# taz.de -- Debütroman von Alisha Gamisch: Um nicht so zu werden wie die verrussten Deutschen
       
       > Von drei Generationen russlanddeutscher Frauen erzählt Alisha Gamisch in
       > ihrem Debütroman „Parasiti“. Auch um die Regeln des Frauseins geht es.
       
 (IMG) Bild: Hat bislang vor allem Lyrik verfasst: Alisha Gamisch
       
       Streichholzschachtelgroß ist das Ding, rosa und aus Plastik. Eines Tages
       taucht es auf, das Modell eines zehn Wochen alten Embryos mit Daumen im
       Mündchen und geschlossenen Augen. Samt Pamphlet einer Organisation gegen
       das Recht auf Abtreibung landet es im Briefkasten von Valli und Lydia und
       bringt alles durcheinander. Vor allem bei Lydia, die mit einem Mal aufhört
       zu sprechen und sich nicht mehr rührt.
       
       Lydia und Valli und Rina, so heißen die drei Protagonistinnen in Alisha
       Gamischs Roman „Parasiti“. Lydia, die älteste, ist die Tante von Valli,
       Rina wiederum deren Nichte und folglich Lydias Enkelin, drei
       russlanddeutsche Frauen aus drei Generationen. Gamisch erzählt von ihren
       Leben in Rückblenden, abwechselnd steht immer eine von ihnen im Fokus.
       Zurück bis in die 1960er Jahre geht es, in die Barackensiedlung in
       Nowosibirsk, und in die Jetztzeit, ins Reihenhaus in Fürstenfeldbruck.
       
       In Bruchstücken und Zeitsprüngen erfährt man da, was sie prägte, die
       Großmutter, die Vertreibung, das Hungern und Frieren, die Gewalt, das Leben
       in der Barackensiedlung. Und wie sie sich da zu verhalten hatte: „Das
       Wichtigste war, Anstand zu wahren, nicht so zu werden wie die ganzen
       verrussten Deutschen, die sich an gar keine Vorschriften und Traditionen
       mehr hielten, die ihre Kinder unbeaufsichtigt durch die Baracken rennen und
       verwildern ließen wie die Straßenhunde.“
       
       Ums Großwerden und ums Finden der eigenen Rolle geht es: „Die Regeln fürs
       Frausein wurden ihr aufgetischt wie das heilige Abendmahl.“ Stichtechniken
       lernt sie, dass geheiratet wird, aber keinen Russen, auch keinen deutschen
       Katholiken, und dass man sich nicht zu leicht hergibt.
       
       ## Die einzige Verhütungsmethode
       
       Warum die Postsendung so große Wirkung auf Lydia hat, wird im Laufe der
       Lektüre klar. Abtreibungen waren für Lydia lange Zeit die einzige ihr
       bekannte Verhütungsmethode. Immer dann, wenn ihr meist blauer Mann Sashka
       sich mal wieder verschätzt und mit dem „Rumgerutsche“ nicht rechtzeitig
       aufgehört hat, muss sie eben in die „Balnitza“, ins Krankenhaus – „was
       willst du denn tun, dir ein Schloss dranmachen?“
       
       Ein Kind bekommen hat Lydia dennoch, Elvira, Rinas Mutter, bei der sie
       alles versucht hat, „die Fehler ihrer Nachbarinnen zu vermeiden“.
       Großgezogen hat Lydia aber auch Valli, ihre Nichte, das „Kuckuckskind“ von
       der Jelena, das „Fledermausbalg“, das diese einfach nicht mehr abgeholt
       hat.
       
       Im Gegensatz zu Valli und Rina erfährt man als Leserin von den
       Abtreibungen, gesprochen wird über so etwas nicht, es gehört zu den Dingen
       – und von denen gibt es so einige –, die nicht erzählt werden.
       
       Die Schrecken und Traumata der Vergangenheit bahnen sich dennoch ihren Weg
       von Generation zu Generation. Alle drei Frauen verdrängen und verschweigen
       Dinge, schlucken sie herunter, lassen Fragen einfach so im Raum stehen. Sie
       haben gelernt, sich durchzulavieren, zu funktionieren, und sie schämen
       sich, wenn das mal nicht gelingt, wenn die kleine Rina in der Schule trotz
       ordentlich gespitzter Stifte im Federmäppchen „plötzlich auffiel wie eine
       unpassende Weihnachtsbaumkugel“.
       
       ## Parasiten im Bauch und in den Baracken
       
       Vor allem geben sie sich Mühe, nicht als das zu gelten, was Gamisch ihrem
       Roman als Titel gegeben hat: als „Parasiti“, das russische Wort für
       Parasiten. Als echtes Ungeziefer hausen die Parasiten in den sibirischen
       Baracken, sie verfolgen Lydia als Schimpfwort, auch durch das sogenannte
       „Parasitengesetz“, das in der Sowjetunion diejenigen bestrafte, die nicht
       arbeiteten, Nichtsnutze, wie Lydias Sashka einer ist, und als kleine
       Parasiten im Bauch, die ausgeschabt werden müssen.
       
       Alisha Gamisch, geboren 1990 in Tegernsee, stammt selbst aus einer
       russlanddeutschen Familie und hat bislang vor allem Lyrik verfasst. 2020
       erschien ihr erster Band „Lustdorf“, 2022 erhielt sie den ersten
       Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen
       aus Russland. Sie kuratiert unterschiedliche Formate wie das PostOst-Café
       des Zentrums für Antislawismusforschung und ist gemeinsam mit ihren
       Kolleginnen Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg Teil der „[1][ersten
       literarischen Girlgroup“ No Scribes].
       
       Mit ihrem Debütroman „Parasiti“ will Gamisch viel und erzählt so dicht,
       dass die kleinen Pausen,Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg die sie einem
       immer wieder aufzwingt, guttun. Ihr Trick sind dabei die vielen
       sprachlichen russlanddeutschen Einsprengsel. Im „Kleinen russlanddeutschen
       Inventar“ am Ende des Buches können sie nachgeschlagen werden.
       
       15 Sep 2026
       
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