# taz.de -- Punk Cramps: Verliebt in das Bild im Fernseher
       
       > Die Cramps waren die wilden Kerle des Punk. Ihr bisher unveröffentlichtes
       > Debütalbum „Gravest Gravy“ erscheint jetzt neu remastert.
       
 (IMG) Bild: Mit der Zeit wurden die Cramps schneller, professioneller und hibbeliger, hier im Hammersmith Odeon, London 1986
       
       Nerds und Wilde sind zwei eher einander entgegengesetzte Charaktermuster
       der Rockkultur. Der Nerd, zumal wenn er ein Plattensammler seltener Momente
       menschlicher Verausgabung oder Grenzerfahrung ist, wenn er also
       Sammelgebiete wie früher Rock ’n’ Roll, Garagenpsychedelia oder Dinge, die
       aus südlichen Sümpfen kamen, kultiviert, möchte er das Wilde, das ihm
       selbst abgeht, einhegen.
       
       Will von Recording Studios dokumentierte und also bezwungene Wildheit unter
       sich haben, kontrollieren und nur auf den Zuruf anderer Nerds qua
       wohlsortierte Sammlung vorzeigen. Mit weißen Handschuhen bewaffnet.
       
       Der wilde Sänger will dagegen ganz was anderes vorzeigen. Und auch wenn Lux
       Interior (1946–2009), äußerst wilder, oft behandschuhter Bühnenmittelpunkt
       der Cramps, stets darauf bestanden hat, anders als [1][Iggy Pop] und Jim
       Morrison, sich immer nur fast entblößt zu haben, so war er doch wilder als
       diese und alle ihre Punk-Epigonen zusammen. Ich weiß es, ich hab ihm
       zugesehen.
       
       Nun war er aber auch genau der Tonträger und Wissen darüber sammelnde,
       hingebungsvolle Philologe diverser ultravitaler Trash-Richtungen einer
       Vintage-US-Pop- und -Rockmusik. Der redselige Vertreter der guten alten
       Theorie, dass nur unterhalb der regulären Budgets der Kulturindustrie jener
       Enthusiasmus gedeiht, für den es sich lohnt, Vinyl zu horten: bei all den
       kleinen Klitschen mit ihrer unverblümten und drastischen Labelästhetik.
       
       ## Brachial unterhaltsame Bühnenshow
       
       Ob diese nun aus Gründen von Provinzialität, Exzentrik, Avantgardegeist
       oder unternehmerischem Unvermögen klein waren, spielt eine sekundäre Rolle.
       Lux Interior fühlte sich den historischen Resultaten dieser romantischen
       oder (von mir) zurechtromantisierten Arbeitsbedingungen ebenso verpflichtet
       wie einer brachial unterhaltsamen Bühnenshow.
       
       Aber diese, in den 1970ern, einer Zeit der Prog- und vor allem
       AOR-Hegemonie schwer zu findenden Rockabilly- und Hillbilly-, Blues- und
       Rock-’n’-Roll-Kleinode waren auch Offenbarungen von transformativen
       Wahrheiten für ihn. Er hatte keinen authentizistischen, sondern eher einen
       Glam- und Drag-affinen Zugang zu Rock ’n’ Roll, Psychedelia, Country und
       Rockabilly samt dazugehörigen Klamotten, Make-up und Übertreibungshabitus.
       
       Lux Interior war damit allein, bis er in Sacramento eine Hitchhikerin
       aufgriff, die zu denselben Göttern betete. Sie sollte sich später Poison
       Ivy oder Ivy Rorschach (*1953) nennen und erst sein Tod im Jahre 2009 wird
       die beiden scheiden.
       
       Gemeinsam bauten sie ihre Plattensammlung auf, von der ein Mann, der sie
       1977 kennenlernte, sagte, sie sei schon damals das größte Trash-, Psycho-
       und Rockabilly-Archiv gewesen, das es auf der Welt gab. Mit dieser Sammlung
       im Rücken und dem blendend gestylten Äußeren der beiden werden sie zu
       lokalen Stars, die oft Backstage eingeladen werden und beschließen, selbst
       eine Band zu sein.
       
       ## In jeder Hinsicht ein symbiotisches Paar
       
       Poison Ivy wird von nun mit einer strengen, aber enthusiastischen
       Rhythmusgitarre die Stränge definieren, über die Lux dann schlagen konnte.
       Es war wie umgekehrte Ike & Tina Turner. Sie hält den Laden musikalisch
       zusammen, während er vorn die Blicke auf sich zieht. Das Schiefe an diesem
       Bild: Von ehelicher Gewalt ist bei den Rorschach-Interiors nichts bekannt,
       sie waren in jeder Hinsicht ein symbiotisches Paar.
       
       Und: Ein Blickfang ist Ivy auch immer gewesen. Oft war sie das Model für
       die Albencover und illustrierte posensicher und kostümdetailverliebt Titel
       wie „A Date with Elvis“, „What’s Inside a Girl?“ und „Journey to the Center
       of a Girl“.
       
       Entnervt von der kalifornischen Mellowness zieht das Paar 1975 in Lux’
       Heimat Akron, Ohio. Dort und in der näheren Umgebung wird gerade die
       US-Musik komplett umgebaut: [2][Rocket from the Tombs], Pere Ubu, Peter
       Laughner, Dead Boys, Adele Bertei, [3][Devo], Bizarros – alle, die in den
       nächsten Jahren New York oder L. A. mit einer Zukunftsundergroundmusik
       stürmen werden, kommen aus diesen Industriestädten im Niedergang.
       
       Deswegen klingen die Cramps bei aller 50’s-Begeisterung nie retro: Die
       Synthese aus verrosteter Metallverarbeitung und verstockt bis humorvollem
       Hinterwald ergibt ein doppeltes Außenseitertum, für die das Punk-Mindset
       nicht ausreicht. Vor ziemlich genau 50 Jahren (1.11.1976) spielen die
       Cramps als Quartett dann zum ersten Mal live in New York, wohin sie Ende
       ’75 übersiedelten, im CBGB’s und Max’s Kansas City, ein halbes Jahr später
       entstehen im mythischen Memphis die Aufnahmen, um die es hier geht: das
       verlorene Debütalbum „Gravest Gravy“.
       
       ## Zwei Schlagzeugerinnen
       
       Die Cramps waren immer auch eine Frauenband: Zwei Schlagzeugerinnen
       brachten sie in Bewegung, deren zweite, Miriam Linna, noch eine ganz eigene
       Karriere als Musikerin (The A-Bones unter anderem) und Labelmacherin
       (Norton Records) machen sollte, ihrerseits Fan-Philologie mit kindlichem
       Enthusiasmus versöhnend.
       
       Beide waren allerdings schon von Nick Knox ersetzt worden, als es zu den
       Aufnahmen in Memphis kam. Später war es Candy Del Mar, die Poison Ivy als
       Führungskraft am Bass entlastete. Doch für Memphis 1977 muss man noch ein
       anderes sehr wichtiges männliches Bandmitglied vorstellen.
       
       Im Sommer 1982 wohnte ich in einem Hotel zweifelhaften Rufs in Manhattan.
       Mein Flurnachbar war selten zu sehen. Wenn ich spät nachts heimkam, schlich
       er, mit einer Kapuzenrobe angetan wie der Schnitter persönlich, über den
       Korridor. Seine Haare, die per Extrem-Seitenscheitel nur an einer der
       narbigen Gesichtshälften asymmetrisch herunterhingen, waren schon mit 30
       naturgrau geworden – jedenfalls sollte es so aussehen.
       
       ## Der Zombie bei den Cramps
       
       In [4][George A. Romeros „Tag der Toten“] hatte er tatsächlich einen der
       zahllosen Zombies gespielt. Der Nachtportier warnte mich vor ihm, obwohl
       der Kapuzenmann zart grunzend regelmäßig grüßte. Das war Bryan Gregory, der
       damals schon nicht mehr bei den Cramps war. 1980, nach dem Erscheinen des
       ersten offiziellen Albums, hatte er die Band über Nacht verlassen. 2001 ist
       er – wohl an den Folgen von Aids – gestorben.
       
       Auf der Schallplatte, um die es hier geht, ist er dagegen unüberhörbar.
       Gleich im ersten Lied, dem Cramps-Signature-Piece „TV Set“, hört man ihn
       überdeutlich, wie er mit schneidend scharfen Noise-Breitseiten die Breaks
       auffüllt. Aber nur an den dafür vorgesehenen Stellen.
       
       Die Cramps halten die Traditionen hoch, an die sie glauben und die zum
       größten Teil aus den 1950er-Jahren stammen. Zugleich sind sie eine
       hemmungslose 1980er-Lärmtruppe, für deren Klassifizierung das dumme Wort
       Postpunk erst mal ein paar Runden um den Block gehen darf. Die
       Noise-Querschläger von Gregorys Gitarre lassen sich gut vergleichen mit der
       Aufnahme, die die Band von demselben Stück – das lyrische Ich ist verliebt,
       aber nur in das Bild auf dem Fernsehschirm und in die Stimme derselben
       Person aus dem Radio – drei Jahre später mit demselben Produzenten für ihr
       reguläres Album „Songs the Lord Taught Us“ gemacht haben.
       
       Sie kommen disziplinierter, an denselben Stellen und sie sind akkordisch
       gestimmt, bei der ’77er Aufnahme klingen sie dagegen tatsächlich wie ein
       gestörter Fernseher. Die nihilistische Musique concrète der Medienumgebung
       der Mid-Seventys.
       
       ## Alex Chilton und Kid Congo Powers
       
       Diese Aufnahmen machten sie mit [5][Alex Chilton (1950–2010)] als
       Produzenten, einer anderen Jahrhundertfigur des genial Unvollständigen und
       tragisch Unterbezahlten, über den man ein paar Hundert Zeitungsseiten lang
       erzählen könnte. Von diesen nun veröffentlichten Sessions, die 1977 im
       Ardent Studio in Memphis gemacht wurden, landeten nur fünf hier nicht
       wiederveröffentlichte Stücke auf der ersten EP („Gravest Hits“), vier
       später mit Kid Congo Powers neu aufgenommene Songs auf dem zweiten Album
       „Psychedelic Jungle“ und einer, nämlich erwähntes neu, aber in derselben
       Besetzung aufgenommene „TV Set“ auf dem ersten Album „Songs the Lord Taught
       Us“, das ebenfalls Chilton produzierte.
       
       Doch mittlerweile waren sie eine andere Band, stark geprägt von den
       Erfolgen ihrer Bühnenprovokationen, schneller, professioneller und
       hibbeliger. Bei „Gravest Gravy“, ein Albumtitel, der noch mit Lux gemeinsam
       entwickelt wurde, sind sie stilistisch offener.
       
       Chilton ist hier auch musikalisch ein Einfluss, der seine skurrilen
       Beat/Pop-Fantasien in dem sehr schönen „Hungry“ einbringt, einer
       Coverversion der 60’s-Teenagerband Paul Revere and the Raiders, bei der er
       auch Orgel spielt. Wenn man an anderem Ort liest, dass Lux Interior einmal
       davon schwärmte, wie genial es Marc Bolan gelang, bei T. Rex harsche
       Rockabilly- und Rock-’n’-Roll-Zitate und -Zeilen unterzubringen, ohne das
       Teen-Paradigma zu sprengen, dann kann man sich vorstellen, was hier gewollt
       war.
       
       ## Endlich kommt das Album raus
       
       Große graue Eminenzen des 80er-Hardcore-Underground haben zusammengelegt,
       um dieses Album, das die Cramps selbst immer schon rausbringen wollten,
       endlich zu veröffentlichen. Henry Rollins supervisierte und schrieb Liner
       Notes, sein Lebensmensch, Ian MacKaye von unter anderem Fugazi, tat dabei
       mit. Die Aktivierung des Ardent-Sounds, der uns so viele tolle
       Alex-Chilton-, Big-Star-, James-Luther-Dickinson- und Tav-Falco-Werke
       schenkte, wurde von verschiedenen Spezialisten der Sonophilie
       gewährleistet, die für das Projekt gewonnen werden konnten.
       
       Hört man das heute, kann man ein Aufbruchgefühl spüren, das größer und
       weitreichender wirkt, als man es, von seinen Langzeitwirkungen aus
       rekonstruiert, gedacht hätte. Die ein gutes Jahrzehnt später, von Lux
       Interior stolz als Antwort auf die Cramps reklamierte reiche und [6][dichte
       Subkultur um Psychobilly] und die Fledermäuse eines Zombie-Rock-’n’-Roll,
       hatte auch nur eine Weile Bestand. Was heute von all dem bleibt, sind vor
       allem die Cramps selbst und ihre gut 20 Jahre Arbeit mit 20 beteiligten
       Musiker_innen auf zwölf Alben.
       
       4 Oct 2026
       
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