# taz.de -- Nachruf auf Nina Litwinowa: Die unerträgliche Schwere des Seins
       
       > Von der sowjetischen Elite zur furchtlosen Dissidentin: Nina Litwinowa
       > kämpfte ein Leben lang gegen Unrecht in ihrer Heimat. Nun hat sie
       > aufgegeben.
       
 (IMG) Bild: Die russische Menschenrechtsaktivistin Nina Litwinowa ist tot
       
       Nein, das hätte Nina Litwinowas Großvater Maxim Litwinow nie für möglich
       gehalten, dass seine Enkelin eine zentrale Figur der sowjetischen und
       später der russischen Dissidenten werden würde.
       
       [1][Maxim] hatte sich früh mit Wladimir Lenin angefreundet, war schnell in
       der sowjetischen Diplomatie ganz nach oben gekommen, von 1930 bis 1939
       sowjetischer Außenminister, anschließend sowjetischer Botschafter in den
       USA und auf Kuba.
       
       Doch seine Enkelin Nina Litwinowa, die als Teil der sowjetischen Elite in
       einer Wohnung mit Blick auf den Kreml aufgewachsen, in Biologie promoviert,
       am Institut für Ozeanologie in Moskau zu Schlangensternen geforscht hatte,
       wandte sich bald der Dissidentenbewegung zu. In den 1960er Jahren wurde der
       Einsatz für politische Gefangene ihr Schwerpunkt.
       
       Einer der ersten politischen Gefangenen, den sie betreute, war ihr Bruder
       [2][Pawel Litwinow]. Der hatte sich kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in
       die Tschechoslowakei im August 1968 mit einer kleinen Gruppe von
       Dissidenten auf den Roten Platz gestellt, um dagegen zu protestieren.
       
       So besuchte sie Gerichtsprozesse, brachte den Gefangenen Lebensmittel,
       Briefe und Literatur, informierte die Samisdat-Zeitschrift Chronik der
       laufenden Ereignisse über die Lage der politischen Gefangenen.
       
       ## Massenmord, Umweltverbrechen, Ukrainekrieg
       
       Auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb der Einsatz für politische
       Gefangene der Schwerpunkt ihrer Menschenrechtsarbeit. Unter anderem
       besuchte sie den Prozess gegen den Historiker Jurij Dmitrijew. Dmitrijew
       hatte einst das Massengrab der Opfer der Erschießungen in Sandarmoch
       entdeckt, wo in den 1930er Jahren Mitarbeiter des Innenministeriums NKWD
       mehr als tausend Angehörige der ukrainischen Kulturelite ermordeten.
       
       Gemeinsam mit seinen Kollegen konnte der Historiker zahlreiche Namen und
       Details der Verantwortlichen rekonstruieren. In der Folge hatte man ihn
       wegen fingierter Anschuldigungen zu Kinderpornografie verurteilt.
       
       [3][2013 geriet ein weiterer Verwandter in Haft]. Dima Litwinow, der Sohn
       ihres Bruders Pawel, war mit einem Greenpeace-Schiff in die Arktis
       aufgebrochen, um gegen eine Ölplattform des russischen Konzerns Gazprom zu
       protestieren. Anschließend saß er zwei Monate in St. Petersburg in
       Untersuchungshaft.
       
       Der russische Angriff auf die Ukraine 2022 raubte Litwinowa den Schlaf.
       Mehrfach hatte sie sich an Mahnwachen gegen den Krieg beteiligt.
       Gleichzeitig unterstützte sie Menschen, die wegen ihrer Antikriegsproteste
       zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt worden waren.
       
       ## Abschiedsbrief einer 80-Jährigen
       
       Am 12. Mai hat Nina Litwinowa, inzwischen 80, ihren Kampf gegen Krieg und
       Repressionen aufgegeben und ihrem Leben ein Ende gesetzt. „Ich muss gehen“,
       schrieb sie in einem von ihrer Cousine Mascha Slonim veröffentlichten
       Abschiedsbrief. „Ich kann das Leben nicht mehr ertragen, seitdem Putin die
       Ukraine überfallen hat, unschuldige Menschen tötet und ständig Tausende
       einsperrt, die gequält und getötet werden, dafür, dass sie genauso wie ich
       gegen den Krieg und das Töten sind.“ Sie habe versucht, diesen Menschen zu
       helfen, schreibt sie weiter. „Ich bin am Ende meiner Kräfte. Tag und Nacht
       quält mich meine Hilflosigkeit. Ich schäme mich, ich gebe auf, verzeiht mir
       bitte.“
       
       Russlands Leitmedien berichteten nur kurz über den Freitod der Enkelin des
       früheren Außenministers. Kein Wort über die Beweggründe. Nina sei immer da
       gewesen, wo der Schmerz am größten war, schreibt die
       Menschenrechtsorganisation Memorial in ihrem Nekrolog. Und fügt hinzu, dass
       die beste Form des Erinnerns an Nina Litwinowa die Fortführung ihrer Arbeit
       sei.
       
       Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche
       und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste
       psychiatrische Klinik oder rufen Sie in aktuen Fällen den Notruf an unter
       112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter
       [4][taz.de/suizidgedanken].
       
       17 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Maxim_Maximowitsch_Litwinow#
 (DIR) [2] /Ex-Sowjet-Dissident-ueber-Prager-Fruehling/!5525775
 (DIR) [3] /Greenpeace-Aktivist-ueber-russische-Haft/!5032228
 (DIR) [4] /Hilfsangebote-bei-suizidalen-Gedanken/!6009869
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernhard Clasen
       
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