# taz.de -- Roman „Michaela Kohlhaas“: Unmerklicher Umstieg auf ein paralleles Leben
       
       > Heike Geißler erfindet Kleist neu: Unbeirrbar schreitet in ihrem Roman
       > die Aussätzige „Michaela Kohlhaas“ dem eigenen Ende entgegen.
       
 (IMG) Bild: Die Leipziger Autorin Heike Geißler
       
       Ein Kostüm hat sie, Requisiten hat sie – sogar ein Schwert. Sie beherrscht:
       die Pose und die Performance im öffentlichen Raum. Ist noch dazu mobil, mit
       ihrem Planwagen unterwegs in Leipzig und Umgebung. Selbst eine Marke
       besitzt sie, eine Duftmarke nämlich. Trotzdem wird Michaela Kohlhaas in
       Heike Geißlers gleichnamigem neuen Roman weder zur Leitfigur noch zur
       Ikone. Angefeindet wird sie stattdessen, abgestraft, schließlich
       entmenschlicht. Weshalb? Weil Michaela Kohlhaas aus sich selbst kein
       Kapital schlägt. Und weil sie eine Frau ist.
       
       Prominent verweist Geißlers Romantitel auf Heinrich von Kleists 1810
       publizierte Novelle „Michael Kohlhaas“. [1][Die Leipziger Autorin]
       übernimmt daraus Schauplätze und Figuren, schmuggelt einzelne – markante –
       Sätze in ihr locker erzähltes Prosawerk. Darin verschmelzen Elemente aus
       Schelmenroman, Chronik, Märchen, Legende und Groteske, wobei ihre
       genrespezifischen Codes unterlaufen werden.
       
       Geißler geht es weniger um handwerkliche Perfektion als vielmehr darum,
       narratologische Verfahren zu hinterfragen. So ist „Michaela Kohlhaas“ keine
       simple, zeitgemäße Neuerzählung des Originals. Weit mehr fokussiert sich
       der Roman auf die Entstehungsbedingungen von Historie: Welches
       Menschenschicksal gilt als erzählenswert, als erinnerungswürdig? Wie muss
       erzählt werden, damit es Eingang findet ins lebendige Archiv?
       
       Unter diesen Vorzeichen spiegelt Geißler ihren Text an Kleists Geschichte
       um den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der erlittenes Unrecht in einem Akt
       von Selbstjustiz zu rächen versucht. Am Ende wird er hingerichtet, aber als
       Held – ungeachtet aller durch ihn und seine Gefolgschaft verübten
       Verbrechen. Geißlers Roman indes kontert jeglichen Heroenkult, kooperiert
       intertextuell mit [2][Christa Wolfs „Medea: Stimmen“] sowie dem „Buch Rut“.
       Letztere Referenz aus der Hebräischen Bibel erzählt von einer
       Solidargemeinschaft zweier Frauen und einer geglückten Migrationsgeschichte
       und zieht sich untergründig als Hoffnungsschimmer durch Geißlers gesamten
       Text.
       
       ## Mundraub statt Mord
       
       Aus dem Nichts verabschiedet sich die auf einem Leipziger Friedhof tätige
       Kohlhaas von ihrem bisherigen Leben. Kein krisenhaftes Ereignis geht ihrem
       Aufbruch voraus, sondern er vollzieht sich als „unmerkliches Umsteigen auf
       ein paralleles Leben, das schon immer zugegen war, das diskret mitströmte“.
       Statt mit Waffen wappnet sie sich für die kommende Zeit mit Nüssen, Tampons
       und Bankkarte. Auf allerlei Verwicklungen setzt Kleists Novelle; das Jahr
       der Kohlhaas fällt unaufgeregter aus. Ihr männliches Pendant brandschatzt
       und tötet, die Kohlhaas stößt höchstens ein halbvolles Bierglas um,
       stibitzt Kleinigkeiten – Mundraub eben.
       
       Wie einst die Marketenderin Anna Fierling in Brechts „Mutter Courage“ zieht
       sie mit einem Planwagen durch Sachsen. Mit Vergeltungsrufen,
       Kriegsankündigungen und auf Obsoleszenz getrimmten Waren macht sie keine
       Geschäfte. Was sie verbreitet, ist die unvermeidliche, oft verdrängte
       Gewissheit, dass alle sterblich sind. Man nimmt ihr diese Einsicht übel,
       die im Prinzip keine originelle ist. Angesichts von Konzepten wie Longevity
       und Transhumanismus ergibt es Sinn, daran zu erinnern, dass unsere
       Verletzlichkeit und Endlichkeit der Maßstab für ein ethisches Zusammenleben
       sein sollten.
       
       Kohlhaas lebt größtenteils mit dem Planwagen auf der Straße. Notgedrungen
       lässt sie die Hygiene schleifen. Hier in der Öffentlichkeit beginnt sie,
       als mit Rechten ausgestattete Staatsbürgerin zu verschwinden. Doch dank
       ihrer leibhaftigen Existenz entfacht sie eine Kraft, wie es nur
       Elementargeister vermögen. Eine Kraft, mit der die geschasste Kohlhaas
       trotzig einen Abdruck hinterlässt in der Welt: Hier bin ich! Es ist ihr
       Geruch, der sich den Mitmenschen aufdrängt und zurückbleibt, wenn sie
       längst weitergezogen ist. Unentwegt wird sie beschimpft, körperlich
       angegangen: So ein Gestank, noch dazu als Frau.
       
       Allerdings lässt sie sich auf diese Art nicht beschämen, nicht mit Blicken,
       nicht mit Worten. Die Kohlhaas hebelt so die Mechanismen sozialer Anpassung
       aus. Sie posiert, stinkend und in eigentümlicher Aufmachung, mit
       Wikingerhelm auf dem Kopf, Holzschwert in der Hand und ihrem Gewand aus
       Stofftüchern. Mitten auf dem Leipziger Marktplatz, wie eine Skulptur, steht
       sie und schaut minutenlang. Sie konfrontiert die Menschen mit deren eigenem
       Blickregime, das Individuen wie Michaela Kohlhaas bewertet und verachtet.
       
       ## Abläufe stören
       
       Die eigene Verletzbarkeit ist ihre Waffe. Im Stadtraum entblößt sie sich
       und menstruiert. Nicht provokativ wie [3][in den 1970er-Jahren die
       Künstlerinnen der Body-Art,] sondern mit stiller Selbstverständlichkeit.
       Mehr braucht es nicht: „Sie störte Abläufe durch ihre schiere Anwesenheit,
       dadurch, dass es sie gab und man von ihr wusste.“
       
       Bei Geißler hängt Verletzbarkeit mit der Fähigkeit, durchlässig zu sein,
       affiziert zu werden und Beziehungen einzugehen, eng zusammen. Kohlhaas
       schwirrt aus wie eine fahrende Reporterin, crasht eine Geburtstagsfeier,
       bringt dort die wortkargen Männer am Herrentisch zum Reden. Dem alten
       Wachmann in der Leipziger Innenstadt begegnet sie ebenso mit Offenheit,
       lässt ihn auf ihrem Planwagen nachts ausruhen. Auch er erzählt, wie zuvor
       die mürrischen Männer am Herrentisch, von harten Arbeitsbedingungen.
       
       Geißlers Sprache lebt in ihrer Direktheit von Wortwitz sowie dialektischer
       Spannung: Die Kohlhaas ist „müder als manche, wacher als andere“. Auf
       derlei Zwischenräume legt es die Autorin an, sowohl poetologisch als auch
       in ihrem Plädoyer für ein Geschichtsbewusstsein, das nicht teleologisch in
       abgeschlossenen Kapiteln denkt, beziehungslos zur Gegenwart und Zukunft.
       Mit Michaela Kohlhaas als Botschafterin wirbt sie für das bislang
       Uneingelöste, für all die ungenutzten Glücksfälle der Vergangenheit, die in
       den Lücken der Historie auf ihren Einsatz warten. Exemplarisch vertraut die
       Kohlhaas denn auch immer wieder auf notwendige Anfänge und fordert die
       Fatalität des Schicksals heraus.
       
       An ihrer Seite eine namenlose Ich-Stimme, verheiratete Mutter zweier
       Kinder. Sie berichtet von den Erfahrungen der Kohlhaas, der, man erfährt es
       zu Romanbeginn, ein tragisches Ende beschieden ist – und ein bestechendes,
       möchte man mit abgeschlossener Lektüre ergänzen. Die vom Alltag
       festgezurrte Frau lässt sich anstecken von Michaela Kohlhaas’
       widerständiger Subjektivität und tut es ihr schließlich gleich,
       kleinschrittig, aber mit großer Beharrlichkeit.
       
       Ob die Kohlhaas nun eine eigenständige literarische Figur ist oder
       Reflexionsfigur jener unzuverlässigen Erzählerin – egal. Hauptsache: Jemand
       muckt auf. Auch, damit das folgende Zitat aus Geißlers großartigem Roman in
       Zukunft einfach nur erfunden klingt: „Man behandelte sie als Bärin besser
       denn als Frau.“
       
       4 Jun 2026
       
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