# taz.de -- Neubaupläne vs. NS-Erbe: Reichenbunker statt NS-Bunker
> Der Große Bunker unter Hitlers Neuer Reichskanzlei soll einem Neubau
> weichen, so will es auch Senator Gaebler. Der Verein Berliner Unterwelten
> will das verhindern.
(IMG) Bild: Wo bis vor kurzem Gras über das tausendjährige Reich wuchs, erwächst nun eine Diskussion
Zwischen einem der letzten [1][DDR-Plattenbauviertel an der Wilhelmstraße]
in Mitte und den Landesvertretungen von Hessen und Brandenburg befindet
sich eine der letzten innerstädtischen Brachflächen. Neben einem Parkplatz
an der Voßstraße wuchert Grün auf dem abgezäunten Gelände. Auch ein kleiner
Hügel aus Trümmerschutt ist zu sehen. Unspektakulär ist das Bild nur auf
den ersten Blick. Einst befand sich auf dem gesamten Gelände Hitlers
[2][Neue Reichskanzlei], der betonierte Machtanspruch der
Nationalsozialist:innen, in dem auch Hitler selbst ein monumentales
Arbeitszimmer hatte.
Unter dem gesamten Gelände befanden sich gleich mehrere Bunker, darunter
der überwiegend abgetragene und zugeschüttete Führerbunker. Noch zur Hälfte
erhalten und zu einem Großteil just unter jener Freifläche befindlich, ist
der Große Bunker, mit einem Ausmaß von etwa 60 mal 30 Metern. In
Kriegszeiten, zwischen 1940 und 1944 fanden hier sowohl
Mitarbeiter:innen der Reichskanzlei, aber auch Hunderte Frauen und
Kinder Schutz vor den Bomben. Ein berühmtes, allerdings nachgestelltes Foto
vom 2. Mai 1945 zeigt, wie der letzte Stadtkommandant Berlins, [3][Helmuth
Weidling], den Bunker verlässt, um sich den sowjetischen Truppen zu
ergeben.
Geht es nach einem Hamburger Spekulanten, der sich das Gelände in den
letzten zehn Jahren zusammengekauft hat und Bausenator Christian Gaebler
(SPD), soll dieses Stück Geschichte schon bald weichen. Entstehen sollen
stattdessen ein siebengeschossiger Neubau mit 66 Wohnungen und ein
Bürogebäude. Vermutlich um Platz für eine Tiefgarage zu schaffen, sollen
dafür die etwa zwei Meter dicken unterirdischen Bunkerwände abgetragen
werden. Der Senator hatte zuletzt gegenüber der Bild-Zeitung verlauten
lassen: „Wir stehen dem Neubau von Wohnungen nicht im Wege, um einen Bunker
zu erhalten, der dann womöglich noch zum Wallfahrtsort wird.“
Lauten Widerspruch dagegen hat am Dienstag der Verein Berliner Unterwelten
formuliert, der die Geschichte der Stadt an authentischen Orten vermittelt.
Auf einer auch von internationalen Journalist:innen gut besuchten
Pressekonferenz in den Vereinsräumlichkeiten am Zeughaus, einer ehemaligen
unterirdischen Toilettenanlage, appellierte der Vorsitzende Dietmar Arnold
an die Investoren, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Das
ist ein historischer Ort, der nicht kaputtgehen darf“, so Arnold.
## Der Bunker trägt den Neubau
Der Stadtplaner Arnold schlägt stattdessen vor, den Neubau auf den
Bunkeranlagen zu errichten. Dies sei „ohne Probleme“ machbar, schließlich
hätten die auch schon die Neue Reichskanzlei getragen. Notwendig dafür sei
lediglich die Anpassung des „inzwischen völlig veralteten“ Bebauungsplans
von 2006. Den Wohnungsbau wolle man „nicht verhindern“, auch wenn dort
keine Wohnungen für den „Otto-Normal-Verbraucher“ entstünden, so Arnold.
Den Bunker selbst möchte der Verein zu einem Erinnerungsort an das
NS-Regime, der Geschichte der Neuen Reichskanzlei und dem Kriegsende
umgestalten. Die Kosten für Um- und Ausbau würde man selbst übernehmen.
Kein gutes Haar ließ Arnold am Vorgehen und der Positionierung von Senator
Gaebler und von Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). So habe der Verein
seit März vergangenen Jahres immer wieder Anfragen an die Senatsverwaltung
und den Bezirk zu den Ergebnissen der Tagung des Landesdenkmalamtes
gestellt und nach einem Kontakt zu dem Eigentümer gebeten. Antworten
erhielten sie nicht. „Eine Transparenz zum Bauvorhaben war nicht vorhanden,
die Öffentlichkeit faktisch ausgeschlossen“, so Arnold.
Erst Mitte Juni dieses Jahres gelang es Arnold, Kontakt zu den Bauherrn
aufzunehmen. Am selben Tag hätten sich Gaebler und Senatsbaudirektorin
Petra Kahlfeldt an die Bild gewandt. Kahlfeldt sagte dieser: „Die
Denkmalschützer sehen nicht die Notwendigkeit, das zu erhalten – aber die
Notwendigkeit der Dokumentation.“ Arnold widersprach und verwies auf eine
Empfehlung des Denkmalamtes aus dem März 2025. Damals hieß es: „Das
Landesdenkmalamt sieht einen möglichen Abbruch der baulichen Reste des
Großen Bunkers unter der Neuen Reichskanzlei kritisch.“ Dieser befinde sich
trotz Grundwassereinfluss in einem „guten Zustand“.
Aus der Senatsverwaltung von Gaebler hieß es auf Anfrage der taz, das
Grundstück sei „seit 2007 in privatem Eigentum“, zudem sei der
Bebauungsplan 2006 „unter Betrachtung denkmalschutzrechtlicher Aspekte“
beschlossen worden. Für Gaebler habe der „Wohnungsbau an dieser Stelle
Priorität“. Der Eigentümer sei „verpflichtet, vor Abriss des Bunkers diesen
entsprechend zu dokumentieren“. Zu dem Kompromissvorschlag vom Verein
Berliner Unterwelten äußerte sich die Verwaltung nicht.
Arnold dagegen sieht die Gefahr, dass Berlin womöglich den aufwändigen und
teuren Abriss des Bunkers auch noch aus eigener Tasche bezahlen müsste.
Gaeblers Warnung vor einem „Wallfahrtsort“ bezeichnete er als
„Totschlagargument“, das schon vor 30 Jahren vorgebracht wurde, sich aber
nirgends in Berlin je erfüllt hätte.
Auch das Beispiel der Topographie des Terrors zeigt, dass dieses Argument
wenig überzeugend ist. Die [4][Topographie des Terrors] ist einer der
meistbesuchten Erinnerungsorte in Berlin und entstand vor allem durch
zivilgesellschaftliches Engagement. Damals, so Arnold, hätte er den Abriss
vielleicht noch verstehen können, heute aber habe man ein ganz anderes
Geschichtsverständnis. Der Senat aber habe sich anscheinend einfach nur
„gefreut, dass da ein Investor kommt und diesem den Weg freigeräumt“.
11 Aug 2026
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