# taz.de -- Abschied von Dolly Parton: Die Lady war kein Tramp
> Authentizität trotz äußerlicher Artifizialität war das Markenzeichen von
> Dolly Parton. Nachruf auf eine große Musikerin und opulente Feministin.
(IMG) Bild: Konnte alles, natürlich auch autofahren: Dolly Parton im Film „The best little whorehouse in Texas“, 1982
Dolly Parton war 20 Jahre alt, als sie die Zeilen für ihr 1966 erschienenes
Debütalbum schrieb: „Just because I’m blonde / Don’t think I’m dumb /
'Cause this dumb blonde ain’t nobody's fool“.
Das Coverfoto unterstreicht ihre Aussage – ein Lächeln umspielt den Mund,
sie schaut das Gegenüber direkt an. Das Bild war eventuell die letzte
Chance, Dollys bereits damals eindrucksvoll aufgetürmtes Echthaar zu sehen.
Danach trug sie in der Öffentlichkeit [1][überdimensionale, weißblond
schimmernde Vamp-Perücken,] sie sagte einmal: „Die Haare sind mein größtes
Brandrisiko.“
Authentizität trotz äußerlicher Artifizialität und Hyper-Weiblichkeit – das
führt oft zu Fehleinschätzungen. Die Hamburger Rapperin Shirin David, die
ihre Haare und ihren Körper ähnlich offensiv-weiblich gestaltet, channelte
Parton noch vor zwei Jahren in ihrem mal als feministisch, mal als das
Gegenteil wahrgenommenen Hit „Bauch Beine Po“, in dem es heißt „Ich bin
schlau, aber blond und supermegahot“. Das kleine Wörtchen „aber“ beweist
es: Blond alias attraktiv und schlau geht in den Köpfen vieler Menschen
einfach nicht zusammen.
Dabei war Dolly Parton nicht nur schlau, blond, supermegahot, musikalisch,
humanistisch und „fun to be with“, sondern lebte einen einzig von ihr
allein definierten Feminismus.
## Selbstermächtigung mit Dekolleté
Schon früh bewies sie, dass Selbstermächtigung in der autarken Gestaltung
des Lebens und damit auch der eigenen Erscheinung liegt. Ihr Stilvorbild in
ihrem prekären Umfeld, dem ländlichen Tennessee, bevölkert von
kinderreichen, ansonsten armen Familien, nannten die anderen
Dorfbewohner:innen „Town Tramp“ – eine Dame mit High Heels und
Lippenstift, mit Dekolleté und engen Kleidern.
Für Parton war diese Nachbarin „einfach schön“, weil sie sich von den hart
arbeitenden Kinder-Kirche-Küche-Frauen in der Umgebung unterschied. Lange
Fingernägel erkor Parton so zu einem aus der erlebten Armut herrührenden
weiblichen Statussymbol: Wer sie hat, verbringt seine Zeit nicht auf dem
Feld oder in der Waschküche. Dass man mit ihnen dennoch malochen, sie
nämlich wie zehn blutrote Plektren einsetzen kann, zeigte [2][Partons
Versiertheit a]n der Gitarre.
Auch dem mit einem flamboyanten Äußeren oft einhergehenden „Tramp“- und
damit Schlampen-Vorwurf, der grundlegend misogynen Angst also, dass eine
stark zurechtgemachte Frau „Männer stehlen“ wolle, nahm Parton durch ihr
Verhalten den Wind aus den Segeln: Sie selbst war Zeit ihres Lebens
glücklich mit demselben Mann.
Nebenbei gibt es viele, die im Text zu Partons Hit „Jolene“ heimliche
queere Anziehung vermuten – so bewundernd klänge die Erzählerin, so
bildhaft beschreibe sie die berückende Jolene: „Your beauty is beyond
compare / With flaming locks of auburn hair / With ivory skin and eyes of
emerald green“. Eine im Internet kursierende, queere Version ändert mit
wenigen Worten diesbezüglich die Bedeutung: Statt „Please don’t take my
man“ wird „Please just leave your man“ gesungen.
## Nichts vom „Trad Wife“-Style
Parton, die ihren Status als „gay icon“ stets umarmte, wird auch das recht
gewesen sein. Die Musikerinnen, die sie 2023 auf ihr Duett-Album „Rockstar“
einlud, sprechen Bände: Stevie Nicks, Debbie Harry, Lizzo, Pink, Joan Jett
oder Linda Perry bildeten eine solide Front der selbstbestimmten Frauen,
nicht wenige von ihnen sind LGBTQ+-Aktivistinnen und -Ikonen.
Die vestimentären Aussagen Partons, das „Big Hair“ gepaart mit notorischem
Make-up und körperbetonter Kleidung, vor allem aber die
Selbstverständlichkeit und Offenheit, mit der sie ihren Körper auch
operativ nach ihren Regeln „optimierte“, mögen vielleicht oberflächlich an
den „Trad Wife“-Style der Alt-Right-Frauen erinnern.
Doch im Gegensatz zu denen sprach Dolly Partons Erscheinungsbild stets von
großer Freude am Sich-Schmücken, von Glamour, Glitter und außerweltlicher
Opulenz. Die sich politisch selten äußernde Parton wollte aus der Masse
herausstechen, um ihre Botschaft vom liebevollen, toleranten Zusammenleben
der Menschen zu verkünden. Das Auftreten der grell geschminkten,
eingeschnürten Alt-Right-Barbies ist dagegen von fast karikaturesker
Uniformität, ihre Intention ist eine andere.
In einem Auftritt bei einer Fernsehshow 1978 sitzt Dolly in schwarzem Kleid
auf einem weißen Sofa, mit Cher sitzt eine weitere Muse der absoluten
Selbstbestimmung im komplementären Outfit neben ihr.
In einem [3][irrwitzigen Dialog aus Songtext-Versatzstücken] machen sich
die beiden über das Leben, die Liebe und die Sicht auf Frauen lustig: „You
talk with personality, you smile with personality, you’ve got great big …
heart“, sagt Cher zu ihrer Freundin. „Look, it’s my party and I cry if I
want to“, sagt Dolly. Ihre Party geht nun woanders weiter.
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dolly-Parton-mit-80-Jahren-gestorben/!6207240
(DIR) [2] https://www.youtube.com/shorts/YcKYdat3eU8
(DIR) [3] https://www.google.com/search?q=dolly+cher+1978+youtube&client=firefox-b-e&hs=ejBB&sca_esv=a4ac375be92b09b0&channel=entpr&udm=7&biw=1760&bih=818&sxsrf=APpeQntRqPlKuhfKZvKDtjDEQg2jpga24w%3A1787821782454&ei=1v6ParOYG5ioxc8P2r2tiAY&ved=0ahUKEwiz246Su8CWAxUYVPEDHdpeC2EQ4dUDCBA&uact=5&oq=dolly+cher+1978+youtube&gs_lp=EhZnd3Mtd2l6LW1vZGVsZXNzLXZpZGVvIhdkb2xseSBjaGVyIDE5NzggeW91dHViZTIFECEYnwUyBRAhGJ8FMgUQIRifBTIFECEYnwVIlBlQYVigFnABeACQAQCYAUigAfgDqgEBOLgBA8gBAPgBAZgCCKAC1QTCAgUQABjvBcICCBAAGIkFGKIEwgIEECEYFZgDAIgGAZIHATigB-MasgcBN7gHvgTCBwcyLTEuNi4xyAdcgAgB&sclient=gws-wiz-modeless-video#fpstate=ive&vld=cid:c1cc563e,vid:v7wAspIXnBM,st:0
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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