# taz.de -- Sexualisierte Gewalt in der Fankurve: Schattenseiten männlicher Gruppendynamiken
> Ultrà St. Pauli, größte Fangruppierung des FC St. Pauli, beklagt
> sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen. Nach Lösungen will man nur
> intern suchen.
(IMG) Bild: „Frauen voran“ heißt es in der Südkurve des Millerntorstadions einmal im Jahr: am Internationalen Frauentag, hier 2023
Ultras gehören zu den verschworensten Gemeinschaften, die man sich in
modernen Gesellschaften vorstellen kann. Sie versammeln Menschen, für die
die Unterstützung des eigenen Fußballvereins zentraler Lebensinhalt ist und
über allem anderen steht. Für die Bewertung Ihres Tuns akzeptieren sie nur
die eigenen Maßstäbe.
Insofern war es bemerkenswert, dass die Fangruppierung Ultrà St. Pauli in
der vorigen Woche an die Öffentlichkeit ging – mit Vorgängen aus ihrem
Innersten: In der abgelaufenen Sommerpause habe man erfahren, „dass
Mitglieder unserer Gruppe übergriffig geworden sind“, heißt es [1][in einer
Erklärung]. Dabei gehe es „um unterschiedlich gelagerte Fälle
sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie um
Machtmissbrauch“.
Die Gruppe kündigt eine „strukturelle Aufarbeitung“ an. Dazu gehört
einerseits, dass „sämtliche Täter, deren Fälle abschließend bearbeitet
wurden, mit einem lebenslangen Gruppenausschluss und weiteren Konsequenzen
belegt“ worden seien.
Andererseits wolle man „Strukturen identifizieren, die Taten begünstigt
haben könnten“, „die Räume für solche Taten so eng wie möglich machen“ und
„das Themenfeld Awareness in all seinen Facetten breiter in unseren
Strukturen“ verankern.
Selbstkritisch ist in der Erklärung die Rede von „einem Umfeld, das
strukturell übergriffiges Verhalten begünstigt“ und dessen Aufarbeitung
erschwere. „Leistungsgedanke und Loyalität, aber auch Machtunterschiede und
ein kritikwürdiges Männlichkeitsverständnis“ spielten in der
Ultrà-Subkultur eine „zentrale Rolle“, heißt es – „auch in einer
progressiven und linken Ultrà-Gruppe wie unserer“.
Solche Worte sind wohl tatsächlich nur in der Fanszene des FC St. Pauli
denkbar, [2][in der der Frauenanteil höher ist als irgendwo sonst]. Dennoch
bleibt die Ultrà-Szene eben auch dort eine männlich dominierte Horde mit
starken Hierarchien, in der es regelmäßig zu emotionalen Ausnahmezuständen
kommt – mit allen bekannten Nebenwirkungen.
Dass das für Frauen und alle anderen, die keine [3][Cis-Männer] sind, ein
potenziell gefährliches Umfeld ist, ist der größtmögliche Gemeinplatz. Es
ist deswegen sehr wahrscheinlich, dass selbst die wohlmeinendsten
Bemühungen um ein sicheres Miteinander vergebens sind, solange diese
Struktur fortbesteht.
Daran wird die angestrebte Selbstreinigung durch den Ausschluss überführter
„Täter“ kaum etwas ändern können. Und auch verstärkte Awareness-Teams und
-Schulungen werden die Schattenseiten männlicher Gruppendynamiken nicht
überwinden. Das zeigt schon, dass Ultrà St. Pauli sich bereits vor vier
Jahren [4][intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt] hatte – offenbar mit
überschaubarem Erfolg.
Machoverhalten in einer mehrtausendköpfigen Gruppe dauerhaft zu ächten,
wird letztlich nur gelingen, wenn die Machos in die Minderheit geraten –
ausgerechnet jene Gruppe also, die der Fußball nun mal unweigerlich magisch
anzieht.
So bitter das ist: Die männlichen Fußballfans zu zivilisieren, wird nur
gelingen, wenn Flinta* [5][und ihre Allies] keine kleine Minderheit mehr
sind. Dafür allerdings müsste Ultrà St. Pauli viel mehr von ihnen anziehen.
Und da beißt sich der Kater in den Schwanz: Mit der bisherigen
Kommunikation kann das nicht gelingen.
Denn welche emanzipierte Frau (und welcher aufgeklärte Mann) sollte sich
von den Ultrà angezogen fühlen, die sich bei Vorfällen solcher Tragweite
derartig in Andeutungen ergehen und auf Nachfragen jede Auskunft
verweigern? Die noch nicht mal die Dimension des Problems benennen, weder
die Zahl der Fälle noch ihren Schweregrad? Die glauben, Angriffe auf die
sexuelle Selbstbestimmung mit einer Art eigener Gerichtsbarkeit handhaben
zu können, deren Arbeitsweise so intransparent ist wie bei der katholischen
Kirche?
Nun haben Ultras von jeher für sich in Anspruch genommen, jenseits von
Parolen nicht mit der Außenwelt zu kommunizieren, sondern nur
untereinander. Sie werden das ändern müssen, und vielleicht führt der
gegenwärtige Prozess der Ultrà St. Pauli am Ende sogar dazu. Andernfalls
werden die Cis-Männer weitgehend unter sich bleiben – und einander so
ertragen müssen, wie sie nun mal sind. Das können sie. Schwer bleibt es
dann nur für die wenigen Frauen und Queers in der Fanszene.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://usp.stpaulifans.de/2026/08/aufarbeitungsprozess-uebergriffe-durch-usp-mitglieder/
(DIR) [2] /FC-St-Pauli/!6081924
(DIR) [3] /Bekaempfung-patriarchaler-Strukturen/!6114468
(DIR) [4] https://usp.stpaulifans.de/2022/07/update-aufarbeitung/
(DIR) [5] /Rad-Aktivistin-ueber-Gender-Schieflage/!6099283
## AUTOREN
(DIR) Jan Kahlcke
## TAGS
(DIR) Ultras
(DIR) Fußball
(DIR) FC St. Pauli
(DIR) Hamburg
(DIR) Sexualisierte Gewalt
(DIR) Übergriffe
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Werder Bremen
(DIR) Hamburger SV
(DIR) Fußball und Politik
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Präventivhaft gegen Werder-Ultra illegal: Klatsche für die Polizei
Ein Werder-Fan klagt gegen seine Präventivhaft während eines Spiels – mit
Erfolg auf ganzer Linie. In dreifacher Hinsicht war die Polizei im Unrecht.
(DIR) Vorwürfe gegen Ex-HSV-Sportvorstand: „Eindringliche Schilderungen“
Stefan Kuntz, bis Ende 2025 Manager des Hamburger SV, ist mit Vorwürfen
konfrontiert. Es geht um sexuelle Belästigung in mehreren Fällen.
(DIR) FC St. Pauli: Angriff über den linken Flügel
Nachhaltigkeit, Antisexismus, nun auch noch eine Genossenschaft: Der FC St.
Pauli ist anders als andere Klubs. Kann der Verein damit Vorbild sein?