# taz.de -- Architektur in Berlin: Was von der Zukunft übrig blieb
       
       > Die Berlinische Galerie entdeckt Josef Kaiser und mit ihm die Architektur
       > der DDR. Diese stand nach 1990 viel zu lang unter Ideologieverdacht.
       
 (IMG) Bild: Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR wurde ab 1964 von Josef Kaiser und anderen gebaut und 1995 abgerissen
       
       Der erste Eindruck? Es blinkt. Es leuchtet. Und es hat Humor. Vor dem
       Ausstellungsraum empfängt eine Installation der amerikanischen
       Multimedia-Künstlerin Tracey Snelling das Publikum mit viel Farbe und guter
       Laune. Sie hat das schreibtischgroße Modell eines terrassierten Wohnhügels
       gebaut, dessen geometrische Form an einen rechteckigen Pyramidenstumpf
       erinnert.
       
       Hinter jedem der zahlreichen Fenster flimmert ein eigener kleiner Film, vor
       dem Haus lümmeln vor allem kleine Pappmänner mit braungebrannten Sixpacks
       wie [1][lauter Kens ohne Barbie am Pool] herum – und sofort springt die
       Assoziationsmaschine an. Ah, hier geht es nicht nur um Architektur! Es geht
       um Ideen!
       
       ## Zeichnungen, Collagen, Modelle
       
       Es ist eine kleine und sehr aufschlussreiche Ausstellung, die sich derzeit
       in der Berlinischen Galerie über den bislang eher unbekannten
       DDR-Architekten Josef Kaiser hinter Snellings Intervention eröffnet.
       Zustande gekommen ist sie, weil der Sohn des DDR-Architekten den Nachlass
       seines Vaters dem Museum geschenkt hat.
       
       Zu sehen sind zum Teil noch nie gezeigte Zeichnungen, Collagen und
       Fotografien, Modelle und Filme. Dabei ist nicht nur viel über die
       Entstehung von Kaisers ikonischsten Beispielen der Nachkriegsmoderne zu
       erfahren, die zumindest in Berlin inzwischen fast jeder kennt und die er im
       Kollektiv mit anderen verantwortet hat: [2][das Restaurant Moskau], [3][das
       Kino International] und die [4][Mokka-Milch-Eisbar]. Letztere beide wurden
       erst kürzlich aufwendig saniert und auch in dieser Zeitung gebührend
       gefeiert.
       
       Darüber hinaus geht es in der Schau um die Hoffnungen und Träume, die in
       der Architektur der DDR zum Ausdruck kommen konnten. Und es geht um die
       Frage, warum ausgerechnet diese Architektur in den Augen jener
       westdeutschen Stadtplaner*innen, die nach dem Mauerfall den Diskurs
       übernahmen, nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefasst wurde – während man
       nun, knapp vier Jahrzehnte später, versucht zu retten, was noch zu retten
       ist. Oder, wie es in der Pressemitteilung etwas weniger polemisch heißt,
       warum erst jetzt „neue Perspektiven auf die deutsch-deutsche Baugeschichte“
       eröffnet werden.
       
       Aber von Anfang an. Josef Kaisers Biografie ist der seines ungleich
       berühmteren Kollegen Hermann Henselmann gar nicht so fern. Ähnlich wie
       dieser passte auch Kaiser sich zunächst der staatlich verordneten
       „nationalen Bautradition“ an. Mit dem Kulturhaus Maxhütte in Thüringen etwa
       schuf er einen klassizistisch geprägten Bau, der stark an die monumentalen
       Zuckerbäcker-Arbeiterpaläste der damaligen Berliner Stalinallee, also der
       heutigen Karl-Marx-Allee, erinnert.
       
       [5][1956 jedoch rechnete Nikita Chruschtschow mit den Verbrechen und auch
       mit dem schlechten Geschmack Stalins ab.] Künftig sollte preisgünstiger und
       seriell gebaut werden. Was für eine Kehrtwende! Und was für eine Chance für
       die Architekt*innen der DDR, ab Anfang der 1960er Jahre endlich zur
       Moderne zurückkehren zu dürfen, mit der sie dank Bauhaus oft ohnehin
       sozialisiert worden waren.
       
       Viele Architekt*innen müssen aufgeatmet haben, als sie sich wieder
       stärker für Öffnung und fachlichen Austausch mit Kolleg*innen auf der
       anderen Seite der Mauer interessieren durften und nicht nur für Abschottung
       und den Blick Richtung Osten. Nun kehrten industrielle Bauweisen zurück,
       klare Kuben, Glasfassaden und Hochhäuser. Hermann Henselmann baute unter
       anderem das Haus des Lehrers mit Kongresshalle am Alexanderplatz.
       
       Und Josef Kaiser? Kaiser wurde nicht nur für Einzelbauten bekannt, sondern
       auch für den sogenannten [6][zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee], an
       dem er mit anderen beteiligt war. Und auch wenn der nach der Wende nicht
       gerade gewürdigt wurde, scheint dieser heute mit seinen preiswerten,
       typisierten Lösungen, der aufgelockerten, eleganten und urbanen
       Stadtlandschaft, die er geschaffen hat, einem völlig anderen Denken zu
       entspringen als der erste, der Zuckerbäcker-Abschnitt.
       
       Damals erhielt diese neue Architektur international Anerkennung. Und bis
       heute gibt sie vor allem jenen einiges zu denken, die die aktuelle
       Wohnungskrise und die Frage nach ressourcenschonendem Bauen im Hinterkopf
       haben.
       
       Für Kaiser ging es in diesem Stil auch anderswo weiter, die Ausstellung
       zeigt es: Zwischen 1961 und 1963 wurde das Hotel Berolina nach Plänen
       errichtet, für die er mitverantwortlich war. Ungefähr zur gleichen Zeit
       wurde das Kino Kosmos gebaut, das mit seinen 1.001 Plätzen sogar noch
       größer war als das International mit seinen ursprünglich 608. Es glänzte
       mit einem Ei-förmigen Grundriss und dazu passend mit hellen Wänden und
       Türen, weißen Sesseln und einer kunstvoll abgehängten Decke, ebenfalls in
       Weiß.
       
       1967 baute Kaiser unter anderen das DDR-Außenministerium, für das Schinkels
       Bauakademie weichen musste. 1970 folgte das „Centrum“-Warenhaus am
       Alexanderplatz. In all diesen Gebäuden bewies Kaiser, was gute Architektur
       bis heute ausmacht: Die Form folgt der Funktion, alles wirkt luftig und
       leicht – selbst ein Kinosaal, in dem Tageslicht nichts zu suchen hat.
       
       Nach der Wende galt all das plötzlich nicht mehr viel. Und zwar, so
       jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, eher aus ideologischen denn aus
       pragmatischen Gründen. Das Hotel Berolina wurde 1996 abgerissen. [7][Das
       Kosmos mit den großzügigen Freiflächen ringsum würde heute einen deutlich
       glamouröseren Berlinale-Palast abgeben als das Theater am tristen Potsdamer
       Platz.] Aber das Gebäude wurde zuerst zum öden Multiplex umgebaut; nach
       dessen Scheitern wurden die schönen Sessel auf dem Schrotthaufen der
       Geschichte entsorgt, genauer: Eine Zeit lang konnte man sie auf eBay
       kaufen. Heute dient das Kino als Eventlocation.
       
       Auch an anderen Stellen scheint die Stadtgeschichte, an der Kaiser
       mitgeschrieben hat, nach 1990 geradezu rückwärts zu laufen. Dort, wo Kaiser
       sein Außenministerium baute, soll nun wieder Schinkels Bauakademie
       entstehen. Und wo er beim Bau des Palasts der Republik mitdachte, steht
       heute das Humboldt Forum, [8][in dem sich bis heute viele Inhalte mit der
       fragwürdigen Form eines vermeintlich aristokratischen Cremekastens
       verkämpfen].
       
       ## Er arbeitete im Kollektiv
       
       Vieles von dem, was Kaiser tatsächlich umtrieb, bleibt allerdings trotz der
       Ausstellung weiterhin im Nebel. Das mag zum Teil daran liegen, dass er wie
       alle Architekten der DDR im Kollektiv arbeitete und weniger Personenkult um
       einzelne Baumeister betrieben wurde. Zum Teil dürfte es aber auch damit
       zusammenhängen, dass Kaiser eine schillernde Figur war, die in drei
       politischen Systemen Karriere machte.
       
       Nur soviel: 1910 im heutigen Slowenien geboren, studierte Kaiser
       Architektur in Prag. Während des Nationalsozialismus arbeitete er unter
       anderem als Architekt im Zentralen Architekturbüro der Deutschen
       Arbeitsfront. Nach dem Krieg versuchte er einen bemerkenswerten Neustart,
       studierte Operngesang in Dresden und kehrte erst 1950 zur Architektur
       zurück. Schon kurz darauf wurde er für eine Weile Chefarchitekt der
       sozialistischen Wohnstadt Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt.
       
       ## Kaiser träumte groß
       
       Dass Kaiser dabei nicht einfach nur staatliche Aufträge ausführte, sondern
       groß träumte, zeigt schon die ursprüngliche Konzeption des erwähnten
       Kulturhauses in Thüringen. Zunächst hatte er es keineswegs in jener
       neoklassizistischen Form gedacht, in der es später entstand, sondern
       deutlich moderner – eher in einer Formensprache, die an Hans Poelzigs
       Bauten erinnert. Sie wirken, als habe er sich weitgehend von Repräsentation
       lösen und eher auf die moderne Massengesellschaft reagieren wollen.
       
       Noch besser lässt sich das allerdings an jenem eingangs erwähnten Wohnhügel
       ablesen, mit dem Tracey Snelling in der Ausstellung in Dialog tritt. Kaiser
       entwarf ihn Ende der 1960er Jahre als Teil eines größeren Konzepts für eine
       „Sozialistische Wohnstadt“. Anders als in vielen anderen Wohnanlagen wollte
       Kaiser mit diesem Entwurf Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaftseinrichtungen
       miteinander verbinden. Auch das ist heute in einer Stadt der leerstehenden
       Bürogebäude wieder ein interessanter Gedanke. Das Projekt wurde nie
       realisiert.
       
       9 Sep 2026
       
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