# taz.de -- Anpassung an die Erderhitzung: Pflichtversichert gegen Starkregen
       
       > Vielen Wohnhäusern fehlt die finanzielle Vorsorge gegen Elementarschäden.
       > Eine Organisation fordert deshalb Policen für alle – was Versicherer
       > nicht wollen.
       
 (IMG) Bild: Hochwasser wie jenes an der Donau 2024 werden mit zunehmender Erderhitzung wahrscheinlicher und heftiger
       
       Alle Eigentümer:innen von Wohngebäuden sollten eine günstige
       Versicherung gegen Überschwemmungen und Starkregen abschließen können –
       aber auch müssen. So lautet der Vorschlag der Organisation Urgewald.
       
       Bisher gibt es eine solche verpflichtende Elementarschadenversicherung in
       Deutschland nicht, im benachbarten Frankreich funktioniert sie dagegen gut.
       Dort kostet eine solche Police nach Angaben der Organisation 42 Euro im
       Jahr zusätzlich zur normalen Gebäudeversicherung.
       
       Hierzulande verlangen die Versicherungsunternehmen jedoch typischerweise
       zwischen 60 und 1.000 Euro, was vielen Hausbesitzer:innen zu teuer
       ist. Nur 57 Prozent der Wohngebäude verfügen deshalb über einen
       finanziellen Schutz gegen Extremwetterschäden, wobei über 400.000 Häuser in
       der Nähe von Gewässern besonders gefährdet sind.
       
       Urgewald ist eine Umwelt- und Menschenrechtsorganisation, die sich unter
       anderem mit dem Klimawandel beschäftigt. Dieser gilt als eine Ursache der
       zunehmend teuren Schäden durch Wetterextreme, welche mitunter nur noch
       schwer zu versichern sind.
       
       Das Problem wird in Deutschland seit Jahren diskutiert, doch die Politik
       kommt zu keiner Lösung. In Extremfällen wie der Ahr-Katastrophe 2021 deckte
       der Staat die gigantischen Kosten aus Steuermitteln auch für freiwillig
       unversichertes Eigentum. Damals legte der Bund einen Hilfsfonds mit 30
       Milliarden Euro auf.
       
       ## Vorbild Frankreich
       
       „Die deutsche Politik sollte sich an Modellen wie dem in Frankreich
       orientieren“, sagt Lena Samborski von Urgewald. „Das dortige System zeigt,
       wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung
       gegen zunehmende Klimaschäden aussehen sollte.“ Die Pflichtversicherung sei
       in Deutschland rechtlich ebenfalls möglich, heißt es in einer neuen Studie
       der Organisation.
       
       Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl plädiert gleichfalls
       für das französische Modell. Dieses sieht so aus: Die Basisverträge für
       Wohngebäude und Autos enthalten automatisch den Schutz gegen
       Extremwetterschäden.
       
       Die privaten Unternehmen können diese Risiken günstig bei einem staatlichen
       Rückversicherer abdecken. Beide teilen sich die Kosten der
       Schadensregulierung. Sollten deren Reserven erschöpft sein, wird noch eine
       staatliche Garantie wirksam. Aus den Prämien lassen sich außerdem
       Präventionsmaßnahmen finanzieren, etwa Gefährdungsanalysen, der Bau von
       Deichen oder die Umsiedlung von Gebäuden.
       
       ## GDV-Vorschlag wäre „unsolidarisch“, kritisiert Urgewald
       
       Hierzulande hat im vergangenen Dezember der Verband der Versicherungen
       (GDV) eine Variante vorgeschlagen, die ähnlich klingt, aber entscheidende
       Unterschiede aufweist. So wollen die Firmen den
       Immobilienbesitzer:innen ermöglichen, den Vertragsbestandteil des
       Elementarschutzes abzulehnen. Es handelt sich also nicht um eine
       Pflichtversicherung.
       
       Im Übrigen soll der Rückversicherer ein privates, kein staatliches
       Unternehmen sein. Die zusätzlichen Versicherungskosten für ein gefährdetes
       Haus am Fluss ließen sich mit diesem Modell beispielsweise auf 1.200 Euro
       pro Jahr begrenzen, sagte Anja Käfer-Rohrbach, die Vize-Geschäftsführerin
       des Verbandes.
       
       „Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer“, erklärt dazu
       Urgewald-Expertin Samborski – und verweist auf die 42 Euro in der
       französischen Variante. Die Organisation äußert die Vermutung, dass der
       deutsche Verband und seine Mitglieder schlicht ihre Gewinnmargen in die
       Höhe treiben. Bei geringeren Prämien fielen diese ebenfalls niedriger aus.
       
       ## Die Bundesländer sind für eine Pflichtversicherung
       
       Währenddessen findet die hiesige Politik noch zu keinem Kompromiss. Die
       Arbeiten am Gesetzentwurf seien nicht abgeschlossen, hieß es im
       Bundesjustizministerium.
       
       Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht, dass baldmöglichst alle
       Gebäudeversicherungen auch den Schutz gegen Extremwetterschäden enthalten
       sollten. Allerdings will man das „Opt-Out“ prüfen, also die Möglichkeit des
       „Neins“ der Hauseigentümer:innen. Die Regierungen der Bundesländer setzen
       sich dagegen für die gesetzliche Pflicht ein.
       
       Die Klimaschutz-Organisation Urgewald interessiert sich auch deshalb für
       die Versicherungsfrage, weil ihrer Ansicht nach manche
       Versicherungsunternehmen eine klimaschädliche Geschäftspolitik betreiben,
       indem sie Policen mit großen Kohlendioxid-Verursachern abschließen.
       
       Das seien teilweise noch Vertrage mit der Öl-, vor allem aber mit der
       Gasindustrie etwa für Leitungen und Flüssiggas-Terminals. Urgewald fordert,
       dass die Versicherungen solche Geschäfte zurückdrängen. Die Kosten der
       Extremwetter- und Klimaschäden sollten sie sich von der Verursachern
       zurückholen.
       
       9 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannes Koch
       
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