# taz.de -- Otto-Begräbnis im Magdeburger Dom: Denn er war unser!
> Keine kleine Aufgabe, den den Großen genannten Kaiser Otto wieder in den
> neuen Sarg zu kriegen! Geglückt aber ist es. Muss er uns interessieren?
(IMG) Bild: Ottos zeitweise herausgenommene Knochen – kein Grund für o Gott, o Gott
Nun [1][liegt er wieder] in seinem reparierten Sarkophag unter der schweren
Marmorplatte in der Krypta des Magdeburger Doms, in einem neuen, für die in
1053 Jahren verbliebenen Knochen und den Schädel ausreichenden neuen Sarg
aus Titan, Feinsilber, Feingold und Blattgold, gestaltet von der Hallenser
Schmuckkünstlerin Silke Trekel: Otto I., seit dem Mittelalter als „der
Große“ gefeiert.
Also jener zweitgeborene Sohn des sächsischen Herzogs und ostfränkischen
Königs Heinrich I. „dem Vogler“ und der Fürstin Mathilde, der am 23.
November 912 geboren wurde und 936 die Nachfolge seines Vaters als Herzog
und König antrat.
Bundeskulturstaatsminister Weimer ist zum Festvortrag geladen über die
gesellschaftliche Bedeutung der Erinnerung. Noch-Ministerpräsident Sven
Schulze kann sich als Stimme seines aus der einst brandenburgischen
Altmark, dem Land Anhalt und der einstigen preußischen Provinz Sachsen
zusammengefügten widerspenstigen Landes inszenieren, Simone Borris als
Oberbürgermeisterin von Magdeburg Ottos lokale Relevanz hervorheben und
Landesarchäologe Harald Meller wieder einmal versuchen, den vom
Stadtmarketing touristisch und von der AfD politisch angeheizten Otto-Hype
[2][rational einzudämmen.]
Keine kleine Aufgabe. Denn Otto I. überragte nicht nur physisch mit etwa
180 Zentimetern seine Zeitgenossen. In andauernden Kriegen mit seinen
Verwandten und dem Hohen Adel der Franken, Sachsen, Hessen und Baiern,
norditalienischen, slawischen und friesischen Herrschern gelang es Otto I.,
das Königtum zu stabilisieren, die Macht zu zentralisieren.
## Von wegen „Leichenschändung“
Der Sieg über die gefürchteten ungarischen Heere in der Schlacht auf dem
Lechfeld bei Augsburg 955 galt als göttliches Wunder. Sieben Jahre später
krönte ihn Papst Johannes XII. zum Römischen Kaiser.
[3][Rom! Das westliche Ideal] eines stabilen, gerechten Staats wurde von
Otto I. als Maxime übernommen. Mehr reale und symbolische Macht war für
eine sterbliche Person im frühen Mittelalter nicht zu erringen. Als er 973
im vergleichsweise hohen Alter von 61 Jahren starb, ging eine Ära zu Ende.
Das sind die nüchternen Daten. Die in Sachsen-Anhalt teilweise als
rechtsextrem eingestufte AFD hat nun ihre Wissenschafts- und
Kirchenfeindschaft neuerlich unter Beweis gestellt. Sie behauptete, das
Herausnehmen der Knochen Ottos aus dem Sarg, ihre Untersuchung durch
Anatomen, Archäologen, Genetiker und andere Wissenschaftler sei
„Leichenschändung“.
Meller dagegen betont: Selbst für die katholische wie die evangelische
Kirche sind Leichenreste, wenn sie denn einmal ausgesegnet wurden, nur noch
Materie, allenfalls ein manchmal wichtiger Erinnerungsanker für diejenigen,
die dessen bedürfen.
Deswegen dürfen inzwischen sogar heiligste Körperreliquien
naturwissenschaftlich untersucht werden. Aber die AfD knüpft nicht nur an
die Ehrfurcht vor den Totentraditionen, sondern auch an den Otto-Kult des
19. Jahrhunderts an: Nationalistische Historiker inszenierten ihn als
ersten „deutschen“ König.
Was blanker Unsinn ist: Otto hätte mutmaßlich nicht einmal verstanden, was
gemeint sein könnte. Denn „deutsch“ war im 10. Jahrhundert nur die
abwertende Bezeichnung für die vielen germanischen Volkssprachen zwischen
Ostsee und Alpen, grenzte sie ab von Kultursprachen wie Lateinisch,
Griechisch, sogar Hebräisch und Arabisch, selbst Fränkisch, das sich seit
Karl dem Großen zur Schriftsprache entwickelt hatte.
Otto I. war also vieles, aber sicher kein Deutscher. Und noch einen zweiten
Grund gab es im Kaiserreich, sich des Vornamens Otto zu bedienen: Er galt
im von Otto von Bismarck zusammengezwungenen Kaiserreich als
nationalkonservatives Statement gegen den deutschen Partikularismus. Die
folgenden Generationen, traumatisiert vom Untergang des Bismarck-Reichs,
vermieden zwar dann den Namen, um nur nicht in den Geruch des Nationalismus
oder Großdeutschtums zu kommen. Seit einigen Jahren liegt Otto in den
deutschen Namensgebungscharts aber wieder zwischen etwa Platz 150 und 300.
Otto gilt jetzt nämlich als modern, knapp, dynamisch, international und
weltoffen – in Schweden nahm Otto zeitweilig sogar Platz eins ein, auch in
den USA ist er hoch beliebt. Es ist also kurzsichtig, wenn sich als
aufgeklärt Betrachtende wie gewohnt mokieren über Reliquienkulte und die
nationalistische Vereinnahmung, statt Otto als den ihren zu beanspruchen,
als – im Rahmen seiner Zeit – Fechter für ein einiges Europa, stabile
Staatsordnungen, sogar den Rechtsstaat und gute Beziehungen zum Islam. Wäre
jedenfalls einen Versuch wert, der AFD das Thema zu entwinden und wieder zu
rationalisieren.
1 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/kaiser-otto-grablegung-gottesdienst-,beisetzung-dom-kultur-news-100.html
(DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/wissen/otto-grosse-forschung-nationalismus-afd-li.3537311
(DIR) [3] /Meme-ueber-Maenner-und-das-Roemische-Reich/!5958474
## AUTOREN
(DIR) Nikolaus Bernau
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