# taz.de -- Neues Album von US-Sängerin Erykah Badu: Sie bricht den Fluch als Hexenmeisterin
       
       > Erykah Badu veröffentlicht das Album „Before the World Blows“ mit
       > Produzent The Alchemist. Sein BoomBap ist die perfekte Klangkulisse für
       > ihre düstere Textwelt.
       
 (IMG) Bild: Ist das eine Therapie? Erykah Badu und the Alchemist
       
       Je nachdem, wen man fragt: Um die Jahrtausendwende kam die Welt von HipHop,
       R&B, Soul und Pop ins Schwimmen. Überschneidungen, Überkreuzungen und
       gemeinsames Arbeiten von Produzenten, Rappern und R&B-Sängerinnen waren an
       der Tagesordnung. Vieles davon wurde höchstwahrscheinlich aus
       geschäftlichem Interesse forciert und wirkte, wie Crossover und Fusion
       meistens wirken: gewollt. Rapper hofften, sich weibliche Käuferschichten zu
       erschließen und machten deshalb in den Hooks ihrer Songs Platz für
       R&B-Vocals. Und Künstlerinnen haben damit Genderklischees überwunden, mehr
       Kante gezeigt und außerdem ein Stück vom Kuchen abbekommen.
       
       Aber es brodelte im Untergrund. [1][The Roots aus Philadelphia] machten
       sich langsam bemerkbar, [2][D'Angelo] veröffentlichte sein Debütalbum
       „Brown Sugar“ und man bekam eine Ahnung, dass da etwas Größeres Anlauf
       nimmt. Und mittenmang tauchte die texanische Sängerin Erykah Badu mit ihrem
       Debütalbum „Baduizm“ (1997) aus dieser Ursuppe auf. Ein machtvoller
       Auftritt war das. Die Künstlerin aus Dallas wirkte wie die Reinkarnation
       einer nubischen Königin. Ihre Songtexte ähnelten teilweise kindlichen
       Auszählreimen, bekamen aber durch Badus Präsenz und Performance nahezu
       magische Qualität.
       
       [3][Die Badu ist eine Diva im engeren Sinne, faszinierend, ungreifbar:
       fokussiert und dann wieder sprunghaft], ernst und verspielt, naiv und smart
       zugleich … und bildschön ist sie auch. Sie schafft es, die Vielsilbigkeit
       von HipHop-Reimen melodisch zu „versingen“, mit einer prägnanten Stimme,
       die bei all ihrer zuckrigen Soulfulness eine klare Eindringlichkeit behält.
       
       Das Ganze serviert auf tiefer gepitchten Kontrabässen, dazu ein paar
       E-Piano-Tupfer und darunter knochentrockene Drums. Und dann ging es doch.
       Es ist angemessen, so weit auszuholen, damit man weiß, woran gemessen wird,
       wenn Erykah Badu, jetzt mit Mitte 50, 16 Jahre nach ihrem letzten
       offiziellen Studioalbum wieder ein neues Werk veröffentlicht. „Before The
       World Blows“ heißt es und ist eine Kollaboration mit dem kalifornischen
       HipHop-Produzenten The Alchemist.
       
       ## Ein ganz anderes Biest
       
       The Alchemist (Alan Daniel Maman) ist künstlerisch gesehen in Erykah Badus
       Gewichtsklasse, aber ein ganz anderes Biest. Ein weißer Junge aus Beverly
       Hills, der schon als Teenager in den frühen 90ern bei den Pionieren Cypress
       Hill und ihrer Crew Soul Assassins mitgelaufen ist. Und inzwischen, mit
       Ende 40, alle Strippenzieher und Konstrukteure des US-Geschäfts kennt. Als
       Live-DJ von Eminem steht Alchemist mit einem Bein im stadionrunden
       HipHop-Biz, mit dem anderen aber genauso überzeugend in kleinen Clubs vor
       200 hartkernigen Heads.
       
       Er ist die personifizierte Glaubwürdigkeit und produziert und entwickelt
       den mittenreichen, kantigen BoomBap-Sound der 1990er Jahre weiter.
       Alchemist hat mit Eminem, Nas und Mobb Deep gearbeitet, aber eben auch mit
       Westside Gunn und Earl Sweatshirt; die beiden Letztgenannten sind jetzt
       auch Featuregäste auf „Before The World Blows“. In dieser Hinsicht ist
       Badus Album perfekt orchestriert.
       
       Der erste Aufschlag ist die Single „Witch Doctor“, der Song dauert massive
       sechseinhalb Minuten und das Video, bei dem Erykah Badu selbst Regie
       geführt hat, kommt auf insgesamt zehn Minuten. Es beginnt im Dunkeln,
       stumpfer Beat, silbrige E-Piano-Arpeggios, Neo-Soul-Bass, hintergründige
       Voodoopercussion, alles altbewährt, aber maßgeschneidert, und dazu sendet
       Erykah Badu ein neues, in Echo getauchtes Soundlogo „Ba-ba-ba-ba-ba …“.
       
       Ein Move, den sie sich vielleicht bei Westside Gunn abgeguckt haben könnte.
       Eine platinblonde Perücke auf dem Kopf und die Augen hinter einer
       Sonnenbrille verborgen, steuert sie einen weißen Lieferwagen durch die
       Nacht. Fahren tut der Dramaturgie des Albums gut, Zwielicht tut ihm gut,
       Grass rauchen wahrscheinlich auch, man muss schon in der Stimmung sein,
       sonst fließt es nicht, sondern plätschert.
       
       ## Songtexte untertitelt
       
       Erykah Badu passt ihre Texte von jeher etwas nonchalant in die Musik ein,
       was die Sprachverständlichkeit erschwert. Im Video von „Witch Doctor“ hat
       sie vermutlich deshalb die ersten eineinhalb Minuten untertitelt, sie will
       verstanden werden: „Ich verstöre dich vielleicht zuerst, aber ich bin hier,
       um dein Universum zu stimulieren. Bevor es besser wird, wird es schlimmer
       werden. Gut, dass ich weiß, wie man diesen Fluch bricht. Ich bin eine
       Hexenmeisterin. Keine Tabitha, keine Samantha. Eine Hexe ist nur ein Medium
       und ein Medium wie die Medien. Und du isst, was sie an dich verfüttern. Das
       ist Hexerei, du glaubst es, du brauchst es. Für sie ist das ’ne Bank, Anne
       Frank drauf.“
       
       Dann sind Dollarzeichen zu sehen und Kassenklingeln ist zu hören. Ist das
       schon ein Anzeichen für den durchgeknallten Antisemitismus eines Kanye
       West, dem sie trotz seiner Ausfälle den Rücken gestärkt hat? Die
       Originalzeile lautet: „They bank on it, Anne Frank on it“. Wahrscheinlicher
       ist, dass sie sich direkt von einem Reim in den nächsten ziehen lässt, ohne
       wirklich darüber nachzudenken. Badu hat einen Instinkt für Wirkung, aber
       die Interpretation liefert sie nicht.
       
       Sie schwankt jetzt mehr als am Anfang ihrer Karriere, manchmal auch
       buchstäblich, man merkt, dass sie die düstere Seite der großen
       Showbiz-Party gesehen hat. Das Video geht unterdessen weiter. Sie steigt
       aus dem Transporter und wird auf ihrem Weg von wahllosen Fremden
       geschlagen, ausgezogen, beklaut und gedemütigt.
       
       Am Ende steht die Badu nackt und blutig vor einem riesigen Graffiti, das
       vermutlich ein Porträt von ihr ist, und hält ihr schlagendes Herz in die
       Kamera, sie versteckt hier keine Falte, keinen Riss und keinen Bruch ihrer
       55 Lebensjahre. Aus dem Off wird ein Gedicht rezitiert und dann spult sich
       das Video selbst auf den Anfang zurück.
       
       ## Spaß, Waxing und Genderpolitik
       
       Die Musik klingt nicht durchweg so extrem und düster, wie der Videoclip von
       „Witch Doctor“ vermuten lässt. In den Songtexten geht es oft um
       Geschlechterverhältnisse. Es sind vordergründig betrachtet Lovesongs, man
       kann sie aber auch als Genderpolitik lesen. Erykah Badu hat Humor, den sie
       zu nutzen versteht, um Wogen zu glätten oder um bemerkenswerte Brüche zu
       erzeugen: zum Beispiel das Outro von „Love Me Not“, in dem sie ihr erstes
       Waxing als Zwischenspiel mit verstellten Stimmen nachstellt. Es gibt
       verspielte Tracks wie das überpitchte „Hot BiBi (Apostle 2)“ und
       geradlinige Banger wie „No I. D. featuring Westside Gunn“ auf dem Album.
       
       Und am Ende erklingt sogar eine echt Beatnik-taugliche Spoken-Word-Kaskade,
       unterstützt vom Jazz-Saxophonisten Kamasi Washington.
       
       Erykah Badu erfindet sich und ihre Musik auf diesem Album nicht neu, aber
       sie bleibt wirklich gut und durchläuft eine erstaunliche Entwicklung: von
       der ikonischen Popdiva zur ehrfurchtgebietenden Hexenmeisterin. Badu hat
       den Mut zu altern und sich angreifbar zu machen, aber sie bleibt trotzdem
       oder vielleicht gerade deswegen unbestreitbar machtvoll.
       
       4 Sep 2026
       
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