# taz.de -- Umstrittene Wahlen in Afrika: Wie man nicht stirbt
       
       > Das Schicksal unterlegener Oppositionsführer verdient viel mehr
       > Aufmerksamkeit. Denn: Einen Autokraten herauszufordern, kann
       > lebensgefährlich sein.
       
 (IMG) Bild: Der Oppositionskandidat Bobi Wine hält sich nach der Präsidentschaftswahl an einem unbekannten Ort auf
       
       Vor sechs Wochen verbreitete der ugandische Publizist Charles Onyango-Obbo,
       einer der bekanntesten Journalisten Afrikas, einen [1][„Leitfaden für
       Anfänger: Wie man nicht stirbt, wenn man gegen einen afrikanischen
       Präsidenten antritt“]. Der Ton des Elf-Punkte-Breviers war zunächst launig
       gehalten. „Schlafen Sie leicht, also ohne Schlaftabletten: Sie müssen
       wachsam bleiben für das Klopfen an der Tür um 03:00 Uhr morgens oder das
       Geräusch, wie Ihr Gartentor eingeschlagen wird“, lautet ein Punkt, gefolgt
       von: „Seien Sie nett zu Ihren alten Schulkameraden, Freunden und
       Verwandten. Sie werden sie brauchen, wenn – nicht falls – Sie eine Kaution
       benötigen.“
       
       Im Grunde ist es aber todernst. Man braucht einen gültigen Pass, den man
       aber nicht zu Hause aufbewahrt. Man braucht Bargeld, das nicht auf der Bank
       und auch nicht zu Hause liegt. Man braucht Freunde in Grenzstädten und
       Nachbarländern. Man braucht einen Geistlichen, den man jederzeit anrufen
       kann. Man braucht Notgepäck. Und schließlich: „Lernen Sie, über Absurdität
       zu lachen.“
       
       Ugandas Oppositionsführer Bobi Wine, der die Wahlen am vergangenen
       Donnerstag [2][gegen den Langzeitpräsidenten Yoweri Museveni verloren] hat
       und das für Fälschung hält, dürfte Onyango-Obbos Brevier gelesen haben. Dem
       43-jährigen Musikstar gelang nach der Wahl die Flucht aus seinem belagerten
       Haus unter den Augen der Polizei, seither alarmiert er die Bevölkerung per
       [3][Video aus dem Untergrund]: „Ich weiß, dass diese Verbrecher mich
       überall suchen, und ich tue mein Bestes, um sicher zu bleiben.“
       
       ## Ins Exil getrieben
       
       Der Ugander ist nicht der erste, der um sein Leben fürchten muss, weil er
       es gewagt hat, den unangefochtenen Herrscher seines Landes an der Wahlurne
       herauszufordern. In Mosambik musste Oppositionsführer [4][Venancio
       Mondlane] Zuflucht in Südafrika suchen, nachdem er im Oktober 2024 gegen
       die seit der Unabhängigkeit 1975 regierende [5][antikoloniale
       Befreiungsbewegung Frelimo] antrat und den Sieg gegen Frelimo-Kandidat
       [6][Daniel Chapo] reklamierte. Es folgten monatelange schwere Unruhen mit
       Hunderten Toten – bis [7][Chapo Mondlane persönlich traf], um die Lage zu
       entschärfen.
       
       Ein ähnliches Szenario durchlebt Kamerun seit den Präsidentschaftswahlen
       vom Oktober 2025. Präsident [8][Paul Biya], der schon seit 1984 regiert,
       wurde von der Wahlkommission zum Sieger gegen den Oppositionellen [9][Issa
       Tchiroma] erklärt – aber das gilt als fragwürdig, es gab schwere Proteste,
       und Tchiroma musste über Nigeria nach Gambia fliehen, wo er jetzt im Exil
       ausharrt. Sein prominenter Unterstützer [10][Anicet Ekane], Führer einer
       Oppositionspartei, blieb im Land und überlebte seine Festnahme nicht. Der
       92-jährige Biya hat nach seiner Wiederwahl noch immer keine neue Regierung
       gebildet, das Land hängt politisch in der Schwebe.
       
       Es ist kein Zufall, dass Mondlane in Südafrika aufgenommen wurde und
       Tchiroma in Gambia. Südafrika bleibt trotz aller Mängel ein Leuchtturm
       funktionierender Institutionen in Afrika, die alten Führer der regierenden
       ehemaligen Befreiungsbewegung ANC wissen, dass Asyl Leben rettet. In Gambia
       hat Präsident [11][Adama Barrow] das Los des verfolgten Oppositionsführers
       selbst erlebt: Er gewann 1996 Wahlen gegen Langzeitdiktator [12][Yahya
       Jammeh], der Diktator erkannte das nicht an. Barrow musste nach Senegal
       fliehen. – und Senegal, die einzige stabile Demokratie Westafrikas, setzte
       ihn per Militärintervention [13][Anfang 2017 in sein Amt als gewählter
       Präsident Gambias] ein.
       
       Barrow ist einer der wenigen verfolgten Oppositionsführer, die gegen
       Wahlfälschung obsiegt haben. [14][Alassane Ouattara] in der Elfenbeinküste,
       konnte 2011 die [15][Wahlfälschung seines Vorgängers Laurent Gbagbo] nur
       mithilfe einer Militärintervention aus Frankreich überwinden. Vielen
       anderen blieb das versagt. Die Herausforderer von Robert Mugabe und Ali
       Bongo bekamen keine ausländische Unterstützung. Bezeichnenderweise wurden
       Mugabe und Bongo später vom eigenen Militär abgesetzt. Wo Wahlen nicht
       funktionieren, bleibt als Instrument des Machtwechsels nur der Putsch.
       
       Auf ausländische Unterstützung können weder Tchiroma in Kamerun noch
       Mondlane in Mosambik zählen. Bobi Wine in Uganda kann nicht einmal auf Asyl
       in einem Nachbarland hoffen. Ostafrikas Regierungen arbeiten mittlerweile
       gegen ihre jeweiligen Oppositionen zusammen, sie alle fürchten eine
       Kettenreaktion, sollte eine von ihnen dem Drang der jugendlichen
       Bevölkerungsmehrheit nach Entmachtung alter Eliten nachgeben.
       
       ## Der Umgang mit Opposition als Gradmesser
       
       Am Schicksal prominenter Gegenkandidaten bei Präsidentschaftswahlen in
       Afrika liest sich ab, wie es um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wirklich
       bestellt ist. Kenia hilft zwar seinen autoritären ostafrikanischen Nachbarn
       bei der Verfolgung der Opposition, aber es hat genug Regierungswechsel
       erlebt, damit die eigene Opposition grundsätzlich in Frieden gelassen wird
       – der ewige Oppositionsführer [16][Raila Odinga], der sich selbst mehrfach
       für ein Opfer von Wahlfälschung gehalten hat, wurde nach seinem Tod im
       vergangenen Oktober sogar mit einem Staatsbegräbnis geehrt, während
       gleichzeitig Kamerun ins Chaos stürzte.
       
       Einen historischen Oppositionsführer staatlich zu ehren – das zeichnet eine
       stabile Demokratie verlässlicher aus als die Karikatur freier Wahlen, die
       viele Fassadendemokratien in Afrika verlässlich alle paar Jahre abliefern.
       Viele Autokraten haben inzwischen Routine damit, halbwegs ordentliche
       Wahlen abzuhalten, Opposition halbwegs gewähren zu lassen und sich einen
       demokratischen Anstrich zu geben. Damit punktet man in den vielen
       internationalen Rankings guter Regierungsführung, die auch [17][für
       Deutschlands Entwicklungszusammenarbeit ein wichtiges Kriterium] sind.
       
       Aber ob Oppositionsführer nach ihrer Wahlniederlage wieder ein normales
       Leben führen können, ob sie überhaupt überleben und was mit ihren Familien
       geschieht, das wird in keinem internationalen Demokratie-Regelwerk erfasst.
       Auch nicht, ob ein Land denen Zuflucht gewährt, die nach dem dreisten
       Versuch, ihre verfassungsmäßigen Rechte in Anspruch zu nehmen, um ihr Leben
       rennen müssen. Wie aktuell wieder einmal in Uganda.
       
       18 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/cobbo3/status/1996577738623164643
 (DIR) [2] /Ugandas-Praesident-wiedergewaehlt/!6146372
 (DIR) [3] https://x.com/HEBobiwine/status/2012470479219539973
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Ven%C3%A2ncio_Mondlane
 (DIR) [5] /Wahlsieg-in-Mosambik-bestaetigt/!6059031
 (DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_Chapo
 (DIR) [7] /Gipfeltreffen-in-Mosambik/!6078392
 (DIR) [8] /Kameruns-Praesident-will-nicht-abtreten/!6097425
 (DIR) [9] /Nach-Wahlen-in-Kamerun/!6118175
 (DIR) [10] /Repression-in-Kamerun/!6134472
 (DIR) [11] https://en.wikipedia.org/wiki/Adama_Barrow
 (DIR) [12] https://en.wikipedia.org/wiki/Yahya_Jammeh
 (DIR) [13] /Gambias-neuer-Praesident/!5373176
 (DIR) [14] https://en.wikipedia.org/wiki/Alassane_Ouattara
 (DIR) [15] https://en.wikipedia.org/wiki/2010_Ivorian_presidential_election
 (DIR) [16] /Raila-Odinga-ist-tot/!6120897
 (DIR) [17] https://www.bmz.de/de/themen/gute-regierungsfuehrung/hintergrund/regierungsfuehrung-bewerten-20138
       
       ## AUTOREN
       
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