# taz.de -- Versicherungen im Familienbetrieb: Ein sehr persönliches Geschäft
> Die Familie Grohs ist in Rheinbach bei Bonn stadtbekannt. Umgekehrt
> kennen die Grohs aber auch die Rheinbacher gut: Viele sind bei ihnen
> versichert.
(IMG) Bild: In Rheinbach die sichere Bank: Timo, Günter und Georg Grohs sind hier für viele die Versicherer des Vertrauens
Rheinbach ist ein Städtchen im Rheinland, 27.000 Einwohner, 16 Kilometer
von Bonn entfernt. In der Umgebung bekannt ist Rheinbach durch ein
Freizeitbad, es gibt eine Hochschule, eine Bundeswehrkaserne, ein
Gefängnis, einige Baudenkmäler aus dem Mittelalter und der Römerzeit.
Wenn Timo, Georg und Günter Grohs durch die Stadt gehen, werden sie häufig
begrüßt. Und auch sie kennen viele der rund 27.000 Einwohner – und sie
wissen über sie viele persönliche Details. Durchblicken lassen sie das
jedoch nicht. Diskretion gehört zu ihrem Job – sie sind Agenten des
ältesten Versicherungsbüros der Stadt.
Zwar werden die Angelegenheiten meist nicht auf der Straße, sondern im Büro
geregelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Grohsens ihren Beruf nach
Feierabend einfach ablegen könnten. „Ich spiele Tennis, bin im Theater, ich
singe im Chor. Das sind Dinge, die mache ich privat, aber die führen dazu,
dass der Bekanntheitsgrad von einem größer wird“, sagt Günter Grohs, mit 71
Jahren der Älteste in der Runde.
Mindestens so wichtig wie das Netzwerken sei das Festigen der Kontakte.
„Man hat super Verhältnisse zu den Kunden, die vertrauen einem.“
Zustimmendes Nicken von Georg (65), seinem Bruder, und Timo (37), dessen
Sohn. Ihre Verwandtschaft ist nicht zu übersehen, alle drei sind von großer
Statur und blicken das Gegenüber mit freundlichem Blick an.
Ihre Prominenz bedeutet allerdings auch, dass man sich keinen Fauxpas
erlauben darf. Danebenbenehmen dürfe sich ein Grohs nicht, sagt Georg
Grohs, das hat er schon früh gelernt: „Ich war 16, meine Kumpels, die
hatten gern mal ein Bier und haben abends schon mal rumgegrölt im Dorf. Und
ich sag: Oh Gott, seid leise, die sind bei uns versichert!“
Damals lag das Geschäft noch in Händen seines Vaters, Ferdinand Grohs. „Den
kannten hier alle“, sagt Günter Grohs. Ein Bild von Ferdinand, der wohl
nicht nur aus privaten Gründen im städtischen Karnevals- und Schützenverein
aktiv war, thront auf einem Regal. Daneben das Bild seiner Frau Barbara,
auch sie saß mit im „Bürro“, „bis zu ihrem 91. Lebensjahr“.
Die Anfänge des Familienunternehmens gehen in das Jahr 1949 zurück. Damals
zählte Rheinbach inklusive der dazugehörigen Dörfer rund 10.000 Einwohner.
Nach der späten Rückkehr aus dem Krieg betrieb Ferdinand Grohs mit seiner
Frau eine Holzhandlung. Das bedeutete nicht nur schwer schleppen, sie kamen
auch viel rum. Ein Versicherungsdirektor entdeckte das Potential und sprach
den Holzhändler an: Du kannst doch gut reden. Willst du nicht nebenbei
Versicherungen verkaufen?
Ferdinand Grohs wollte, und schon bald stellte sich heraus, dass im
Nachkriegsdeutschland mit Versicherungen sehr viel mehr Geld zu machen war
als mit Holz, erzählt Günter Grohs: „Der ist zu den Landwirten gefahren,
draußen, wo das Vieh stand. Der hat gesagt: ‚Pass up, Jung, musst nur
unterschrieben. Den Rest mach ich.‘“ Günter Grohs lacht. „Die haben dem
blanko unterschrieben.“
Zu ihrem Nachteil war das nicht, meint Günter Grohs. „Mein Vater war ein
Grundehrlicher. Wenn einer denen auch nur einen Pfennig zu viel abgenommen
hätte, der hätte sich die Hand abgehackt.“
Dennoch hat Ferdinand Grohs zweifellos Geschäftssinn: Zwar hat er sich für
eine Versicherung exklusiv verpflichtet, aber es gibt ja noch seine Frau,
die er bei zwei anderen Versicherungen unterbringen kann, um die
Produktpalette zu erweitern. Mit dem wachsenden Geschäft wächst die
Familie, vier Kinder kommen in den 50er und 60er Jahren auf die Welt. Ein
Haus wird gebaut mit Büro im Erdgeschoss, zweimal wird angebaut.
## So alt wie die Bundesrepublik
Das Versicherungsbüro Grohs hat nicht nur das Gründungsjahr mit der
Bundesrepublik gemein, [1][sein Erfolg ist für die alte BRD] geradezu
exemplarisch. Mit dem Wirtschaftswunder in den 50er Jahren boomt auch das
Versicherungsgeschäft. Jedes neu gekaufte Auto, jeder neu gegründete
Betrieb muss abgesichert werden. So wie überall in der BRD wird auch in
Rheinbach fleißig gebaut, Bausparverträge vermitteln die Grohsens auch, sie
locken mit prächtigen Zinsen.
Und nicht nur das Einkommen der Rheinbacher wächst, [2][sondern auch die
Stadt selbst]. Aus der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde, die erst nach
dem Krieg durch die Zuwanderung von Glasveredlern aus dem Sudetenland zur
„Glasstadt“ geworden war, wird zunehmend eine Beamtenstadt. Dank dem
Anschluss an das Autobahnnetz 1973 dauert das Pendeln in die
Bundeshauptstadt Bonn nur noch rund 30 Minuten.
In den nächsten Jahrzehnten steigt der Wohlstand weiter. Und wer mehr
besitzt, hat auch mehr zu verlieren, also mehr abzusichern. Auch
Personenversicherungen werden zunehmend attraktiv, Lebensversicherungen
etwa, damit die Familie auch nach dem Ableben des Alleinernährers
finanziell klar kommt.
„Die Frau haben wir aber auch immer mitversichert. Die kümmert sich ja um
das Haus und die Kinder und alles“, sagt Günter Grohs. „Und was ist, wenn
die Frau liegt und kann nicht mehr?“ Eine Besorgnis erregende Vorstellung,
welche die Kunden anscheinend überzeugte – und den Grohsens gleich zwei
Abschlüsse einbrachte.
Im Verkaufsgespräch habe man mitunter aktuelle Versicherungsfälle aus der
Stadt oder der eigenen Familie geschildert, erzählt Georg Grohs. So taugte
etwa der Brand, den zwei Kinder in der Grohs’schen Küche verursacht hatten,
als Anekdote für Hausrat und Gebäude. Er lacht: Er selbst zählte zu den
Brandstiftern. Und auch an den väterlichen Verkaufsspruch erinnert er sich
noch gut: „Die Scheibe klirrt, Mariechen kichert, ist hoffentlich bei Grohs
versichert.“
Aber nicht nur die Umsätze lassen das Versicherungsbüro Grohs glänzen, auch
die Schadenquoten sind gut. Die Versicherungsgesellschaften zeigten sich
zufrieden, was den Grohsens zahlreiche Prämien, darunter viele Reisen,
beschert – bis in die 90er ist diese Art der Auszeichnung üblich.
Viel Freizeit gönnt sich Ferdinand Grohs allerdings nicht, unermüdlich ist
er im Einsatz, nach einem streng geregelten Tagesablauf. „Das war wie bei
der Bundeswehr“, erinnert sich Günter Grohs. Mutter Barbara macht den
Papierkram, und auch der Rest der Familie muss ran. „Heute nennt man das
Kinderarbeit“, sagt Georg Grohs. Er erinnert sich noch gut, wie er als
14-Jähriger zum Kassieren mit dem Mofa auf die Dörfer fuhr.
„Als ich anfing, gab es noch kein Mofa, ich wurde hingefahren“, wirft der 6
Jahre ältere Bruder ein. „Nach Fritzdorf, da kam der Vater her, da waren 80
Prozent bei uns versichert. Die Eltern sagten: Wenn du fertig bist, gehst
du zu Tante Mathilde und rufst an, dann holen wir dich wieder ab.“ Im
Gepäck hatte Günter Grohs dann nicht nur Beiträge, sondern auch Notizen,
über neugeborene Kinder etwa, die im Vertrag nachgetragen werden mussten.
Ob die Brüder ihre Samstage lieber anders verbracht hätten, stand gar nicht
zur Debatte. „Unser Vater war ein Patriarch“, sagt Georg Grohs. „Mit dem
konnte man nicht diskutieren.“ Sein Bruder Günter zuckt die Schultern, er
mochte die Kundenbesuche. „‚Das ist aber schön, dass du kommst‘, sagten die
Kunden. ‚Komm, setz dich, willst du ein Stückchen Kuchen?‘“, erzählt er.
„Die Leute hatten einfach Zeit. Da war diese Hektik nicht, es war auch
total schön, mit denen zu quatschen.“
## Deutlich mehr Papierkram
Heute ist der Berufsalltag dichter geworden. Vor allem der Papierkram sei
immens gestiegen, berichtet Georg Grohs: „Ich hab früher eine
Direktversicherung, also eine betriebliche Rentenversicherung, gemacht, das
war ein doppeltes Blatt, ein Zusatzblatt. Heute muss ich 146 Seiten
ausdrucken.“
Zwar sind die Kunden in einem Umkreis von 25 Kilometern geblieben, Besuche
finden dort jedoch nur noch im Schadenfall oder bei aufwendigen Beratungen
statt. Ansonsten kommen die Kunden in das „Bürro“, einen Neubau aus den
90er Jahren am zentralen Platz der Stadt. Trotz erhöhter Arbeitsdichte
gehört das Quatschen immer noch fest zum Geschäft dazu: „Wenn wir hier 1,5
Stunden sitzen, dann haben wir 10 Minuten über Versicherungen gequatscht.
Und den Rest über die Familie, die Kinder, die Politik, über den Beruf …“
Günter Grohs nickt. „Wir haben hier einen Kunden, der kommt immer an
Heiligabend. Pünktlich kurz vor zwölf, zumachen wollen, steckt der den Kopf
zur Tür rein und fragt: ‚Wat jibbet Neues in der Stadt?‘“ Die Grohsens
lachen. „Wenn der spürt, dass man für ihn da ist, dann bleibt er“, sagt
Timo Grohs. Und wenn man das besonders gut mache, bekomme man noch Kunden
dazu, „denn so was spricht sich ja rum.“
Das habe schon sein Großvater so gehalten. Ferdinand habe den Leuten sogar
die Steuererklärung gemacht und so der Konkurrenz die Stirn geboten. „Das
macht den Unterschied“, sagt er. „Viele Familien, die von ihm betreut
wurden, sind heute noch bei uns.“
Als Ferdinand Grohs 1982 mit 56 Jahren plötzlich stirbt und das Geschäft
über Nacht an die nächste Generation übergeht, packt Günter Grohs, damals
27, die Angst: „Unser Vater war der Herrgott, wir haben ganz schön große
Schuhe hingestellt bekommen.“ Aber sie hätten es geschafft: „Nicht ein
Prozent Kunden haben wir verloren, nee, wir haben immer Plus gemacht.“
Akquise machen sie bis heute nicht, fügt Bruder Georg stolz hinzu:
All das bedeute jedoch nicht, dass man sich faul zurücklehnen könnte.
[3][Von der Flut 2021 etwa waren neben dem Ahrtal auch Gebiete in
Nordrhein-Westfalen stark betroffen], darunter die Voreifel, in der
Rheinbach liegt. Rund um die Uhr seien sie und ihre Mitarbeiter in den
Wochen nach der Flut beschäftigt gewesen, um die Schäden aufzunehmen und
bei deren Behebung zu helfen. Ein enormer Kraftakt, auch wegen der Schwere
der Schäden. „Das zieht einen runter bis auf den Boden“, sagt Georg Grohs.
Aber es habe auch Positives mit sich gebracht: „Das war für mich persönlich
dieses Gefühl, jetzt kannst du mal richtig zeigen, was du draufhast und wie
wir uns hier den Hintern aufreißen.“ Drei der Gutachter, die von den
Versicherungen nach Rheinbach geschickt wurden, wohnten mit ihren
Wohnmobilen auf Günter Grohs’ Grundstück.
Die Grohs streckten eine fünfstellige Summe für den Erwerb von Bautrocknern
aus Polen vor und fuhren die Geräte, wenn nötig, bei den Kunden vorbei.
Manche Fälle zogen sich monatelang: „Die Gesellschaften kommen nicht nach,
Sie kriegen keine Handwerker, keine Berichte, die Kunden reklamieren immer
weiter“, zählt Georg Grohs auf. Manche Fälle hätten sie erst vor Kurzem
abgeschlossen, fünf Jahre später.
Für Günter Grohs war diese Zeit so aufreibend, dass er vor zwei Jahren
beschloss, in Rente zu gehen. Seither berät er nur noch sporadisch, auf der
Basis eines Minijobs. Endlich könne er wieder ruhig schlafen, sagt er.
Gerade zu Stresszeiten sei er nachts häufig aufgeschreckt. Etwa weil er
vergessen habe, eine Police bei der Gesellschaft in Deckung zu geben. „Wenn
jetzt was passiert, bist du schuld!“, ging ihm dann durch den Kopf.
Natürlich komme es auch zu Konflikten mit Kunden, und nicht immer ließen
die sich lösen, gestehen die Grohs ein. Im Fall eines Flutopfers seien sie
wegen angeblich schlechter Beratung sogar verklagt worden. „Das ist sehr
enttäuschend“, sagt Georg Grohs. „Wir hätten doch geholfen. So wie wir auch
anderen, die nicht versichert waren, bei den Anträgen für die staatliche
Fluthilfe geholfen haben.“ Sein Sohn nickt. Obwohl der Rechtsstreit
gewonnen wurde, habe er Spuren hinterlassen: „Mittlerweile lassen wir uns
unterschreiben, dass keine Elementarversicherung gewünscht wird.“
Die aktuelle Statistik weist für den deutschen Versicherungsmarkt ein
deutliches Plus aus. Was sagen die Grohs als Versicherervermittler dazu,
sind die Rheinbacher angesichts der vielen Krisen ängstlicher geworden?
Timo Grohs schüttelt den Kopf. Den überwiegenden Zuwachs verzeichneten sie
bei Tierversicherungen, seit Corona sei die Zahl der Haustiere stark
gestiegen. Insgesamt gehe der Wachstum aber auf die Beiträge zurück, die
Durchschnittsprämie pro Vertrag habe sich exorbitant erhöht, besonders bei
der Gebäudeversicherung: Aus diesem Grund gebe es nun vermehrt Kunden, die
Verträge kündigten, um zur Konkurrenz im Internet zu wechseln.
Derzeit fällt die Zahl der Versicherungsvermittler im Bundesschnitt
deutlich, doch Sorgen um ihr Geschäft machen sich Grohsens nicht. Das
einzige Problem, sagen sie, sei der Personalmangel, Arbeit gebe es bei
ihnen genug. „Den Rheinbachern geht es gut“, sagt Günter Grohs: „Wir werden
gebraucht.“
25 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /70-Jahre-Grundgesetz/!5593255
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbach
(DIR) [3] /Flutkatastrophe-in-Deutschland/!t5787404
## AUTOREN
(DIR) Karlotta Ehrenberg
## TAGS
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) Versicherung
(DIR) Lebensversicherung
(DIR) Nordrhein-Westfalen
(DIR) Bundesrepublik Deutschland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Extremes Wetter: Versicherung klagt über hohe Hagelschäden
Die harten Körner sind zerstörerisch. Die Klimakrise macht sie teils
häufiger – und auch größer. Besonders Süddeutschland ist stark betroffen.
(DIR) Anpassung an die Erderhitzung: Pflichtversichert gegen Starkregen
Vielen Wohnhäusern fehlt die finanzielle Vorsorge gegen Elementarschäden.
Eine Organisation fordert deshalb Policen für alle – was Versicherer nicht
wollen.
(DIR) Schäden durch Erderhitzung: Obligatorischer Schutz gegen Klimaschäden kommt bald
Naturkatastrophen werden immer zerstörerischer. Die Regierung will eine
Pflichtversicherung gegen diese Gefahr. Die Versicherungsbranche lehnt das
ab.