# taz.de -- Neues Raubtier in Europa: Der stille Mitbewohner
> Der Goldschakal ist der kleine, etwas schräge Bruder vom Wolf. Nun
> breitet er sich in Deutschland und Europa immer stärker aus – leise und
> unbemerkt.
Zur Deeskalation beginnt dieser Text über ein neues Raubtier in heimischen
Gefilden mit einer rührenden Geschichte. In Baden-Württemberg tauchte
unlängst ein Goldschakal auf, der offensichtlich die Fürsorge für eine
Füchsin und ihre Jungen übernommen hatte, quasi als Bonusvater im
Tierreich. Wie das Verhältnis zum leiblichen Fuchsvater ist, konnte auf den
Wildkameras nicht festgehalten werden. Die Patchworkfamilie wirkte aber
recht glücklich.
Nach diesem herzerwärmenden Einstieg soll die positive Grundstimmung
erhalten bleiben. Denn emotionale Diskussionen wie nach der [1][Rückkehr
des Wolfes] sind beim Goldschakal eher nicht zu erwarten, obwohl er eng mit
ihm verwandt ist und sich zunehmend in Europa ausbreitet.
Doch zu den Fakten: Der Goldschakal ist deutlich kleiner als der Wolf,
ziemlich scheu und eher dämmerungsaktiv. Er lebt in Paaren oder kleinen
Familienverbänden. Bei schlechten Lichtverhältnissen und großer Distanz
könnte man ihn für einen struppigen Fuchs oder schlanken Hund halten. Sein
ursprünglicher Lebensraum sind die Halbwüsten und Steppen in Asien und
Südosteuropa. In den letzten Jahren verlagerte sich sein Lebensraum aber
immer [2][weiter in den Norden], selbst in Norwegen wurde er schon
gesichtet.
In Deutschland gab es inzwischen aus fast allen Flächenbundesländern
entsprechende Meldungen. Dazu passt auch eine im Mai im Fachmagazin Nature
[3][publizierte Auswertung] der Universität Toulouse. Die Forschenden
kommen zu dem Schluss, dass sich Goldschakale künftig über bis zu 75
Prozent des europäischen Festlands ausbreiten könnten. Das entspricht einer
Versechsfachung des ursprünglichen Lebensraums.
## Schon gesichert heimisch
„Der Goldschakal ist aber keine invasive Art, die eingeschleppt wurde und
nun die heimischen Ökosysteme bedroht. Er ist auf natürlichem Wege nach
Europa eingewandert“, erklärt Alexandra Ickes, Referentin für Artenschutz
beim NABU in Baden-Württemberg. Inzwischen gilt das Tier in einigen
Regionen schon als heimisch, auch Nachwuchs wurde schon in verschiedenen
Bundesländern gesichtet. Wie viele Tiere es insgesamt gibt, weiß niemand
genau. Ein intensives Monitoring, vergleichbar mit dem bei Wölfen oder
Luchsen, existiert bisher nicht.
„Oft werden Sichtungen eher zufällig gemacht, zum Beispiel bei der
Auswertung von Wildkameras oder genetischem Material. Der Goldschakal gilt
in der Bevölkerung eher als unbekannt. Er ist scheu und wird auf Distanz
häufig mit Fuchs oder Hund verwechselt“, sagt Ickes. Dazu kommt, dass es
äußerst selten Konflikte mit Nutztieren gibt. In Baden-Württemberg gab es
nur einen einzigen Fall, in dem ein Schakal versucht hat, Schafe oder
Ziegen zu reißen.
Weil der stille Gast wenig Schwierigkeiten macht, ist auch das
Forschungsinteresse überschaubar. Bekannter als die genaue Anzahl der
Einwanderer sind die Gründe für die Migration. Goldschakale sind sehr
anpassungsfähig, sie mögen Flussgebiete und Auen genauso wie Steppen, sogar
in hohen Gebirgsregionen wurden sie schon gesichtet. Nur einen Anspruch
stellen sie: Die Winter sollten nicht zu kalt sein.
Der menschengemachte Klimawandel sorgt dafür, dass inzwischen auch die
Länder Mitteleuropas attraktive Lebensbedingungen bieten. „In Europa darf
der Goldschakal nicht bejagt werden, anders als in seinen Ursprungsländern
in Asien. Auch das begünstigt eine wachsende Population“, sagt Sybille
Klenzendorf, WWF-Expertin für Wildtiere in Deutschland und Europa. Die
lange Abwesenheit von Wölfen hat den Schakalen ebenfalls dabei geholfen,
ihre Lebensräume zu vergrößern.
## Nur Platz 2 in der Nahrungskette
In der Nahrungskette steht der Wolf deutlich über dem Goldschakal. Gerade
wenn die Wolfsrudel Nachwuchs haben, werden Goldschakale kaum geduldet. In
Ländern mit deutlich stärkerer Wolfspopulation gibt es daher kaum
Goldschakale. In Deutschland können die beiden Arten vermutlich eher
nebeneinander existieren, wie eine weitere ungewöhnliche Videoaufnahme aus
Baden-Württemberg zeigt.
Hier hatte sich ein Wolf einem Goldschakal, unbekannten Geschlechts,
angeschlossen, vermutlich aus Ermangelung an wölfischer Damenwelt und
gleichzeitig Sehnsucht nach sozialer Begleitung. Mindestens genauso
spannend wie solche speziesübergreifenden Freundschaften ist die Frage nach
den Auswirkungen auf das heimische Ökosystem.
Belastbare Daten dazu gibt es kaum, deshalb müssen Vergleiche zu anderen
Ländern als Prognose-Grundlage herhalten. „In seiner ökologischen Rolle
ähnelt er dem Kojoten in Amerika“, sagt Klenzendorf. Als opportunistischer
Allesfresser passt er seine Ernährung saisonal an – mal mehr Pflanzen, mal
mehr Tiere.
Auf dem Speiseplan stehen Nagetiere, Bodenbrüter (das sind Vögel, die ihre
Nester auf dem Boden errichten), Amphibien, Reptilien, Fallobst und
Pflanzen. Auch Reste von Rehen und Wildschweinen wurden in seinem Magen und
Kot gefunden, wobei unklar ist, ob er diese Tiere aktiv jagt oder eher als
Aas aufnimmt.
Klenzendorf verweist auf eine Studie aus Estland, die zeigt, dass der
Goldschakal durch das Verdrängen anderer kleiner Beutegreifer –
insbesondere invasiver Arten wie dem Marderhund – einen positiven Effekt
auf die gefährdeten Bodenbrüter haben kann. Genauso denkbar wäre aber auch
eine größere Gefahr auf die bodennahen Vögel.
## Mehr Monitoring, mehr Sicherheit
Seine Rolle als zusätzlicher Aasfresser könnte wertvoll sein. Indem er
Kadaver beseitigt, verhindert er die Ausbreitung von Krankheiten. Insgesamt
sei zu erwarten, dass der Goldschakal in den heimischen Ökosystemen kaum
negative ökologische Auswirkungen habe, eventuell sogar eher positive,
glaubt Klenzendorf.
Trotzdem braucht es mehr Monitoring, um genau solche Auswirkungen besser
bewerten zu können. Auch in der französischen Ausbreitungsstudie fordern
die Forschenden ein vorausschauendes Wildtiermanagement und einen
effektiven Herdenschutz durch Zäune oder Herdenschutzhunde.
Dass solche Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll sind, zeigt [4][ein Fall auf Sylt].
2025 riss ein einzelner Goldschakal in einer einzigen Nacht 46 Lämmer.
Insgesamt verlor eine Deichschäferin rund 80 Tiere. Der Schaden lag bei von
etwa 15.000 Euro. Es war der erste Fall in Deutschland, in dem eine
Abschussgenehmigung für einen Goldschakal erteilt wurde.
Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt bezeichnete es als
„keine einfache Entscheidung“: „Ein Schakal ist eine geschützte Art,
europarechtlich geschützt. Und wir müssen in Deutschland auch mit
Raubtieren leben können.“ Aber letztlich gaben neben dem Küstenschutz, der
an den Deichschäfereien hängt, auch der Schutz von Bodenbrütern den
Ausschlag. Eine Erklärung für das Verhalten liefert das sogenannte „Surplus
Killing“: Wenn Beute da ist, wird der Reiz ausgelöst, sie zu töten. So
funktioniert das Jagdverhalten. Das Tier konnte quasi gar nicht anders.
Die gute Nachricht: Herdenschutzhunde oder Elektrozäune könnten einen
solchen Fall problemlos verhindern. Und der Goldschakal von Sylt? Der wurde
trotz intensiver Suche nicht mehr gefunden. Vermutlich verließ er die Insel
bei Ebbe, still und unbemerkt. Neue Risse oder Sichtungen gab es nicht.
3 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wolfspopulation-in-Niedersachsen/!6141379
(DIR) [2] https://link.springer.com/article/10.1007/s13364-021-00615-1
(DIR) [3] https://www.natureasia.com/en/info/press-releases/detail/9333
(DIR) [4] /Gerissene-Laemmer-auf-Sylt/!6092586
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
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