# taz.de -- Lichtenberg vor der Wahl: Von Grau zu Grün
       
       > Lichtenberg wächst und damit auch der Bedarf, Menschen zusammenzubringen.
       > Wichtig dafür sind auch öffentliche Orte.
       
 (IMG) Bild: Lichtenbergs Verkehrsstadträtin Filiz Keküllüoğlu (Grüne) will den Bahnhofsvorplatz und auch die Skaterlinse umgestalten
       
       Etwa 30 Augenpaare wandern über das Bild, das ein Beamer an die Wand wirft.
       Es zeigt zwei Männer in teils stark zerschlissenen Kleidern. Einer von
       ihnen kniet halb und hat einen Hammer in der Hand, vor ihm liegt ein Haufen
       Steine, er trägt einen Hut. Der zweite Mann stemmt einen Korb mit
       zerkleinerten Steinen hoch. Was sie mit dem Bild verbinden, fragt Carolin
       Orlik die Anwesenden. Sie engagiert sich in der Lichtenberger
       Galerie-Gruppe, die als Teil der Ehrenamtsagentur Oskar Ausstellungen plant
       und umsetzt. An diesem Sommerabend haben sie zum Kunstplausch eingeladen,
       bei dem sie mit Besucher*innen über das Bild und ihre Gedanken dazu ins
       Gespräch kommen wollen.
       
       „Maloche“, sagt eine ältere Frau in der ersten Reihe. „Ich sehe zwei
       Männer, die arm sind und richtig hart arbeiten.“ An den Erfahrungen, die
       die Gruppe zusammenträgt, zeigt sich auch die Vergangenheit Lichtenbergs
       als Arbeiterbezirk. „Der hat später Rücken“, kommentiert eine andere. Ein
       Besucher spricht über die Hitze auf dem Bild und dass es ihn an die
       Zerstörung der Natur erinnert, ein anderer erzählt aus seiner Schulzeit,
       vor mehr als 50 Jahren. Ein Lehrer habe ihnen den Maler Gustave Courbet
       näher gebracht hat, von dem das Bild „Die Steineklopfer“ stammt. Orlik
       ermuntert die Gäste, ihre Eindrücke ungefiltert mitzuteilen, und ergänzt
       Infos zum historischen Kontext.
       
       „Beim ersten Kunstplausch waren wir eigentlich unter uns“, sagt Anne S.,
       die sich in der Galerie-Gruppe um die Mails und zunehmend auch Social Media
       kümmert. Mit dem dritten Termin scheine sich das Format unter den
       Lichtenberger*innen zu etablieren.
       
       Seit inzwischen zehn Jahren plant und organisiert die Gruppe Ausstellungen,
       in der Regel sind es etwa sechs pro Jahr, oft stellen sie lokale
       Künstler*innen aus Lichtenberg aus. Aktuell sind dort Meeresansichten
       von der Lichtenbergerin Ulrike Drobniewski zu sehen, und auch hier fragt
       Caroline Orlik die Besucher*innen. „Was seht ihr? Was ergreift euch, was
       stößt euch ab? Erweckt etwas vielleicht auch Sehnsucht?“
       
       ## Menschen zusammenbringen
       
       Über Kunst und Kultur Menschen zusammenbringen ist laut S. das Ziel der
       Gruppe. Egal wie alt sie sind oder wie viel Geld sie haben. In der
       Galerie-Gruppe selbst sind Altersgruppen von Student*innen bis zu
       Rentner*innen vertreten. Inspiriert durch die Arbeit habe sie selbst vor
       einem Jahr die Pinsel in die Hand genommen, vorher habe sie sich nicht
       getraut. „Ich teste mich aus mit Farben und Formen“, sagt sie. Für das
       [1][Kunstfestival „Lange Nacht der Bilder“ Anfang September] stellt die
       Galerie-Gruppe eine Ausstellung zusammen, für die Anwohner Bilder
       einreichen konnten.
       
       Die Ehrenamtsagentur Oskar hat nach eigenen Angaben allein in den
       vergangenen zwei Jahren 1.600 Engagement-Beratungen durchgeführt. Das
       Bezirksamt zeichnet jedes Jahr [2][Engagierte mit der Lichtenberger
       Ehrenamtsmedaille] und [3][dem Bezirkstaler] aus.
       
       Die Frage, wie das Zusammenleben gelingen kann, ist ihr wichtig, sagt S.
       Der Bezirk wachse, neue Menschen kämen dazu, darunter viele Geflüchtete.
       „Die Einwohnerzahl steigt, und die Infrastruktur kommt nicht hinterher.“
       Auf der Straße herrsche ein härterer Umgang und ein rauerer Ton als früher,
       findet sie.
       
       Sicherheit und Müll – das sei beides ein Riesenproblem. Ein gutes Beispiel
       sei da der Fennpfuhl-Park. „Es gab Zeiten, da bin ich selbst nachmittags
       nicht mehr in den Park gegangen“, sagt S. Nun sei er umgestaltet worden.
       „Es gibt da jetzt kleine Sessel, und darunter sind die Papierkörbe“, sagt
       sie. „Inzwischen bin ich richtig gern da. Und ich fühle mich auch wieder
       sicher.“ Sie würde sich freuen, wenn das auch in anderen Parks und
       Grünanlagen passiere – und auf den Straßen insgesamt.
       
       ## Grüner Stadtumbau
       
       „Wenn ein Ort belebt wird und unterschiedliche Gruppen ihn nutzen, dann
       nehmen ihn die Menschen oft auch wieder anders wahr“, sagt Filiz
       Keküllüoğlu. Die Grünen-Politikerin ist Stadträtin für Verkehr, Grünflächen
       und Umwelt in Lichtenberg. Eines ihrer Hauptthemen ist Entsiegelung. „Trotz
       knapper werdender Mittel und Personalabbau wurden zahlreiche Flächen von
       Beton und Asphalt befreit und begrünt“, teilte sie im Sommer in einer
       Bilanz mit. [4][Mehr als 12.000 Quadratmeter habe der Bezirk in zwei Jahren
       entsiegelt]. „Ich will, dass wir jeden geeigneten Quadratmeter prüfen:
       Brauchen wir hier wirklich Asphalt, oder können wir Raum für Grün und
       Regenwasser schaffen?“, fordert sie. Weil die bezirklichen Mittel dafür
       nicht reichen, habe sie teils auch Gelder aus überregionalen Töpfen
       eingeworben.
       
       Ein nächstes großes Projekt: [5][Der Vorplatz vor dem Bahnhof Lichtenberg].
       „Der Eugeniu-Botnari-Platz ist einer der wichtigsten Eingänge in unseren
       Bezirk“, sagt Keküllüoğlu bei einem Treffen dort. „Aber wer heute aus dem
       Bahnhof kommt, blickt auf sehr viel Grau.“ Im Sommer würde sich die Fläche
       erheblich aufheizen. „Meine Vorstellung ist eine andere“, sagt sie. „Man
       kommt raus und sieht Bäume und Grün, Menschen sitzen im Schatten, Kinder
       und Jugendliche nutzen die Bewegungsangebote.“ Aus [6][einer Hitzeinsel
       will sie so ein „grünes Eingangstor“] nach Lichtenberg machen.
       
       Keküllüoğlu schwebt vor, die Stellen, an denen bereits Bäume stehen, [7][um
       weitere Bäume und um Bänke] zu erweitern. 1.700 Quadratmeter könnten
       entsiegelt werden. Auf der Skaterbahn auf der anderen Straßenseite will sie
       ebenfalls den Beton aufbrechen und das Areal grüner und durchlässiger
       gestalten, mit Sportgeräten, Pumptrack, Trinkbrunnen und Rasenbereich. „Die
       Skaterlinse wird bisher von Jugendlichen weniger genutzt als gedacht“, sagt
       sie. Stattdessen würden dort auch oft Menschen sitzen und trinken.
       
       ## Entsiegelung auf dem Bahnhofsvorplatz
       
       Auch beim Bahnhofsvorplatz geht es beim grünen Stadtumbau also schon bald
       auch um soziale Themen. Bei einer ersten Beteiligungsveranstaltung hätten
       einige Anwesende Bedenken geäußert, dass frei zugängliche Toiletten und
       Bänke auch mehr Obdachlose anziehen könnten. „Wir sind deshalb auch mit den
       umliegenden Initiativen im Gespräch, die Angebote für obdach- und
       wohnungslose Menschen machen“, sagt Keküllüoğlu. „Wir wollen deren
       Erfahrungen mit einholen.“ Neben der Skaterbahn entsteht derzeit außerdem
       die „Butze“, die erste Anlaufstelle für jugendliche Obdachlose bundesweit.
       „Ich bin der Ansicht, dass eine bessere Aufenthaltsqualität auch hier allen
       zugutekommt – und dass wir den Umbau so gestalten können, dass der Platz
       attraktiv für verschiedene Zielgruppen wird“, sagt Keküllüoğlu.
       
       „Mehr Einwohner*innen bedeuten auch, dass unsere Parks, Spielplätze und
       öffentlichen Räume stärker genutzt werden“, sagt sie. Es sei daher auch
       wichtig, bestehende Parks und Spielplätze zu pflegen. „Gute öffentliche
       Räume haben auch etwas mit dem Miteinander und der Lebensqualität im Kiez
       zu tun“, sagt sie.
       
       Öffentliche Räume und Miteinander sind dabei Themen, in denen Lichtenberg
       durchaus Erfahrung hat. Der Weitlingkiez, in dem heute die
       Freiwilligenagentur liegt, war in den 2000er und 2010er Jahren ein Hotspot
       der Rechten – und konnte [8][dank zivilgesellschaftlicher Organisation und
       stabiler Vermieter*innen von den Nazis zurückerobert] werden. Und die
       von der im Bezirk starken vietnamesischen Community geschaffene Strukturen
       sind auch für neuere Berliner*innen attraktiv: Im Dong Xuan Center
       finden sich auch etwa indische Lebensmittelläden und ein afghanisches
       Restaurant. So wurde es auch für Geflüchtete und neu eingewanderte Menschen
       zu einem wichtigen Anlaufpunkt.
       
       „Die vietnamesischen Vertragsarbeiter haben sich gegenseitig sehr dabei
       geholfen, hier in Lichtenberg Fuß zu fassen und mit der Zeit heimisch zu
       werden“, sagt Chu Tiến Tăng, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung
       der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg e. V. „Die Meisten hatten kaum
       Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt und mussten deshalb aus der Not heraus
       eigene, pragmatische Wege finden. So entstand bei vielen der Schritt in die
       Selbstständigkeit“, erklärt er. Dabei habe der Zusammenhalt unter den
       Landsleuten eine große Rolle gespielt. „Man half sich gegenseitig, gab
       Erfahrungen weiter und lernte voneinander“, sagt Tang. Auch von politischer
       und behördlicher Seite habe es Unterstützung gegeben. „Besonders Vertreter
       der Linken und einige engagierte Amtsträger in Lichtenberg haben dazu
       beigetragen, dass sich die vietnamesische Gemeinschaft hier entwickeln und
       etablieren konnte“, sagt er.
       
       ## Vietnamesisch für Muttersprachler
       
       Sichtbar ist das heute auch an der Volkshochschule (VHS), die wohl
       bundesweit das größte Angebot an Vietnamesisch-Sprachkursen aufweist. Im
       Sommersemester hätten sie insgesamt 26 Kurse mit 220 Teilnehmer*innen
       durchgeführt, teilt der Bezirk auf Nachfrage mit. Dabei unterscheidet die
       VHS zwischen Kursen für Muttersprachler*innen und für Menschen, die
       Vietnamesisch ganz neu lernen.
       
       „Lernende des Vietnamesischen als Familiensprache und als Fremdsprache
       profitieren von getrennten Kursen, weil sich ihre Aussprache, ihr
       Hörverstehen und ihre Herausforderungen mit dem komplexen Tonsystem
       grundlegend unterscheiden“, teilt der Kulturstadtrat und
       Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU) dazu mit. „Das Vietnamesische
       hat sechs verschiedene Töne. Fremdsprachenlernende müssen diese Töne mühsam
       von Grund auf hören und trainieren. HerkunftssprecherInnen erkennen diese
       und sprechen die Töne im Alltag in der Regel bereits richtig aus.“ Da die
       Nachfrage nach Vietnamesisch Kursen steigt, sei der Bezirk auch ständig auf
       der Suche nach qualifizierten Lehrkräften. Im Herbst gibt es Vietnamesisch
       auch als Bildungszeit, ab Januar 2027 bietet die VHS für höhere Niveaus
       Konversationskurse über aktuelle Nachrichten aus Vietnam an und Kurse für
       Geschäftsvietnamesisch.
       
       „Sprache schafft Identität und vielen vietnamesischen Lichtenbergerinnen
       und Lichtenbergern der nun schon dritten Generation fehlt dieses Stück
       Verbindung zu den familiären Wurzeln“, sagt Bezirksbürgermeister Martin
       Schaefer (CDU). Lichtenberg und Vietnam verbinde „eine ganz besondere und
       langjährige Partnerschaft und Freundschaft“, sagt Schaefer, die
       Vertragsarbeiter hätten den Bezirk entscheidend geprägt. Es sei daher
       wichtig, dass der Bezirk hier einen Schwerpunkt lege und die VHS
       entsprechende Angebote mache.
       
       31 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://langenachtderbilder.de/
 (DIR) [2] https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/auf-einen-blick/buergerservice/gemeinwesen/artikel.299607.php
 (DIR) [3] https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/ueber-den-bezirk/preise-und-auszeichnungen/artikel.1058575.php
 (DIR) [4] /Flaechenentsiegelung-in-Berlin/!5979373
 (DIR) [5] /Obdachlosigkeit-in-Berlin/!6206793
 (DIR) [6] /Hitzeschutz-in-der-Stadt/!6200989
 (DIR) [7] https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/aktuelles/pressemitteilungen/2026/pressemitteilung.1674566.php
 (DIR) [8] /Kampf-gegen-Rechtsextremismus/!5459396
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
 (DIR) Berlin-Lichtenberg
 (DIR) Vietnamesen in Berlin
 (DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
 (DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
 (DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Marzahn-Hellersdorf vor der Wahl: Viel Frust im Nordosten
       
       Die CDU hat sich im Bezirk als „Kümmerer-Partei“ inszeniert, doch ihre
       Investoren-Politik macht sie in der Platte unbeliebt. Kann die Linke davon
       profitieren?
       
 (DIR) Mitte vor der Wahl: Unterwegs in den Ruinen des Kapitals
       
       In Berlins ungleichstem Bezirk trifft Leerstand auf Obdachlosigkeit. Warum
       ist es so schwer, dagegen vorzugehen?
       
 (DIR) Spandau vor der Wahl: Ziemlich schwer erreichbar
       
       Spandau hat ein Problem mit dem Verkehr: Vom Rathaus aus geht’s nur mit dem
       Bus weiter, und der steht oft im Stau. Die Lösungsansätze sind teilweise
       recht kreativ.