# taz.de -- Quote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Dem Zuschauer untertan
> Verändern Quotenfixierung und vorauseilender Gehorsam das fiktionale
> Erzählen? Warum ist das gerade jetzt gefährlich? Eine Drehbuchautorin
> erzählt.
(IMG) Bild: Früher Bügeln, heute Bildschirmzeit – Menschen machen viele Dinge vor dem Fernseher
Ängstlich sind die Redaktionen des [1][öffentlich-rechtlichen Rundfunks
(ÖRR)] schon lange. Spätestens seit dem Aufkommen der Privatsender liegt
ihr Fokus auf der Einschaltquote. Mit seiner Fernbedienung richtet der
Zuschauer über das Programm.
Wenn ich als Drehbuchautorin mit Redakteur:innen über Geschichten
nachdenke, ist der Zuschauer stets mit dabei. Ihm gilt es vorauseilend zu
gehorchen.
Meist zitieren ihn Redakteur:innen, wenn Totschlagargumente vonnöten sind.
Denn wenn der Zuschauer etwas nicht versteht oder goutiert, dann muss das
völlig anders oder besser ganz raus. Oder es muss genau erklärt oder
angenehmer dargestellt werden. Auf jeden Fall so, dass es dem Zuschauer
nicht unbequem auf seiner Couch wird, er also nicht auf die Idee kommt,
um-, ab- oder gar nicht mehr einzuschalten.
Wenn Sie jetzt denken, dieser mächtige Zuschauer wären Sie, muss ich Sie
leider enttäuschen. Die meisten von Ihnen werden nicht den Apparat zu Hause
haben, den die AGF Videoforschung GmbH an Panelhaushalte verteilt, um zu
messen, was die rund 11.000 Testpersonen schauen. Auch das
Streamingverhalten wird inzwischen gemessen, wobei die lineare Ausstrahlung
Basis für die Quote bleibt und jeden Tag in den Redaktionen auf dem Tisch
liegt.
## Angst vor dem Shitstorm, nicht vor dem Mainstream
Bleibt ein Programm unter der Erwartung, fliegt es raus. Häufig sofort.
Stimmt die Quote, führt man die Formate fort. Manche bis in alle Ewigkeit.
Oder man macht dasselbe in Grün. Was erklärt, warum im ÖRR immer mehr
Krimis laufen. Neuerdings hat der Zuschauer einen Second Screen in der
Hand. Komplexen Geschichten kann er schlecht folgen, weil er gleichzeitig
auf dem Handy wischt. Also muss man die Story simpel halten und immer
wieder zusammenfassen. Ganz ehrlich: Auf den Zuschauer, der vor meinen
Filmen bügelte, hab ich lieber geachtet.
Der schwierigste Zuschauer ist aber der, der sich über den ÖRR empört. Denn
noch mehr als eine schlechte Quote fürchten die Sender einen Shitstorm.
Dahinter verbirgt sich zwar gar nicht der Mainstream, was die Sender aber
nicht davon abhält zu befürchten, dass den Zuschauer bestimmte Inhalte
triggern könnten. Dann nutzt der Zuschauer sein Handy zum Verfassen böser
Kommentare, und das gilt es unbedingt zu vermeiden.
Aufgrund seiner Krisenmüdigkeit will der Zuschauer nichts Politisches,
heißt es aus den Redaktionen des ÖRR. Wenn es unbedingt sein muss, dann
bitte so, dass es nicht polarisiert, den Zuschauer nicht zu arg aufrüttelt
oder wenn, dann nur durch Krimispannung. Willkommen ist auch erotischer
oder voyeuristischer Kitzel sowie das Gefühl, einem Event beizuwohnen. Am
Ende muss alles gut ausgehen. Damit der Zuschauer danach gut schlafen kann.
Das ist zentral. Denn im Schlaf will der Zuschauer dasselbe wie beim
Fernsehen: Den tristen Alltag vergessen samt aller Sorgen und
Unannehmlichkeiten.
Sie merken schon: Schreiben für das Fernsehen ist eine komplizierte Sache.
Besonders wenn man Unterhaltung zu aktuellen Themen schafft, das zeigt auch
meine kleine Umfrage unter Kolleg:innen im Deutschen Drehbuchverband
(DDV). Im Krimi waren Geschichten aus der Gegenwart und selbst Politisches
bisher noch möglich. Aber auch in diesem Genre wird das Spielfeld kleiner.
Statt von Gewalt zu erzählen, die aus gesellschaftlichen Konflikten
entsteht, werden Bösewichter präferiert, die möglichst wenig mit uns zu tun
haben. Bringen wir sie hinter Gitter, ist die Welt wieder in Ordnung.
Komme ich mit komplexeren Geschichten an, lächeln die Produzent:innen
meist nur müde. „So was kann ich den Sendern gerade nicht anbieten.“ Ich
kann es ihnen nicht verübeln. Seitdem der ÖRR die Budgets für das
fiktionale Programm massiv gekürzt hat, ist der Markt so umkämpft wie noch
nie. Hier mit einem Stoff zu überzeugen, der keinen völligen Eskapismus
verspricht, ist – wenn überhaupt – nur mit sehr viel Einsatz und unter
großem Risiko möglich.
Beides wollen sich viele Produzent:innen jedoch nicht leisten, zu sehr
hängt ihr Job vom nächsten Film und der Gunst des Zuschauers ab. Auch für
Redakteur:innen können miese Quoten und Shitstorms unangenehme Folgen
haben, für uns Kreative haben sie das immer.
So wundert es wenig, dass auch ich mich als kreative Ich-AG durchgerungen
habe, möglichst unverfängliche, quotentaugliche Geschichten zu erfinden.
Bisher läuft es eher mau. Nicht nur, dass mir kaum Ideen kommen, mir fällt
auch kein Argument ein, warum man dafür 1,5 Millionen Euro an öffentlichen
Geldern ausgeben sollte. So viel kostet ein Primetime-Film mindestens.
## Wer hat Angst vorm Zuschauer?
Noch mehr plagt mich jedoch folgender Gedanke: Was, wenn es sich bei dem
Zuschauer, der bloß nichts Politisches, Düsteres, Irritierendes sehen will
und dem ich und meine Kolleg:innen so fleißig nach der Nase schreiben,
womöglich um einen AfD-Anhänger, Verschwörungstheoretiker oder sonstigen
Populisten handelt?
Begründungen zu Absagen von Vorschlägen oder drehfertigen Projekten deuten
für uns darauf hin. So wie auf die Heidenangst, die der ÖRR vor diesem
Zuschauer hat. Sie ist so stark, dass man nicht mal mehr darüber nachdenken
will, wie man ihn locken könnte, sich für eine Weile in eine fremde Welt zu
begeben und sich in Figuren zu versetzen, die anders leben, handeln und
denken.
Schade. Denn das macht die Qualität und Stärke von fiktionalen Geschichten
ja aus. Gerade jetzt, da Welten immer mehr auseinanderdriften, könnten
Fernsehfilme auf sehr niedrigschwellige und nahbare Weise Blicke über den
Blasenrand hinaus in die Vielfalt unserer Gesellschaft geben. Der Zuschauer
könnte zu überraschenden Erkenntnissen gelangen wie: Die sind ja auch
Menschen und gar nicht so anders als ich! Das würde für Verständnis und
Empathie sorgen und helfen, manchen Graben vielleicht sogar zu überwinden.
Und so zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. Letzteres ist
übrigens auch Teil des Programmauftrags des ÖRR. Aber den hat er vor lauter
Quotenfixierung ja eh längst aus dem Blick verloren.
Ja, ja, ich weiß: Das ängstliche Herumlavieren des ÖRR hat einen ernsten
Grund. Das Gegröle derjenigen, die eine Abschaffung des ÖRR fordern, wird
immer lauter. [2][Mit dem Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt ist der Austritt
eines Bundeslandes aus dem Medienstaatsvertrag in bedrohliche Nähe
gerückt.] Ja, sogar [3][unser Kulturstaatsminister denkt laut über eine
massive Verkleinerung des ÖRR nach].
Ob es aber klug ist, aus Angst vor denen, die einen loswerden wollen,
Autozensur zu betreiben, ist mehr als zweifelhaft. Zur Klarstellung: Zensur
im Sinne von politischer Einflussnahme ist im ÖRR verboten und findet nicht
statt, auch wenn das mancher Politiker gern anders hätte.
Wenig schlau ist die Quotenfixierung auch aus professioneller Sicht:
Quotenerfolge lassen sich nicht am Reißbrett planen. Da kann man sich noch
so sehr bemühen, mit der Mediennutzertypologie des Markt- &
Sozialforschungsinstituts GIM Produkte passgenau auf Zielgruppen
zuzuschneidern. Auch lässt es sich mit einer Schere im Kopf schlecht
schreiben, vor allem, wenn gleich eine ganze Heerschar mitschnippelt – ein
Drehbuch geht in einem Sender durch etliche Hände. Filme, über die man eine
Woche nach Ausstrahlung noch nachdenkt, schafft man auf diese Weise nicht.
Die werden anderswo gemacht. Wodurch sich der ÖRR auf Dauer sein eigenes
Grab schaufeln wird. Denn irgendwann werden ihn selbst die, die ihn jetzt
noch schätzen und für notwendig halten, weder nutzen noch finanzieren
wollen.
## Die Schuld-Schublade
Aber zurück zur Frage: Was bedeutet die Quotenfixierung des ÖRR in Zeiten,
in denen der Zuschauer autoritäre Gedanken hegt? Tragen wir als
Geschichtenerzähler:innen für den ÖRR nicht auch eine Verantwortung,
die über unser bloßes Überleben hinausgeht? Ich finde: Ja. Weshalb mich
jetzt, da ich die vielen Geschichten, die mir die Gegenwart tagtäglich auf
den Tisch pfeffert, in die Schublade verbanne, ein schlechtes Gewissen
einholt. Ja, angesichts der aktuellen politischen Lage fühle ich mich
schuldig.
Der amerikanische Historiker Timothy Snyder würde wohl sagen: Du fühlst
dich nicht nur so, du bist es auch. So wie alle, die sich einem Zuschauer
untertan machen, der nur das toleriert, was ihm gefällt, und damit droht,
alles, was ihm zuwider geht, zu vernichten. Laut Snyder sind unsere
demokratischen Gesellschaften zwar nicht besser als die, aus denen die
Diktaturen des 20. Jahrhunderts hervorgegangen sind. Im Unterschied zu
früher haben wir heute jedoch die Möglichkeit, aus den historischen
Erfahrungen zu lernen, um autoritären Kräften entgegenzutreten und unsere
Demokratie zu schützen, und dazu gehört auch der ÖRR.
Die 20 wichtigsten Lektionen aus der Geschichte hat Timothy Snyder in
seinem Buch „Über Tyrannei“ zusammengestellt. Die erste lautet: „Leiste
keinen vorauseilenden Gehorsam.“
4 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Karlotta Ehrenberg
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