# taz.de -- Venedig-Eröffnungsfilm „Ink“: Männer, die große Räder drehen wollen
       
       > Die Filmfestspiele eröffnen mit Danny Boyles Boulevardpressedrama „Ink“.
       > Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal beklagt den Mangel an Frauen im
       > Wettbewerb.
       
 (IMG) Bild: Läuft: „The Sun“-Chefredakteur Larry Lamb (Jack O’Connell) in „Ink“ von Danny Boyle
       
       Die 83. Filmfestspiele von Venedig sind eröffnet. So weit, so normal. Am
       Mittwoch, dem ersten Tag des Festivals, gab es auch eine Pressekonferenz.
       Das war dieses Jahr nicht ganz so normal. Nach einigem Hin und Her, im
       Verlauf dessen [1][vorübergehend gemeldet worden war, sie fiele vollständig
       aus], wurde sie dann doch wie ursprünglich vorgesehen abgehalten.
       
       Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal äußerte sich in der Konferenz unter
       anderem zu der Frage, ob Filme politisch sein sollten. Gyllenhaal meinte
       dazu, [2][dass Filme unvermeidlich politisch seien. Was für sie
       insbesondere mit Empathie zu tun habe]. Sie beklagte andererseits, dass es
       im Wettbewerb bloß einen Film gebe, bei dem eine Frau allein Regie geführt
       habe, „Woman Unknown“ der dänisch-ägyptischen Regisseurin May el-Toukhy.
       „Damit wäre endgültig klar, dass Männer die besseren Filme machen als
       Frauen“, lautete ihr sarkastischer Kommentar.
       
       Der Eröffnungsfilm des Wettbewerbs, „Ink“, war zwar von Danny Boyle und
       folglich von einem Mann, ob er als herausragend in die Geschichte des Kinos
       eingehen wird, ist jedoch fraglich. Boyle erzählt von einer Wende in der
       Zeitungsgeschichte Ende der sechziger Jahre. Die geordneten Verhältnisse in
       der Londoner Pressemeile Fleet Street, wo die großen Zeitungen saßen,
       wurden damals durcheinandergewirbelt: Der Unternehmer Rupert Murdoch kaufte
       1969 die Boulevardzeitung The Sun, um in den englischen Zeitungsmarkt
       einzusteigen. Sie stieg danach zur auflagenstärksten Zeitung des Landes
       auf.
       
       Boyle adaptiert in seinem Film das gleichnamige Stück des Dramatikers James
       Graham, in dem Murdoch (Guy Pearce) den Journalisten Larry Lamb (Jack
       O’Donnell) anheuert, um die Zeitung als Chefredakteur in Murdochs Sinne
       umzukrempeln. Boyle erzählt zunächst den Rekrutierungsprozess, beginnend
       mit Lamb, der darauf sein Team im Alleingang zusammenstellen muss. Schon
       hier greift [3][Boyle auf sein bewährtes Hochgeschwindigkeitserzählen
       zurück, das er besonders erfolgreich in „Trainspotting“ (1996) erprobt]
       hat.
       
       ## Wie eine auf Hochtouren laufende Druckwalze
       
       Schnelle Schnitte, Titelseiten blitzen immer wieder mal kurz zwischen den
       Bildern der Handlung auf, dazu empfiehlt sich die motorisch
       voranprenschende Rockmusik des Soundtracks als das akustische Äquivalent
       einer auf Hochtouren laufenden Druckwalze. Pearce und O’Donnell überbieten
       sich währenddessen als Männer, die große Räder drehen und dabei meistens
       cool bleiben. Was wie eine koksselige Feier des Schundjournalismus beginnt,
       offenbart im Verlauf der Handlung mehr und mehr, was für menschliche
       Nebenkosten der unaufhaltsame Erfolg hat. Das ist ohne Hängepartie
       unterhaltsam. Hinterher hat man aber einen leichten Kater.
       
       Von einem etwas anderen Medienthema handelt der Eröffnungsfilm der
       Nebenreihe Orizzonti, „La ragazza con la Leica“ (Das Mädchen mit der Leica)
       von Alina Marazzi. Sie erinnert mit ihrem Film an die [4][deutsche
       Fotografin Gerda Taro, die mit ihrem Kollegen und Partner Robert Capa in
       den dreißiger Jahren im Exil in Paris lebte] und den Widerstand im
       Spanischen Bürgerkrieg dokumentierte, dort aber 1937 an der Front starb.
       
       Auch Marazzi arbeitet mit schnellen Schnitten, setzt viel Archivmaterial
       zwischen ihre Szenen, oft geht das eine fließend in das andere über. Dass
       der Funke gleichwohl nicht recht überspringen mag, liegt vor allem an der
       biederen Inszenierung der eigentlichen Handlung, die an eine
       durchschnittliche Fernsehproduktion denken lässt. Insbesondere Emilia
       Schüle spielt den Part von Gerda Taro mit einer aufgesetzten „Kessheit“,
       die ihre Figur fast trotzig-dumm erscheinen lässt. Die Chance, eine weniger
       bekannte historische Persönlichkeit mit einem Film auf Augenhöhe zu
       würdigen, blieb ungenutzt.
       
       3 Sep 2026
       
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