ)
       setzt er sich für Menschenrechte, Gleichheit und Rechenschaftspflicht ein.
       „Die Gräueltaten der Vergangenheit mögen ein Ende gefunden haben und
       landesweit hat sich die Infrastruktur verbessert. Aber das schlägt sich
       nicht in einem höheren Lebensstandard oder in besseren Chancen für die
       Menschen nieder“, sagt Jobarteh. Das Land sei immer noch von Korruption
       durchtränkt und die Menschen von Armut geplagt.
       
       „Barrow hat außerdem viele der wichtigen Mitstreiter des früheren Regimes
       wieder ins Amt geholt. Nehmen wir zum Beispiel den Präsidenten unserer
       Nationalversammlung, Fabakary Tombong Jatta, oder Muhammad B. S. Jallow,
       den Vizepräsidenten“, kritisiert Jobarteh. Männer, die auch unter Jammeh
       politische Spitzenpositionen besetzten und den Fortbestand des Regimes,
       inklusive seiner Menschenrechtsverbrechen, mitgetragen hatten. „Daraus lese
       ich kein Interesse an einer echten Übergangsjustiz“, sagt Jobarteh.
       
       ## Ewiger Machterhalt
       
       Zu beobachten sei außerdem, wie die Taktiken des früheren Regimes auch
       heute noch fest verankert seien: „Nehmen wir zum Beispiel diese Kultur der
       ewigen Machterhaltung“, gibt Jobarteh ein Beispiel. Barrows Verkündung
       einer mittlerweile dritten Kandidatur hatte für Unzufriedenheit gesorgt.
       
       2016 war dieser nämlich eigentlich mit dem Versprechen angetreten, nur ein
       Mal zu kandidieren und eine Amtszeitbegrenzung einzuführen, als Lehre aus
       der langen und brutalen Herrschaft von Jammeh. Von einer Begrenzung ist
       mittlerweile nicht mehr die Rede, stattdessen sieht sich Barrow als am
       besten geeignet, das westafrikanische Küstenland noch weitere fünf Jahre zu
       führen – und möglicherweise auch darüber hinaus.
       
       Die politische Kultur ist dabei nur eine Seite des Erbes. „Während der
       Diktatur wurden die Sicherheitskräfte gezielt gegen die Bevölkerung
       eingesetzt und als repressives Werkzeug missbraucht“, erklärt der
       Menschenrechtler. Seit 2017 soll eine Sicherheitssektorreform daraus
       rechtsstaatliche und rechenschaftspflichtige Institutionen machen.
       
       „Ja, klar. Es gibt Fortschritte: Das Militär foltert heute nicht mehr
       willkürlich. Aber die Polizei wird weiterhin gegen die eigene Bevölkerung
       eingesetzt. Vor allem dann, wenn sie in der Kritik steht“, sagt Jobarteh
       mit Hinweis auf Anti-Korruptions-Proteste im Juli 2025, die brutal
       zerschlagen worden waren. Die Methoden seien direkte Hinterlassenschaften
       der Diktatur.
       
       ## Noch immer hat Jammeh Unterstützer
       
       Und dennoch: Bis heute hat der Ex-Diktator nach wie vor einen kleinen, aber
       hartnäckigen Pool an Unterstützern. „Welcome to Fono Region“, begrüßt ein
       Schild Autofahrer auf der einzigen Verbindungsstraße, die sich von West
       nach Ost einmal der Länge nach durch das Land schlängelt. Direkt hinter dem
       Schild beginnen grüne Fahnen den Straßenrand zu schmücken, es ist die Farbe
       der Jammeh-Partei APCR.
       
       Die Geburtsregion von Jammeh, vor allem dessen Geburtsort Kanilai, ist auch
       nach dem Ende der Diktatur ein Ort überzeugter Unterstützer. „Gambia geht
       unter, nur Jammeh kann uns retten“, heißt es in einem Graffiti auf einer
       Wellblechhütte in Kanilai.
       
       Das kleine Dorf beherbergt nur ein paar hundert Menschen. Und doch gab es
       hier einst eine eigene Bankfiliale und ein riesiges Hotel mit Tennisplätzen
       und Pool. Das Hotel ist nach wie vor in Betrieb, wenn auch eingeschränkt.
       
       „Früher war hier jeden Tag was los“, erzählt der Manager. Regelmäßig lud
       Jammeh seine Gäste zu opulenten Feiern in seine Privatresidenz direkt
       nebenan ein, mit Blick auf den eigenen Krokodil-Pool im Garten. Heute ist
       die Residenz abgeriegelt und vom Militär bewacht. Das Hotel wird manchmal
       noch für Konferenzen gebucht, ansonsten ist es ruhig geworden im Dorf.
       
       ## Das verrostete Gerüst der Moschee
       
       Eine Moschee, um die herum noch ein verrostetes Baugerüst steht und deren
       Grundriss enorme Dimensionen erahnen lässt, ist Zeugnis des überraschenden
       Endes von Jammehs Regierungszeit. Die Fono-Region war von Jammeh stark
       ausgebaut und gefördert worden, sodass die Bevölkerung in seiner
       Geburtsregion schon früh in den Genuss einer guten Strom- und
       Wasserversorgung sowie geteerter Straßen kam.
       
       Heute ist dies nicht mehr der Fall, die Straße Richtung Kanilai ist
       durchlöchert wie Schweizer Käse, eine frische Teerdecke hat sie schon lange
       nicht mehr gesehen.
       
       Für Analyst Sait Matty Jaw ist Jammeh heute nicht viel mehr als das
       verrostete Gerüst der nie fertiggestellten Moschee: eine Randerscheinung,
       deren Stern schon längst verblasst ist. Viel wichtiger sei, welche Richtung
       Präsident Adama Barrow 2027 einschlage.
       
       9 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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