# taz.de -- Tod von Dolly Parton und Tim Curry: „Ein schwules 9/11“
> Auch und gerade wenn die Größten uns verlassen: Angst vor
> Geschmacklosigkeit ist keine Option. Wer doch Zweifel hat, sehe sich
> „Steel Magnolias“ an!
(IMG) Bild: Dolly Parton in „Magnolien aus Stahl“ aus dem Jahr 1989
Dolly Parton und Tim Curry an einem Tag. Das war zu viel für Queers im
Internet. „They hit the second tower“, also „Sie haben den zweiten Turm
getroffen“, memete man, als Currys Tod verkündet wurde, während man noch um
Dolly weinte. „A gay 9/11“, kommentierte ein anderer User den Verlust von
gleich zwei Heiligenfiguren der Community.
Der Witz ist so geschmacklos wie zum Brüllen, ein bisschen – und das sage
ich voller Liebe – wie die [1][campy] Personae der beiden selbst.
Geschmacklosigkeit, das hat mir [2][John Waters] beigebracht, ist nichts,
das man fürchten sollte. Denn um auf interessante Art und Weise
geschmacklos zu sein, muss man zunächst guten Geschmack kennen.
Der Tod Tim Currys traf mich so hart wie ein Peitschenhieb Frank’N’Furters.
Keinen Film habe ich so oft gesehen wie die Rocky Horror Picture Show –
meine parasoziale Beziehung zu Curry habe ich [3][in einer früheren
Kolumne] bereits erklärt.
Zu Dolly Parton, das merkte ich vergangene Woche, fehlte mir diese
Verbindung. Abgesehen von „Islands in the Stream“ und „Jolene“ kannte ich
kaum ein Lied von ihr, und auch als Schauspielerin hatte ich sie nicht
wirklich wahrgenommen.
## Hemmungsloser Kitsch
Also kaufte ich mir Tickets für die Tragikomödie „Steel Magnolias“, auf
Deutsch „Magnolien aus Stahl“, die zu ihren Ehren im Odeon-Kino in
Schöneberg aufgeführt wurde. Im allerbesten Sinne war es ein echtes Fest
der Geschmacklosigkeit.
Dolly Parton spielt im Film die Kosmetikerin Truvy Jones, deren Salon im
suburbanen Louisiana ein Versammlungsort für die Frauen der Kleinstadt
geworden ist. Dort wird gelästert, gelacht, es werden Geheimnisse
ausgeplaudert, frohe Neuigkeiten verbreitet und Trauer verarbeitet.
Der Cast der sich ständig im Salon Tummelnden ist legendär: Olympia Dukakis
(Clairee), Shirley MacLaine (Ouiser), Daryl Hannah (Annelle), Julia Roberts
(Shelby) und [4][Sally Field] (Shelbys Mutter M’Lynn) spielen die
Freundinnen, die sich von Truvy hübsch machen und mit Lebensweisheiten
füttern lassen.
Der Film ist geradezu hemmungslos in seiner Ästhetik: Es gibt eine pinke
Hochzeit mit blütenübersätem Dekor und rosarotem ausgerolltem Teppich. Es
gibt Lockenstäbe, Haarspray und übergroße Frisuren. Es gibt
Südstaatenakzente, Freundschaft und Getratsche.
## Die zuckersüße Welt wird düster
Und hinein in diesen perfekten Kitsch kommt eine Krankheit, die die
zuckersüße Welt von „Steel Magnolias“ plötzlich düster werden lässt. Etwa
so düster, wie die Welt nun ohne Dolly Parton und Tim Curry ist.
Dolly Parton, den Eindruck habe ich, teilt viel mit ihrer Rolle: Sie wirkt
in all ihrem Überschwall höchst authentisch, besitzt diese liebenswürdige
Herzlichkeit – und sie kann expertenhaft mit Lockenwicklern umgehen. Ich
möchte jedenfalls glauben, Dolly Parton jetzt ein klein wenig besser zu
kennen als davor.
Beim Friseur gehöre ich zu denen, die am Smalltalk scheitern, das immer
seltsamer aussehende Gesicht im Spiegel anstarren und hoffen, dass alles
bald vorbei ist. In Truvy Jones’ Salon würde selbst ich aufweichen. Und am
Ende wohl mit einer Lockenpracht nach Hause gehen, die Dolly Parton alle
Ehre machen würde.
1 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.queer.de/detail.php?article_id=58370
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## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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