# taz.de -- Theaterstück über Buckelwal Timmy: Der Wal und die Wutbürger
> Alexander Klessinger machte in Hamburg aus dem Hype um Buckelwal Timmy
> ein satirisches Passionsspiel. Dann gab es Hassnachrichten und
> Morddrohungen.
(IMG) Bild: Hängen geblieben ist vor allem diese Szene: Buckelwal Timmy liegt im Ernst Deutsch Theater auf einem Altar
Als die BBC anruft, sitzt Alexander Klessinger im Flugzeug. „Ich lande in
zwei Stunden, dann können wir es machen“, gibt er dem britischen Sender zu
verstehen. Das Live-Interview findet dann tatsächlich telefonisch zwischen
Gepäckband und Gate statt. So laufen seine Tage gerade, erzählt er, immer
noch verwundert über die Dynamik, die dieses Stück losgetreten hat:
„Absurd“ ist derzeit das Lieblingswort des 40-Jährigen, der in Hamburg
lebt. Ein Künstler, der eigentlich nur ein kleines theatrales
[1][Sommerintermezzo namens „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“] am Hamburger
Ernst Deutsch Theater (EDT) im Sinn hatte, fünf Probentage, kein Honorar,
gibt jetzt internationale Interviews im Transit.
Klessinger ist kein Wunderkind der Regie. Nach dem Studium der Germanistik,
Politikwissenschaft und Soziologie in München stand er jahrelang als Lehrer
vor einer Oberstufe, bevor er mit 37 Jahren noch mal von vorne anfing:
Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg, Abschluss 2023, danach Thalia
Theater, Junges Schauspielhaus Hamburg, Theater an der Ruhr. Vielleicht hat
„Timmy“ auch deshalb so wenig von Regie-Übung – da hat einer lange genug
mit beiden Beinen fest woanders gestanden, bevor es ihn zur Bühne
verschlug.
Geschrieben hat Klessinger das Stück fast im Affekt. Er habe [2][die
Ereignisse um Timmy auf Social Media und in den Medien] verfolgt wie alle
anderen – bis bei Demos plötzlich „Wir sind das Volk, Freiheit für Hope“
skandiert wurde. Da sei ihm klargeworden: Mit dem Wal oder dessen Rettung
habe das nichts mehr zu tun, hier [3][tarne sich etwas als Solidarität, das
eigentlich von Spaltung erzähle], dazu die vertraute
[4][Wissenschaftsskepsis aus Pandemiezeiten].
In diesem Moment kippte das Thema für ihn vom Boulevard übers Politische
ins Skurrile: „Jetzt wird das Theaterstoff!“ Er habe das Stück in zwei
Wochen geschrieben, sagt Klessinger. Die Dramaturgie habe da praktisch
schon in der Wirklichkeit gelegen, er musste sie nur noch heben. Dann der
Anruf beim jungen Intendantenduo des EDT, Daniel Schütter und [5][Ayla
Yeginer], mit der Bitte, kurzfristig etwas auf die Beine zu stellen.
Inszenatorisch wurde daraus keine Nacherzählung, sondern ein satirisches
Passionsspiel: Totenmesse und Eucharistiefeier montiert aus echten Zitaten
von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen,
Augenzeug*innen vom Strand. Ein Soundteppich aus O-Tönen also,
untermalt mit Musik. Dann: Kreuz, Altar, der Leib des Buckelwals – halb
Sakrament, halb Leichnam. Am Ende weidet ein Priester den Wal aus,
verfüttert Herz und Innereien als Oblaten: Nach Klessingers Lesart ist das
die konsequent ins Skurrile getriebene Bildübersetzung dessen, was ohnehin
geschah. Der verirrte, sterbende Wal, der zur Erlöserfigur stilisiert wird.
Mit der Wucht, die das auslöste, habe im Team niemand gerechnet. „Nicht im
Ansatz“, beteuert Klessinger. Man habe gehofft, den Saal halbwegs zu
füllen. Stattdessen: ausverkauftes Haus, Jubel, internationales Presseecho
– und [6][vehemente Kritik] aus Kirchenkreisen.
Am Ende hing der Skandal an einem einzigen Bild. Im letzten Drittel zum
Beispiel tritt eine weitere „Heilsfigur“ auf – gemeint ist Walter Gunz,
Mediamarkt-Mitgründer, mehrere Hundert Millionen Euro schwer. Der hatte
sich real in die Rettungsaktion eingeschaltet, mit seltsamen Sätzen wie:
„Mehr als einmal sterben kann er ja nicht.“ Klessinger montiert daraus eine
Figur, die sich selbst zum Walretter und Gutmenschen erhebt – daran wollte
er auch Kapitalismuskritik festmachen, arbeitet sich ab an der
Empörungskultur und der Ökonomie der Geste.
## Hassnachrichten und Morddrohung
Wahrgenommen wurde davon – zumindest in der Rezeption – so gut wie nichts,
was ihn wirklich erstaune, sagt Klessinger. Was in der hohen
Aufmerksamkeitsspanne blieb, war das Foto vom Walkadaver, ans Holzkreuz
genagelt wie ein Messias. [7][Katholische Medien warfen Klessinger
Blasphemie vor]; auffällig, dass die meisten, die ihn „unter der
Gürtellinie“ angingen, das Stück nie gesehen hätten. Es ging fast nie um
den Abend – es ging um dieses eine Bild.
Nachdenklich mache ihn die theologische Kritik trotzdem, sagt Klessinger.
Persönliche religiöse Gefühle zu verletzen, sei nie sein Anliegen gewesen.
Aber wo eine Institution wie die katholische Kirche ihre eigenen Symbole
für unantastbar erkläre, sei es geradezu die Pflicht von Theater, genau
dort anzusetzen.
Aus der Kritik wurde ein Shitstorm: Hunderte Hassnachrichten, politisch wie
religiös aufgeladen bis zur Drohung mit dem „Jüngsten Gericht“, schließlich
eine Morddrohung gegen einen Schauspieler, die inzwischen strafrechtlich
verfolgt wird. Persönlich mache ihm das keine Angst, sagt Klessinger –
traurig mache es ihn, weil es so viel über den Zeitgeist verrate.
Eingeknickt sei man gerade deswegen nicht: Die Aufnahme ins neue
EDT-Spielzeitprogramm versteht er auch als Antwort auf die
Einschüchterungsversuche. Wobei: Die nächsten Vorstellungen dürfen nur mit
Security stattfinden. Und da ist es wieder, dieses Wort: „absurd“.
Was ihn eigentlich künstlerisch umtreibt, kommt erst gegen Ende des
Gesprächs raus, fast beiläufig: Meist sei Theater zu langsam für
tagesaktuelle Themen – genau darin aber liege die Chance und der spezielle
Reiz, die die „Timmy“-Inszenierung für ihn exemplarisch zeigen. „Wenn eine
Aufführung fast in Echtzeit auf ein gesellschaftliches Ereignis antwortet,
trifft sie direkt einen Nerv beim Publikum.“ Daher auch das Format der
Podiumsdiskussion, das er bewusst hinter die Inszenierung gesetzt hat.
Der eigentliche Kern der Wal-Passion sei bislang untergegangen, findet er:
die Frage, warum ein einzelner Wal wochenlang eine – gefühlt – ganze Nation
in Atem hält, während strukturelles Leid bei Tieren wie bei Menschen kaum
vergleichbare Wellen der Anteilnahme auslöst.
Genau darum soll es beim Podium der ersten September-Vorstellung gehen,
bewusst nicht auf Tierwohl verengt, sondern als Frage nach den Mechanismen
kollektiver Empathie. Zur zweiten September-Vorstellung gibt es eine
Podiumsdiskussion über die spirituelle Aufladung der Causa „Timmy“, auf dem
Klessinger diesmal selbst sitzt, als Regisseur in eigener Sache. Für diesen
Termin wurde der katholische Theologe Joachim Valentin, einer der lautesten
Kritiker der Verwendung christlicher Symbole im Stück, eingeladen.
## Kein kalkulierter Hype
Ein weiteres Podium soll sich explizit der politisch rechten Vereinnahmung
von „Timmy“ widmen. Das Stück wird also nicht nur weiterlaufen, es wird
inhaltlich wachsen. Nach den Terminen im September und Oktober haben sich
bereits andere Häuser für Gastspiele gemeldet.
Bleibt die Ambivalenz, die Klessinger selbst am deutlichsten benennt: Das
Theater kritisiert einen Medienhype, von dem es zugleich profitiert – an
ausverkauften Vorstellungen, jungem Publikum, persönlicher Sichtbarkeit.
Kalkuliert war das nicht, versichert er. Wo die kritische Reflexion endet
und die eigene Teilnahme am Spektakel beginnt, bleibt auch für ihn eine
„offene Baustelle“.
Aber dass deutsches Theater über Wochen quasi nicht nur in sämtlichen
deutschsprachigen, sondern ebenso in englischen, spanischen und
italienischen Medien besprochen wird, darf schon als außergewöhnlich
benannt werden. Der Fokus der Debatte lag dabei auf der Frage, wie [8][weit
satirische Kunst im Umgang mit sakralen Motiven gehen darf].
1 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniela Barth
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