# taz.de -- Klimakrise und Hitzesommer: Wieder verheerendes Jahr für Alpengletscher
       
       > Hitzewellen und wenig Schnee setzen den Eisriesen in der Schweiz,
       > Österreich und Deutschland massiv zu. Warum kleine Gletscher bereits
       > verschwinden.
       
 (IMG) Bild: Das Abschmelzen der Alpengletscher schreitet voran: Blick auf den Morteratschgletscher am 14. Juli 2026
       
       dpa | Der Schneemangel im vergangenen Winter und die große Hitze im Sommer
       haben für die Alpengletscher dramatische Folgen. In der Schweiz sind in
       diesem Jahr rund 5,5 Prozent des Eisvolumens geschmolzen, wie das
       Schweizerische Gletschermessnetz (Glamos) berichtet. Es bezeichnet das Jahr
       als verheerend für die Gletscher. Auch in Österreich und Deutschland
       erwarten Fachleute erhebliche Verluste.
       
       „Alpengletscher haben unter solchen Bedingungen langfristig keine
       Überlebenschance“, teilt Glamos mit. Die mittlere Eisdicke einzelner
       Schweizer Gletscher habe um 2,5 bis 4 Meter abgenommen. Nur im Rekordjahr
       2022 sei der Verlust größer gewesen. Das Messnetz führt die Entwicklung auf
       den Klimawandel zurück. Der Eisverlust war in den vergangenen fünf Jahren
       fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor.
       
       Glamos gehört nach Schweizer Angaben mit einer über 140-jährigen Messreihe
       zu den ältesten Gletschermessnetzen der Welt. Es vermisst regelmäßig 23 der
       rund 1.400 Schweizer Gletscher und rechnet dies auf alle Gletscher hoch.
       
       Im Winterhalbjahr 2025/26 sei in allen Höhenlagen deutlich weniger Schnee
       als im langjährigen Mittel gefallen, so Glamos. Die Nullgradgrenze habe an
       76 Tagen über 4.000 Metern gelegen – so häufig wie nie zuvor. Die
       schützende Schneedecke auf den Gletschern sei teilweise bereits im Juni
       verschwunden gewesen. Im September habe selbst auf 3.500 Metern kein Schnee
       mehr gelegen.
       
       ## Gletscherschwund und Wasserknappheit
       
       Insgesamt verloren die Gletscher von Juli bis September rund 2.200
       Milliarden Liter Wasser, so Glamos. Das ist mehr als das Vierfache dessen,
       was die Schweizer Haushalte im Jahr an Trinkwasser brauchen. Das
       Schmelzwasser hilft derzeit noch, [1][sommerliche Wasserknappheit
       abzumildern]. Dieser Effekt nimmt mit der schrumpfenden Eisfläche jedoch
       bereits deutlich ab.
       
       Kleine Gletscher seien inzwischen verschwunden, etwa der
       Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Plattalvagletscher, auch Griessfirn
       genannt, in Glarus. Die Gletscher Allalin, Clariden, Großer Aletsch und
       Rhone hätten in diesem Jahr eine so starke Schmelze erlebt wie nie zuvor
       seit Messbeginn, berichtet Glamos.
       
       In Österreich sind derzeit Freiwillige des Alpenvereins (ÖAV) unterwegs, um
       die Gletscher nach dem abgelaufenen Sommer zu dokumentieren. Die Teams
       seien mit „massivem Längen- und Massenschwund“ konfrontiert, sagt
       ÖAV-Experte Andreas Kellerer-Pirklbauer der Deutschen Presse-Agentur. Auf
       Österreichs größtem Gletscher, der [2][Pasterze am Fuße des Großglockners],
       zeichne sich ein möglicher Rekord-Eisverlust ab. Der Pasterze mache nicht
       nur die direkte Sonnenstrahlung zu schaffen, sondern er werde auch durch
       Schmelzwasser von innen ausgehöhlt. „Wie ein Schweizer Käse durch eine
       Maus“, sagt Kellerer-Pirklbauer.
       
       Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist das Eis in Österreichs Bergen um 31
       Prozent auf 285 Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Das geht aus dem
       jüngsten Gletscherinventar des Alpenlandes hervor, das im September
       veröffentlicht wurde. Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2023.
       
       ## Deutschland in maximal zehn Jahren ganz ohne Gletscher
       
       Auch den vier letzten deutschen Gletschern setzte die Hitze erneut schwer
       zu. Sie büßten schon bis 2025 innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein
       Viertel ihrer Fläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt
       verloren, wie eine Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der
       Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen
       Akademie der Wissenschaften (BAdW) im vergangenen Jahr ergab. Auch dieses
       Jahr sei ein erheblicher Verlust zu erwarten, heißt es unter anderem bei
       der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze.
       
       Vom Blaueisgletscher und Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen
       gibt es nur noch klägliche Reste, sie könnten schon bald ihren Status als
       Gletscher verlieren. Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Nördliche
       Schneeferner an der Zugspitze betroffen sein. Am längsten wird sich
       absehbar der Höllentalferner im Zugspitzgebiet halten. Doch auch ihm gaben
       die Wissenschaftler zuletzt nur noch maximal zehn Jahre. Dann wird
       Deutschland keinen einzigen Gletscher mehr haben.
       
       Vor wenigen Tagen hatte ein Felssturz an [3][Deutschlands höchstem Berg
       Zugspitze] für Aufsehen gesorgt. Ein Zusammenhang mit den hohen
       Temperaturen dieses Sommers wird vermutet. Die Abbruchstelle lag in 2.800
       Metern Höhe, wo der Boden in der Tiefe teils gefroren ist. Es handelt sich
       dabei also nicht um einen Gletscher, sondern um sogenannten Permafrost, der
       das Gestein wie Kleber zusammenhält und mit steigenden Temperaturen taut.
       Wissenschaftler untersuchen derzeit die genauen Ursachen des Felssturzes.
       [4][Tauender Permafrost] erschwert aber auch die Arbeit der
       Gletscherforscher: Denn das zunehmend bröckelnde Gestein erhöht das Risiko
       für die Vermessungsteams, wie ÖAV-Experte Kellerer-Pirklbauer schildert.
       Dazu kämen noch weitere Faktoren wie vermehrte Spalten im schmelzenden Eis.
       „Es wird durchaus gefährlicher“, sagt er.
       
       1 Oct 2026
       
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