# taz.de -- Finanznot der Pflegeversicherung: Pflegekassen brauchen Finanzspritze noch dieses Jahr
> Den Pflegekassen geht es schlechter als gedacht. Um ihre Finanzen zu
> stabilisieren, brauchen sie bis Jahresende 500 Millionen Euro.
(IMG) Bild: Angesichts der steigenden Eigenanteile im Pflegeheim müssen auch die Bundesländer für die Investitionskosten aufkommen
Die soziale Pflegeversicherung steckt in akuter Finanznot. „Es herrscht
Alarmstufe Rot!“, sagte Oliver Blatt, Vorsitzender des Spitzenverbandes der
gesetzlichen Krankenkassen am Montag in Berlin. „Nach unseren Berechnungen
werden die Mittel bis Ende Oktober aufgebraucht sein“, so Blatt weiter.
Danach würden die Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die Pflegeleistungen
zu finanzieren. Bis zum Jahresende benötigen die Pflegekassen deshalb
schätzungsweise weitere 500 Millionen Euro.
Für 2026 rechnen die Pflegeversicherungen insgesamt mit einem Minus von 1,2
Milliarden Euro. Zusätzlich zu Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro gebe
es laut Blatt sogar ein „dickes Minus von 4,4 Milliarden Euro“. Für 2027
geht der GKV-Spitzenverband davon aus, dass weitere 10 Milliarden Euro
fehlen werden.
## „Geld in wenigen Monaten alle“
Angesichts dieser Zahlen drängen die Kranken- und Pflegekassen auf schnelle
Unterstützung und mittel- und langfristig auf eine grundlegende Reform der
sozialen Pflegeversicherung. „Der Politik rufe ich hier klar und deutlich
zu: Es muss jetzt gehandelt werden, denn in wenigen Monaten ist das Geld
alle!“, so Blatt. Pflegebedürftige und ihre Angehörige müssten sich aber
keine Sorgen um aktuelle Pflegeleistungen machen, betonte er: „Die
Pflegeversicherung kann nicht pleite gehen, doch der Ausgleichsfonds läuft
leer.“
Dass sich die Lage der sozialen Pflegeversicherung – ähnlich wie in den
Jahren 2024 und 2025 – erneut verschärfen würde, war bisher nicht klar. Die
ehemalige Gesundheitsministerin und jetzige Kanzleramtschefin Nina Warken
(CDU) hatte in der Vergangenheit von erwarteten Defiziten in zweistelliger
Milliardenhöhe ab dem Jahr 2027 gesprochen. Auch ein [1][im Juni bekannt
gewordener Gesetzentwurf] zur Reform der Pflegeversicherung fokussierte
sich auf 2027.
Nach der Übernahme des Gesundheitsministeriums durch Carsten Linnemann
(CDU) steht eine Reform der Pflegeversicherung nun weiter aus. Allerdings
hatte Linnemann kürzlich angekündigt, die bisherigen Pläne zu überarbeiten.
[2][Rentenpunkte, die Angehörige für geleistete Pflege erhalten], sollen
nun doch nicht um 30 Prozent gekürzt werden. Gegenüber der Bild sagte er:
„Ich halte dieses Signal für nicht richtig, übrigens auch für unsere
Gesellschaft. Sie verliert damit an Wärme, sie wird kälter, weil das
Menschen sind, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. “ Blatt begrüßte den
Kurswechsel: „Das zeigt ja, dass sich der Minister damit ernsthaft
beschäftigt und an der Stelle nachsteuert. “
## Bund und Länder in die Verantwortung nehmen
Bei der Pressekonferenz am Montag stellte der Vorsitzende des
GKV-Spitzenverband auch eine Reihe von Ad-hoc-Maßnahmen vor, um die
Finanzlage der Pflegekassen zu stabilisieren. So fordert er, dass der Bund
Schulden aus der Coronazeit in Höhe von 5,2 Milliarden Euro zurückzahlt.
Auch für die Rentenbeiträge pflegender Angehöriger, die jährlich weitere
5,3 Milliarden Euro ausmachen, sei eigentlich der Bund zuständig.
[3][Angesichts der steigenden Eigenanteile im Pflegeheim] müssten auch die
Bundesländer ihrer Verantwortung für die Investitionskosten nachkommen. Der
derzeit durchschnittliche Eigenanteil von rund 3000 Euro würde sich so
sofort um rund 500 Euro verringern, sagte Blatt. Dass sich die Länder
diesen Verpflichtungen konsequent verweigern, sei für ihn „sozialpolitisch
unverantwortlich“ und „völlig unverständlich“.
Mittelfristig stellt der GKV-Spitzenverband auch in den Raum, den Zugang
zur Pflege zu überarbeiten. Seit der Einführung des neuen
Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Jahr 2017 sei die Zahl der
Leistungsbeziehenden stark gestiegen. Das liege nicht an der Alterung der
Gesellschaft, sondern daran, „dass die Politik den Empfehlungen der
Wissenschaft bei der Reform 2017 nicht gefolgt ist, sondern den Zugang zur
Pflege großzügiger gestaltet hat als vorgeschlagen“, so Blatt. Nun sieht er
ebenjene Politik in der Pflicht, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen.
31 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Amelie Sittenauer
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