# taz.de -- Bilderbuch in Berlin: Die Welt ist ja auch stressig
       
       > Die österreichische Band Bilderbuch spielte im Berliner Haus der
       > Visionäre ihr einziges Deutschlandkonzert. Das stimmte nostalgisch auf
       > die Zukunft ein.
       
 (IMG) Bild: Die Band Bilderbuch
       
       In letzter Zeit verspürte ich zunehmend Heimweh nach der Musik von vor 20
       Jahren. Vielleicht wegen etwas, das man Nostalgie nennt. Vielleicht folgt
       das aber auch nur einem sehr natürlichem menschlichen Zyklus. Nun ist es
       aber so, dass es leider keine Plattenkiste gibt, kein CD-Regal, an dem
       entlang die Finger fahren könnten, um die Erinnerung hervorzuholen. Man
       erinnert nur das Gefühl des Widerstands beim Drücken des Trackpads des
       damalig in Benutzung befindlichen Apple-Rechners und das Klicken des
       Rädchens vom Gerät, das man MP3-Player nannte. Doch die Datenträger sind
       verschwunden, die Playlists unwiederbringlich. Auch Nostalgie muss
       kurariert werden.
       
       Umso besser also, wenn es Menschen gibt, die ein ähnliches Empfinden des
       drängenden Zeitzyklus haben, und noch besser, wenn diese Menschen Musiker
       sind und zudem noch die besten, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Denn
       die österreichische Band Bilderbuch – gegründet vor 21 Jahren, genau in
       dieser Zeit – hat vergangene Woche ihr neuntes Studioalbum ∞+1
       veröffentlicht und daraus am frühen Sonntagabend in Berlin vorgetragen. Und
       dieses Album, dieses Konzert ist eine Reise zurück in das Gefühl des
       Damals. Eine Antwort auf die Frage, was man vor 20 Jahren gehört hat, aber
       ohne im Gestern festzuhängen.
       
       ## Die Panik in mir ist die Panik in dir
       
       Die Hitsingle Push Reality, die so gut ist, dass die Band sie völlig zu
       Recht gleich zweimal spielt, ist geiler als [1][LCD Soundsystem] je war,
       die Rocknummern, die an The Strokes oder meinetwegen Franz Ferdinand
       erinnern, sind sexyer und freudiger vorgetragen. Die Gitarren, die einen
       Bogen zum Nu Metal schlagen, ohne verkleidet zu wirken und alsdann in einem
       Refrain samt Münchner Freiheits-größe münden, verdeutlichen die Spielfreude
       der Band, die wirkungsvoller als jeder hinausgezögerte Orgasmus ist und
       sich sogleich aufs Publikum überträgt. Die Freude, die Harmonie, die man
       hört und sieht, [2][wenn Maurice Ernst] mit der neuen Bandgitaristin Uche
       Yara spielt, verursacht Gänsehaut an der Wangeninnenseite.
       
       Das Album sei irgendwie stressige Musik, befindet der Teenager-Sohn, die
       Welt sei ja auch stressig, sagt dazu der geschätzte
       Musikjournalistenkollege. Und „Die Panik in mir, ist die Panik in dir“,
       singt Ernst im Lied „Unterwasser“ und setzt das Thema.
       
       Denn auch wenn die Musik an etwas Vergangenes erinnert, an dem man gern
       noch mal schnuppern möchte, sie verhindert Eskapismus in die
       Unbeschwertheit der 2000er, in dem sie den Unterschied zum Früher
       verdeutlicht. Heute geht es um etwas, Änderungen stehen bevor. Bilderbuch
       muss bitte bleiben.
       
       12 Oct 2026
       
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