# taz.de -- Auf dem Weg zur Klimaneutralität: Hamburg will Wasserstoff-Zentrum werden
> Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung von
> Hamburgs Industrie. Die Voraussetzungen sind gut, doch es fehlt an
> Abnehmern.
(IMG) Bild: Auf dem ehemaligen Gelände eines Kohlekraftwerks soll eine große Drehscheibe der Wasserstoffwirtschaft entstehen: Hamburg-Moorburg
Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank hatte Ende August einen
erfreulichen Termin im Stadtteil Moorburg. Auf dem Gelände des ehemaligen
Kohlekraftwerks präsentierte sie den Start des Hochbaus für den „HH-WIN
H2-Connector“. Dieser werde „eine Schaltstelle für Wasserstoff, das
bundesweite Netz und unsere Fabriken und Industrie im Hafen“, zitiert die
Welt die Grünen-Politikerin.
Wasserstoff (H2) soll eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Klimaneutralität
spielen, insbesondere bei der Dekarbonisierung der Industrie. Das Thema
drängt in Hamburg besonders, weil die Stadt [1][aufgrund eines
Volksentscheids schon 2040 klimaneutral werden soll] – für ganz Deutschland
gilt das Ziel 2045.
Das sehr leichte Gas bietet eine Möglichkeit, überschüssige erneuerbare
Energie zu speichern. Zugleich kommt es dort zum Einsatz, wo Batterien als
Energieträger nicht infrage kommen oder fossile Brennstoffe im
Produktionsprozess ersetzt werden müssen, damit dieser klimaneutral wird.
Das gilt zum Beispiel für das Fliegen, die Zementherstellung und die
Stahlproduktion.
Laut dem [2][Zwischenbericht zur Umsetzung des Hamburger Klimaplans] 2025
hat der Stadtstaat 2023 rund 43 Prozent weniger CO₂ emittiert als 1990. Bis
in vier Jahren sollen es 70 Prozent weniger sein. Die Industrie soll dann
noch 1,5 von insgesamt 6,1 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen, 1,4 Millionen
Tonnen – und damit fast die Hälfte weniger als 2023. Wasserstoff soll davon
187.000 Tonnen einsparen – nicht so viel, aber unerlässlich, um 2040 auf
null zu kommen.
## Gute Voraussetzungen am Standort
Die Hoffnungen, die in den Wasserstoff gesetzt werden, sind groß und werden
seit Jahrzehnten befeuert, die Anwendung gestaltet sich jedoch als
schwierig. Dabei hat der rot-grüne Senat beträchtlichen Ehrgeiz entwickelt,
um Hamburg zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft zu machen.
Und die Voraussetzungen dafür sind an sich gut: In Norddeutschland gibt es
einen Überschuss an Windenergie. Durch den Abriss des Kohlekraftwerks
Moorburg gibt es viel Platz am seeschifftiefen Wasser.
Hier können Tanker für den Im- und Export anlegen, hier wäre Platz für eine
Anlage, um leichter transportables Ammoniak aus Wasserstoff herzustellen
und nicht zuletzt für einen Elektrolyseur mit zunächst 100 Megawatt
Leistung, mit dem Wasserstoff erzeugt werden soll. Außerdem gibt es schon
den nötigen Stromanschluss.
Neben dem [3][Elektrolyseur, den der städtische Versorger Hamburg Energie
gemeinsam mit dem Projektentwickler Luxcara baut], hat die Stadt dem Bau
des Leitungsnetzes HH Win begonnen, der die Hamburger Industrie mit H2
versorgen soll. Dieses lokale Netz wird an das bundesweite
Wasserstoffkernnetz angeschlossen, sodass Hamburg zum Umschlagpunkt für den
Energieträger der Zukunft werden kann.
Schwieriger gestaltet sich schon die Frage, wer den Wasserstoff abnehmen
soll. Beim Hamburger Stahlwerk von Arcelor Mittal spricht aus technischen
Gründen nichts gegen die Umwandlung von Eisenerz in metallisches Eisen
mittels Wasserstoff statt mit Koks oder Erdgas – nur ist der Stoff zu
teuer.
„Derzeit sehen wir keine Rahmenbedingungen, die eine wettbewerbsfähige
Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland ermöglichen“, schreibt das
Unternehmen auf Anfrage. Das habe eine Ausschreibung 2025 gezeigt. Vor
diesem Hintergrund verfolge Arcelor Mittal seine Pläne für eine Umstellung
am Standort Hamburg derzeit nicht weiter.
Die von der EU vorgegebenen Rahmenbedingungen schreiben vor, dass Ökostrom,
mit dem grüner, also klimaneutraler Wasserstoff hergestellt wird, drei
Kriterien genügen muss: Er muss von zusätzlichen Anlagen aus derselben
Region kommen und zeitgleich mit der Elektrolyse produziert werden.
„Die Grundmotivation war nicht schlecht“, sagt Mike Blicker,
Projektkoordinator des norddeutschen Reallabors für die Energiewende. Bei
einem möglichen Boom hätte nicht der gesamte Grünstrom in den Wasserstoff
fließen sollen. Stattdessen verknappten die gut gemeinten Kriterien das
Stromangebot für die Elektrolyseure und verteuerten den grünen Wasserstoff.
Das wäre kein Problem, wenn es Abnehmer gäbe, die damit ihre Kosten für
CO2-Emissionen senken könnten – was an politischen Vorgaben und
Marktpreisen hängt, auf die Hamburg allenfalls indirekt Einfluss hat. Das
Reallabor habe gemeinsam mit dem Senat in Brüssel Vorschläge gemacht, die
scharfen Bedingungen für grünen Strom zu lockern, sagt Blicker. Aber das
sei ein langwieriger Prozess.
## Abnehmer gesucht
Weil es zurzeit noch keine Abnehmer gebe, die bereit seien, einen
kostendeckenden Preis für nahezu emissionsfrei produzierten Stahl zu
bezahlen, will Arcelor Mittal die Umstellung in Hamburg aufschieben. „Die
derzeit vorgesehenen Förderinstrumente zur Unterstützung der operativen
Mehrkosten von grünem Wasserstoff reichen aus unserer Sicht nicht aus“,
schreibt das Unternehmen auf Anfrage.
Der Industrieverband Hamburg (IVH) schlägt vor, die Kostenlücke durch
[4][Landesförderprogramme] – ergänzend zu den Klimaschutzverträgen des
Bundes – zu verkleinern. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sowie
der Mittelstand benötigten Unterstützung bei der Umrüstung ihrer Anlagen.
Dem Senat gegenüber äußert der Verband seine Standardwünsche: schnelle
Planungs- und Genehmigungsverfahren, Flächen bereitstellen. Darüber hinaus
solle Hamburg mit seinen Nachbarländern Niedersachsen und
Schleswig-Holstein eine Erzeugungs- und Importstrategie austüfteln. Auch
regt der Verband ein Technologietransferzentrum mit der TU und der Uni
Hamburg sowie dem Zentrum für angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) an.
Schon jetzt habe Hamburg aber eine gute Grundlage für den Ausbau der
Wasserstoffwirtschaft. „Die enge Vernetzung von Industrie, Hafenwirtschaft,
Energieunternehmen, Logistikakteuren und Wissenschaftseinrichtungen schafft
ein starkes Ökosystem, das bundesweit zu den Vorreitern der
Wasserstoffwirtschaft zählt“, findet der IVH.
3 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schaerferes-Klimaschutzgesetz-kommt/!6116479
(DIR) [2] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F102063%2F23_02560_hamburger_klimaplan_zwischenbericht_zum_umsetzungsstand_2025#pagemode=none&search=Monitoring%20Klimaschutzgesetz&phrase=false&parldokSearchResults=Monitoring%20Klimaschutzgesetz
(DIR) [3] /Schritt-zur-Energiewende/!6133465
(DIR) [4] /Guten-Gewissens-Geld-verdienen/!6206978
## AUTOREN
(DIR) Gernot Knödler
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