# taz.de -- Festival Kirill & Friends Berlin: Eine selten erlebte ernsthafte Leichtigkeit
       
       > Der im Berliner Exil lebende russische Regisseur Kirill Serebrennikov
       > lädt zum kompakten Showcase. Zu sehen war dort bereits seine Inszenierung
       > „Legende“.
       
 (IMG) Bild: „Legende“ erzählt vom Leben des armenisch-georgischen Filmkünstlers Sergei Paradschanow
       
       Kirill Serebrennikov hat mächtige Feinde. Vor einigen Jahren hängte man dem
       Theatermacher in Russland ein Strafverfahren an den Hals und stellte ihn
       unter Hausarrest. Aber er inszenierte trotzdem weiter – per Zoom. Sein
       Theater, das „Gogol Center“ in Moskau, ist längst Vergangenheit in einem
       autokratischen Staat, der Eigenständigkeit auf allen Ebenen sanktioniert.
       
       Serebrennikov, schon vor seiner Verfolgung durch die russischen
       Staatsorgane in der europäischen Theaterszene bestens vernetzt, [1][lebt
       inzwischen im Berliner Exil]. Er ist als Regisseur von Oper und Schauspiel
       an den großen deutschsprachigen Häusern sehr nachgefragt. Seine Filme
       laufen regelmäßig in Cannes. Seit drei Jahren steckt er seine überschüssige
       Energie in das Projekt „Kirill & Friends“. Eine Theatercompagnie, die ganz
       bewusst KünstlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und kulturellen
       Kontexten zusammenführt.
       
       Das „Kirill & Friends Berlin Festival“ vereint nun die an verschiedenen
       Orten entstandenen Arbeiten zu einem kompakten Showcase. Den Auftakt
       bildete [2][Kirill Serebrennikovs Hamburger Inszenierung „Legende“], eine
       Liebeserklärung an den sowjetischen Filmemacher Sergei Paradschanow. „Ich
       habe mir seine Filme in meiner Jugend immer wieder angesehen, sodass sie
       Teil meiner Identität wurden“, bekennt er. Paradschanow hat neben Andrei
       Tarkowski die wohl eigenständigste Handschrift im sowjetischen Kino, was
       die filmischen Mittel, aber auch die Themen betrifft. Betörende
       Farbtableaus, die sich einbrennen ins visuelle Gedächtnis, sind
       charakteristisch für die Kinokunst des Armeniers.
       
       Immer wieder dominiert Rot, das volle Rot aus Paradschanows Filmen, die
       Bühne des Berliner Schiller-Theaters. Vier kurze Stunden ist man in einer
       anderen Welt, die von null auf hundert entsteht, als im ersten Rang ein
       georgischer Chorsolist aus der Tiefe seines Körpers Töne hervorholt, die
       den Saal fluten und durch alle Hautschichten dringen. Zehn Legenden werden
       erzählt und nebenbei ein kleines Sprachbabylon etabliert, kommen doch
       Kirills Compagnie-Mitglieder aus vielen Ecken der Welt.
       
       ## Überwältigendes Gesamtkunstwerk
       
       Es ist ein überwältigendes Gesamtkunstwerk, das musikalisch geprägt wird
       durch einen intensiven Klangteppich, live erschaffen durch Daniil Orlov am
       Keyboard, durch den georgischen Männerchor Schavnabada und die Sopranistin
       Svetlana Mamrescheva. Im Spiel springen Filipp Avdeev und Nikita Kukushkin,
       die beide in Serebrennikovs Moskauer Schauspielklasse waren, wie große
       Käfer durch das hüfthohe Gras. Überhaupt etabliert sich eine selten auf
       deutschen Bühnen erlebte ernsthafte Leichtigkeit, geht es doch um Leben und
       Tod, aber mit der Option, dass nach dem Tod die Existenz auf jeden Fall
       weitergeht. Nur die Perspektive hat sich etwas verschoben.
       
       Karin Neuhäuser spielt in der ersten Legende eine tote Mutter, deren ganzes
       Weh ihrem zurückgelassenen Pelzmantel gilt. Von Anfang an ist sie das
       heimliche Gravitationszentrum der Inszenierung. Baut sich etwas Pathos auf,
       geht sie nonchalant dazwischen. Und hat dann ihren richtig großen Auftritt
       als alternde Diva, die an Marlene Dietrich erinnert.
       
       Pardaschanow war schon als junger Mann unmittelbar nach dem Zweiten
       Weltkrieg überzeugt, ein Genie zu sein. Daran erinnert die rote
       Leuchtschrift „I’m genius“. Serbrennikov legt dessen Alter Ego die letzten
       Worte des Abends in den Mund: „Nach uns bleibt nur die Schönheit, die wir
       uns geleistet haben. Ich habe mir sehr viel Schönheit geleistet. Und das
       ist gut so.“
       
       ## Fünf Filme im Programm
       
       Nikita Efimov hat Kirill & Friends bei ihrer Spurensuche und bei den Proben
       zu „Legende“ begleitet. „Making Legende“ ist einer von fünf Filmen, die das
       Theaterprogramm flankieren. Mit dabei auch Serebrennikovs sensibles Porträt
       „Tschaikovskijs Wife“. Der Spielfilm debütierte vor vier Jahren in Cannes
       im Wettbewerb, kam aber nie in die deutschen Kinos. Herzstück des Festivals
       aber ist die Initiative „Ampersand (&) Grant“. Am letzten Tag des Festivals
       werden fünf KünstlerInnen, die in Deutschland im Exil arbeiten, mit einem
       Stipendium ausgezeichnet und in den „Freundeskreis“ von Kirill & Friends
       aufgenommen.
       
       Mit August Diehl sitzt Serebrennikov entspannt in der Matthäus-Kirche.
       Diehl ist beim Festival zu sehen in der [3][„Schneesturm“]. Befragt zu den
       Besonderheiten des deutschen Schauspielertums, sagt der: „In Deutschland
       gibt es so viel Schauspielschulen wie Kirchen.“ Was im Kopf bleibt, ist auf
       jeden Fall die charmante Miniaturkopie des Treptower sowjetischen Soldaten
       im Foyer des Schiller-Theaters. Im Gegensatz zur Originalstatue scheint sie
       zu schweben.
       
       7 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Kollmann
       
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