# taz.de -- Regierung für Sachsen-Anhalt: Wenn Absurdes möglich wird
       
       > Im Landtag finden sich die Fraktionen zusammen. Wer regieren wird, ist
       > unklar. Ministerpräsident Schulze wird als Fraktionschef der CDU gewählt.
       
 (IMG) Bild: Ist angesichts des Wahlergebnisses sehr nachdenklich: Susan Sziborra-Seidlitz, Grünen Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt
       
       Nach dem langen Wahlkampf auf den Straßen von Sachsen-Anhalt kehrt wieder
       Leben in den Landtag ein. Die neuen Fraktionen der sechs gewählten Parteien
       haben sich am Dienstag zum ersten Mal nach der Wahl getroffen.
       
       Eine davon sind die Grünen. Deren Landesvorsitzende Susan Sziborra-Seidlitz
       sagt auf der Sitzecke in ihrem Büro: Wenn sie an das Ergebnis von vor zwei
       Tagen denke, dann mache sie sich immer noch Sorgen um Sachsen-Anhalt.
       
       Bei der Wahl am Sonntag hat die [1][nationalautoritäre AfD] rund 44 Prozent
       der Stimmen bekommen. Keine absolute Mehrheit. Im Parlament verfügt sie
       über 39 von 83 Sitzen. Allerdings: CDU, SPD, Grüne und Linke verfügen
       gemeinsam ebenfalls über 39 Sitze.
       
       Zwischen den Parteien, die eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen,
       und der AfD gibt es somit ein Patt. Die fünf übrigen Sitze hat das BSW
       gewonnen. Deren Spitzenleute sagen, sie seien offen für fast alles. Damit
       ist weiterhin eine Regierung unter der AfD in Sachsen-Anhalt möglich, aber
       nicht sicher.
       
       Die Grünen-Chefin sieht deshalb zunächst zwei Optionen: Entweder bekommt
       Sachsen-Anhalt eine „[2][faschistische Regierung]“ oder, wenn das BSW sich
       enthält, entsteht ein Patt. Sziborra-Seidlitz streicht nachdenklich mit der
       Hand über eines Kissen in ihrer Sitzecke. Dann nennt sie noch eine dritte
       Variante: einen unabhängigen Ministerpräsidenten, der keiner Partei
       angehört.
       
       Mit diesem Vorschlag hatte das BSW im Wahlkampf geworben. „Das ist eine
       sehr ungewöhnliche Idee. Aber an uns würde das nicht scheitern. Wir sind
       gesprächsbereit“, sagt Sziborra-Seidlitz. Ein unabhängiger Kandidat sei
       „der letzte Strohhalm, wenn wir sowohl eine faschistische Regierung als
       auch eine Blockade im Land verhindern wollen. Für das Erste sind wir
       gewählt worden, das Zweite wäre ebenfalls schlecht fürs Land.“
       
       ## SPD und Grüne offen für unabhängigen Kandidaten
       
       Doch wer könnte dieser unabhängige Kandidat sein? Die Grünen-Politikerin
       wolle im Moment keinen Vorschlag machen. „Es ist wichtig, dass sich die
       [3][CDU] sortiert und möglicherweise einen Vorschlag macht oder dass vom
       BSW ein Vorschlag kommt.“ Um Koalitionsgespräche gehe es dabei nicht. Das
       BSW sei „nicht verlässlich genug“, findet Sziborra-Seidlitz.
       
       Etwa eine Stunde später geht Katja Pähle ans Telefon. Die langjährige
       Fraktionsvorsitzende der SPD in Sachsen-Anhalt sagt der taz, nach der Wahl
       freue sie sich erst einmal über das Ergebnis ihrer Partei. Rund 30.000
       Stimmen mehr als noch vor fünf Jahren hat die SPD bekommen. „Dabei hatten
       uns zwischendurch manche schon aus dem Parlament rausgeschrieben“, sagt
       Pähle.
       
       Und wie ist die Lage ansonsten? „Schwierig.“ Mit dem Wahlergebnis habe
       niemand gerechnet. Die Patt-Situation, die mögliche AfD‑Regierung. Wer da
       in Sachsen-Anhalt regieren könne, lasse sich kaum sagen. Ein unabhängiger
       Ministerpräsident? Wenn sich dadurch eine Blockade auflösen lasse, wolle
       sie das nicht kategorisch ausschließen. Aber als Grundvoraussetzung dafür
       müsse die SPD erst mal wissen, über wen genau man da rede.
       
       Nachgefragt bei Claudia Wittig: Sie ist über die Liste des BSW eingezogen.
       Am Dienstagmittag steht sie in einem Veranstaltungsraum in Magdeburg. Ihre
       frisch gegründete Fraktion hat dort gerade bei einer Pressekonferenz
       erklärt, sie wolle mit der AfD über inhaltliche Projekte sprechen. Eine
       Brandmauer existiere für das BSW nicht. Aber zu einer Koalition mit den
       Rechtsextremen sagt die Partei bisher auch nicht direkt ja.
       
       Sie würden mit allen Parteien sprechen, erklärt Wittig. [4][Dass Grüne und
       SPD offen für den BSW-Vorschlag eines überparteilichen Ministerpräsidenten
       seien], freue sie. Doch was müsste ein Kandidat dafür denn mitbringen? Eine
       Person aus dem kulturellen Bereich oder der Wissenschaft könne sie sich
       vorstellen. Das BSW habe schon konkrete Ideen, Namen wolle sie aber noch
       keine nennen. „Für uns geht es ganz wesentlich um eine friedenspolitische
       Perspektive, nach innen und nach außen.“ Für Wittig bedeute das auch, er
       müsse von allen Parteien des Parlaments getragen werden, auch von der AfD.
       
       Während Wittig das erzählt, treffen sich am Dienstag im Landtag auch die
       Linken-Abgeordneten zum ersten Mal nach der Wahl. Wie die Linke die
       Situation in Sachsen-Anhalt aktuell sieht, dazu wollte sie auf Anfrage der
       taz nichts äußern.
       
       ## Schulze knapp als Fraktionschef bestätigt
       
       Die CDU-Fraktion wählt parallel dazu bereits ihren Vorsitzenden. Statt wie
       früher aus 40 Abgeordneten besteht sie jetzt nur noch aus 15. Sven Schulze,
       der CDU-Landesvorsitzende, Spitzenkandidat und Ministerpräsident, möchte
       sich trotz der herben Wahlniederlage offenbar nicht aus der Politik in
       Sachsen-Anhalt verabschieden. Gewählt wird er mit nur 8 von 15 Stimmen. Es
       gab einen Gegenkandidaten, der Schulze nur knapp unterlag.
       
       Noch am Montagabend hatte der Wahlverlierer Konsequenzen angekündigt. Die
       CDU habe keinen Regierungsauftrag mehr. „Wir werden unsere Rolle, wenn eine
       neue Regierung gewählt ist, in der Opposition sehen.“ Der gesamte Vorstand
       werde bei einem Sonderparteitag Ende des Jahres komplett neu gewählt.
       
       Während Schulze das in die Mikrofone der Journalist:innen sagte, nickte
       neben ihm Landesgeneralsekretär Mario Karschunke. Einen Tag später
       bestätigte er der taz, auch er werde sein Amt zur Verfügung stellen. Die
       CDU in Sachsen-Anhalt müsse sich „grundsolide neu aufbauen“, erklärte
       Karschunke. Es brauche neue, junge Menschen in der Partei. Auch in den
       Spitzenpositionen des Landesverbandes. „Machterhalt“ dürfe keine Rolle
       spielen.
       
       Die CDU werde bei einer Klausurtagung darüber beraten, warum sie diese Wahl
       so krachend verloren hat, sagt er. Und: „Sven Schulze hat einen
       hervorragenden Wahlkampf gemacht. An ihm kann es nicht liegen.“ Die
       Menschen hätten die hohen Spritpreise umgetrieben oder die Fragen, wie es
       mit der Energie und der Rente weitergehe. Bundespolitische Themen.
       
       Nach der Wahlkampfanalyse müsse es dann darum gehen, wie die CDU mit 15
       Abgeordneten noch in Sachsen-Anhalt stattfinden könne, glaubt Karschunke.
       In den letzten 24 Jahren stellte sie den Ministerpräsidenten und mehrere
       Minister:innen. Damit ist es nun vorbei. Der CDU-Politiker zeigt sich
       dennoch optimistisch: „Wenn wir es vernünftig machen, war das nicht das
       Ende, sondern ein Anfang.“
       
       Mitarbeit: Tobias Schulze
       
       8 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /AfD-liebaeugelt-mit-Neuwahlen/!6211354
 (DIR) [2] /Nach-AfD-Sieg-in-Sachsen-Anhalt/!6211317
 (DIR) [3] /Nach-der-Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6211390
 (DIR) [4] /Nach-der-Wahl-in-Sachsen-Anhalt/!6211464
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Friedrich Merz
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Reaktionen aus der Zivilgesellschaft: „Wir müssen jetzt zusammenbleiben“
       
       Schock, Trost, Widerstand: Nach dem AfD-Wahlsieg fühlen sich Menschen in
       Sachsen-Anhalt verängstigt oder bedroht – und antworten mit noch mehr
       Gemeinschaft.
       
 (DIR) Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der Linkenfresser aus dem Bundestag
       
       Sepp Müller ist Co-Chef der Unionsfraktion im Bundestag. Jetzt will er
       neuer CDU-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt werden.
       
 (DIR) Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Grüne gehen auf Wagenknecht-Partei zu
       
       Die Grünen öffnen sich für den BSW-Vorschlag eines unabhängigen
       Ministerpräsidenten. Das sagte Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz
       der taz.