# taz.de -- Pankow vor der Wahl: Wo sind nur die Kinder geblieben?
       
       > Nichts mehr mit Latte-Macchiato-Müttern. In Berlin-Pankow suchen die
       > Kitas nach Konzepten nach dem Babyboom. Das betrifft vor allem den
       > Prenzlauer Berg.
       
 (IMG) Bild: Kerstin Stechow ist seit 3 Jahren die Kita Leiterin in der Jablonskistraße
       
       Gerne würde Kerstin Stechow mehr gesehen werden. Sichtbarer werden. Nicht
       persönlich. Aber schon, was die Kita betrifft, die sie seit drei Jahren
       leitet. [1][Denn die Kindertagesstätte in der Jablonskistraße 33 in
       Prenzlauer Berg] hat ein Problem: Von 195 Plätzen sind – je nach Jahreszeit
       – nur 90 bis 120 belegt.
       
       An diesem Mittwoch, Anfang September, hat Stechow einen Termin mit Rainer
       Oetting. Der kaufmännische Geschäftsleiter der [2][Kindergärten Nordost]
       ist in die Jablonskistraße gekommen, um ihr einen Vorschlag zu
       unterbreiten. „Es gibt einen Interessenten für die leeren Räume“, sagte er.
       Stechow nickt. „Vielleicht ist das auch eine Chance“, sagt sie. „Wir haben
       Platz, da sollte man zusammenrücken und Neues initiieren.“
       
       Stechows Kindertagesstätte gehört zu den Eigenbetrieben der Kindergärten
       Nordost. Kein Kinderladen, kein freier Träger, vielmehr eine kommunale Kita
       mit viel Platz. Inzwischen aber mit zu viel Platz. Deswegen das Gespräch an
       diesem Mittwoch.
       
       Rainer Oetting sagt es so: „Wir betreiben in Pankow, Lichtenberg und
       Marzahn-Hellersdorf insgesamt 82 Kindertagesstätten.“ In Lichtenberg und
       Marzahn-Hellersdorf würden drei neue Kitas gebaut. Da ist also etwas am
       Wachsen. „In Pankow und dort vor allem in Prenzlauer Berg gehen die
       Geburtenzahlen aber zurück, und wir müssen schauen, wie wir neue Nutzungen
       in die Kitas bekommen.“
       
       ## Abschied vom Pregnancy Hill
       
       Kinder und Prenzlauer Berg, das gehörte vor geraumer Zeit zusammen wie
       Wilmersdorf und Witwen. Als „Pregnancy Hill“ wurde der einstige Szenebezirk
       liebevoll-spöttelnd bezeichnet, durchs Land und darüber hinaus wanderte das
       Bild von den Latte-Macchiato-Müttern.
       
       Heute ist auf dem Spielplatz am Kollwitzplatz, dem einstigen Epizentrum der
       „Prenzlmuttis“, oft nur noch wenig los. Warum, das weiß die Statistik. Seit
       2022 werden in Prenzlauer Berg weniger Kinder geboren. Und der Trend hält
       an. 2024 waren es 1.503 Kinder. Ein Jahr später nur noch 1.435.
       
       Natürlich macht sich der Negativtrend auch bei den Kindertagesstätten
       bemerkbar. 22.142 Kitaplätze waren noch 2019 in ganz Pankow belegt. 2025
       waren es nur noch 18.581 Plätze. Ein Rückgang von 16 Prozent, der in
       deutlichem Gegensatz zum Bevölkerungswachstum in Pankow steht.
       
       ## Geburtsknick seit 2019
       
       Ist die Liaison von Pankow und Kinder zu Ende? Besuch bei der zuständigen
       Stadträtin. [3][Rona Tietje hat ihren Sitz in der Berliner Allee im
       Ortsteil Weißensee]. Die SPD-Politikerin ist seit 2023 Stadträtin für
       Jugend und Familie und damit auch zuständig dafür, dass es funktioniert mit
       den Kitas in ihrem Bezirk.
       
       „Der Knick bei den Geburten begann in den südlichen Ortsteilen schon 2019“,
       weiß Tietje. Also am Kollwitzplatz und am Mauerpark, dort, wo Prenzlauer
       Berg an Mitte grenzt, aber auch am Helmholtzplatz. „Und wie bei der
       Gentrifizierung wanderte diese Entwicklung dann weiter Richtung Norden.“
       Insgesamt gebe es in Pankow sowohl bei den 0- bis 3-Jährigen als auch den
       3- bis 6-Jährigen eine Schrumpfung. „Die einzige Ausnahme ist
       Blankenburg-Heinersdorf“, sagt Tietje. „Da ist noch leichtes Wachstum bei
       den 3- bis 6-Jährigen.“
       
       Tietje kann auch den Widerspruch zwischen einem wachsenden Bezirk und
       sinkenden Kinderzahlen erklären. Das Wachstum betrifft vor allem die jungen
       Erwachsenen, also die 18- bis 25-Jährigen. „Auch bei den Senioren im Alter
       von 65 bis 80 gibt es Wachstum“, sagt Tietje. „Das Gleiche gilt für die 45-
       bis 65-Jährigen.“
       
       Rona Tietje hat für all das eine einleuchtende Erklärung. „Meine Hypothese
       ist, dass die Mobilität in Pankow abgenommen hat.“ Extrem sei das vor allem
       in Prenzlauer Berg, wo es kaum noch Fluktuation gebe. „Die Leute bleiben
       und werden älter.“ Paare im Familiengründungsalter ziehen kaum noch in der
       Prenzlauer Berg. Für viele ist das auch eine Frage des Geldbeutels.
       
       ## Neue Nutzungen gesucht
       
       Der demografische Wandel ist keine Momentaufnahme, er ist ein Trend
       geworden. Im einst kinderreichen Prenzlauer Berg fehlen, wie auch in
       Pankow, die Kinder. Und das hat Auswirkungen auf die bezirkliche
       Infrastruktur. Die Formel, die Rona Tietje für die Planungen als Reaktion
       auf das Durchaltern der Bevölkerung hat, lautet: „Wir brauchen weniger
       Kitas, mehr Grundschulen und später auch mehr weiterführende Schulen.“
       
       Vor allem für Kitas in privater Trägerschaft ist die Kinderkrise längst zum
       Problem geworden. Die Auslastung im Bezirk liegt im Schnitt bei 77 Prozent.
       Kleine Träger, die womöglich nur eine Kita betreiben, können da schon mal
       in Schwierigkeiten geraten – und erhöhen nicht selten den Eigenanteil der
       Eltern.
       
       Große Träger wie der kommunale Eigenbetrieb Nordost sind da flexibler. „Wir
       können beim Personal etwas schieben“, sagt Rainer Oetting. Auf der anderen
       Seite zahlen die kommunalen Kitas für ihre Beschäftigten den vollständigen
       Tariflohn und verzichten auf einen Eigenanteil der Eltern. Auch deshalb, so
       Oetting, sei „eine sozialräumliche Öffnung nach außen“ eine wichtige
       Maßnahme.
       
       In Mahlsdorf ist das schon gelungen. In die Kita „Zu den Seen“ in der
       Elsenstraße soll ein Familienzentrum einziehen. Voraussetzung dafür waren
       bauliche Maßnahmen, die beide Einrichtungen voneinander trennen. So soll
       der Kinderschutz gewährleistet werden. Denn Erwachsene dürfen sich nicht
       unkontrolliert in den Räumen der Kinder aufhalten.
       
       „Uns kommt dabei zugute, dass die Hälfte unserer Kitas Typenbauten sind“,
       sagt Oetting. „Deshalb wollen wir für die bauliche Trennung auch
       standardisierte und damit günstige und schnell realisierbare Lösungen
       entwickeln.“ 65.000 bis 80.000 Euro kostet eine solche räumliche Trennung.
       In der Kita Matenzeile in Lichtenberg besteht bereits eine
       Finanzierungszusage durch den Bezirk.
       
       ## Mehr für die Kitas werben
       
       Auch die Kindertagesstätte von Kerstin Stechow in der Jablonskistraße 33
       ist ein solcher Typenbau. Zwei Eingänge weist sie auf, auf einem klebt ein
       Plakat: „Wir haben freie Plätze“. Am rechten der beiden Eingänge ist die
       bauliche Trennung bereits vollzogen. Eine Glasscheibe mit Glastür trennt
       das Foyer vom Kitabereich. Aus dem Foyer wiederum kommt man in die Räume,
       für die Rainer Oetting einen Interessenten hat. Es ist die Kita eines
       freien Trägers, der neue Räume sucht. Eine Kita, die viel mit der Natur
       arbeitet. „Das kann für beide Seiten deutliche Benefits haben“, sagt
       Kerstin Stechow.
       
       Seitdem die Kinderzahlen zurückgegangen sind, hat Stechow auch weniger
       Mitarbeitende. Von 39 Pädagoginnen und Pädagogen ist die Beschäftigtenzahl
       auf 23 geschrumpft. „Manche sind nach Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg
       gegangen, manche wollten das aber auch nicht“, sagt Stechow.
       
       Mehr Sichtbarkeit, das ist für Stechow im Vergleich zu Kitas privater
       Träger gar nicht so einfach. Das Profil der Kita befindet sich lediglich
       auf der Seite der Kindergärten Nordost. Dort stellt sich die Kita mit dem
       Claim vor: „Nachhaltiges Lernen durch selbstgewählte Aktivitäten im Alltag
       ermöglichen“. Die Werbung auf Social Media übernimmt der Träger. Für
       Kerstin Stechow hat das auch einen Vorteil. Sie kann sich mehr auf die
       pädagogische Arbeit konzentrieren. Das mit der Sichtbarkeit soll eine neue
       künstlerische Fassadengestaltung regeln.
       
       „Dafür gibt es Fördermittel“, weiß Rainer Oetting. Er begreift die Krise
       auch als Chance. „Das gibt uns die Möglichkeit, Strategien zu entwickeln,
       wie wir uns mit anderen vernetzen.“
       
       ## Hartnäckiges Image
       
       Auch Stadträtin Rona Tietje blickt nicht pessimistisch in die Zukunft. Sie
       betont, dass es nun auch die Möglichkeit gebe, dass Eltern zwischen den
       unterschiedlichen Kitas mit ihren verschiedenen Konzepten die passende für
       ihr Kind wählen könnten. „Früher mussten viele jeden Betreuungsplatz
       nehmen, den sie irgendwie finden konnten.“
       
       Gleichzeitig plädiert sie für mehr Sachlichkeit in der Debatte. „Es war ja
       nicht so, dass die Leute in Prenzlauer Berg wesentlich mehr Kinder bekommen
       haben als anderswo“, erinnert sie. „Der Grund für das Image war die
       Konzentration der Alterskohorte, die Kinder bekommen können.“ Und dann
       natürlich das Bild der Mütter, die mit einem Kaffee in der Hand am Rande
       des Spielplatzes am Kollwitzplatz sitzen.
       
       Dieses Image von Pankow, das weiß Tietje von zahlreichen Gesprächen im
       Bundesgebiet, hält sich trotz des demografischen Wandels hartnäckig.
       „Innerhalb Berlins aber wurde es abgelöst von Pankow als dem am schnellsten
       wachsenden Bezirk in Berlin.“
       
       Und wie geht es weiter? „Wenn die Mobilität so niedrig bleibt wie bisher“,
       sagt Rona Tietje, „dann erhöht sich nach dem Druck auf die weiterführenden
       Schulen irgendwann mal der Druck auf die Seniorenheime.“
       
       6 Sep 2026
       
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