# taz.de -- Landtagswahlen und Rechtsextreme: Auf der Jagd nach schlechten Nachrichten
       
       > Die Medien tragen mit negativer Berichterstattung zu den Erfolgen der AfD
       > bei. Deshalb braucht es kein Schönreden, wohl aber mehr Ausgewogenheit.
       
       Am Morgen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wird ein AfD-Wähler im Radio
       interviewt. Ob er glaubt, dass es mit einer von Ulrich Siegmund geführten
       Regierung besser wird in seinem Bundesland, wird er gefragt. „Schlimmer
       kann’s ja nicht mehr werden!“, empört er sich umgehend. Schlimmer kann es
       nicht mehr werden? Im Ernst? Das Leben in einem der reichsten und freiesten
       Länder der Welt, das per Verfassung als soziale Marktwirtschaft definiert
       ist, sich als Sozialstaat versteht, jedem Menschen eine Grundsicherung
       zugesteht und in dem eine Krankenversicherung für jede und jeden
       selbstverständlich ist, soll schlichtweg unerträglich sein? Wie kommt er
       denn darauf?
       
       Man kann nun natürlich die AfD und ihre schwarzmalerische, demagogische
       Propaganda für diese Sicht auf Deutschland verantwortlich machen – und man
       läge ganz sicher nicht falsch damit. Aber man kann sich ebenso gut fragen,
       ob nicht auch wir, die kritischen Medien, eine Mitschuld daran tragen, dass
       ein nicht geringer Teil der Bevölkerung in Deutschland glaubt, wir lebten
       in einem Land, in dem es noch nie so rasend bergab ging wie heute und das
       von einer unfähigen, lächerlichen, machtgierigen und im Zweifel korrupten
       [1][Politikelite] regiert wird.
       
       Dass diese Frage mehr ist als journalistische Nabelschau, legt die
       Medienforschung nahe. Die Politikwissenschaftler*innen Charlotte
       Galpin und Hans-Jörg Trenz sprechen von einem systematischen
       „[2][Negativitätsbias]“ der Nachrichtenmedien: Schlechte Nachrichten werden
       guten vorgezogen, politische Berichterstattung konzentriert sich
       entsprechend häufig auf Fehlleistungen, Polemiken, Skandale und Krisen. In
       Langzeituntersuchungen westlicher Demokratien lasse sich eine Zunahme
       dieser Nachrichtennegativität seit den 1970er Jahren beobachten.
       
       Die Rente? Eine Katastrophe mit Ansage! Die Gesundheitsversorgung? Teuer
       und schlecht. Die Sozialsysteme? Mies, ungerecht, würdelos. Bildung?
       Schlimmer geht’s nimmer. Es reicht ein Wort: [3][Pisa-Studie]. Klimawandel:
       Wir sind dem Untergang geweiht. Und so könnte man endlos fortfahren.
       Deutschland scheint wie ein Ort, vor dem man eigentlich schleunigst die
       Flucht ergreifen sollte – oder aber sich eine radikale Kehrtwende wünschen
       kann.
       
       ## Im Vergleich gar nicht so übel
       
       Von einer „Spirale des Zynismus“ sprechen deshalb
       Kommunikationswissenschaftler: Wer Politik überwiegend als Abfolge von
       Versagen, Skandalen und Konflikten erlebt, verliert Vertrauen in politische
       Institutionen – und erwartet gleichzeitig immer stärker genau diese
       negativen Nachrichten. Galpin und Trenz beschreiben einen solchen sich
       selbst verstärkenden Mechanismus für die Europaberichterstattung: Publikum,
       politische Akteure und Medien verstärken einander in ihrer Negativität.
       
       Was wollen wir also dagegenhalten, wenn die Rechtsextremen behaupten, die
       regierenden Parteien hätten das Land völlig heruntergewirtschaftet und nur
       noch die AfD könne das Ruder herumreißen, wenn die Medien selbst beständig
       aufzeigen, was alles nicht funktioniert? Was hat denn dann das politische
       System der Bundesrepublik vorzuweisen, und warum ist es erhaltenswert? Denn
       wir Medien kritisieren, meckern, nörgeln, verurteilen und empören uns über
       den Zustand Deutschlands, als hätten wir noch nie gesehen, wie es anderswo
       in Europa oder der westlichen Welt zugeht.
       
       Die Benzinpreise in den Niederlanden sind pro Liter rund 40 Cent höher als
       in Deutschland; die Mietpreise bei Neuvermietungen mehr als doppelt so
       hoch. In Großbritannien sind Anschlussheilbehandlungen in einer Reha-Klinik
       nach einer Knie-OP oder einer Krebserkrankung grundsätzlich nicht
       vorgesehen. In den USA verschulden sich ganze Familien, wenn ein
       Familienmitglied an Krebs erkrankt. Studieren kostet in England rund 10.000
       Pfund im Jahr, aber auch in den Niederlanden etwa 2.500 Euro.
       
       In Skandinavien zahlen Europäer wenig, Nicht-EU-Studierende jedoch teils
       fünfstellige Beträge, um sich an den Unis einzuschreiben. Wie die Politik
       versucht, Probleme zu lösen, werde journalistisch häufig unterkomplex
       dargestellt, zweifelt auch Christoph Hickmann, Leiter des
       Spiegel-Hauptstadtbüros, die Art der heutigen Berichterstattung an und
       fragt, „ob wir Journalisten in dieser Zeit, in der die liberale Demokratie
       bedroht ist, so weitermachen können wie bisher“.
       
       ## Der Grundkonsens ist verloren gegangen
       
       Denn der Grundkonsens, der über Jahrzehnte jeder journalistischen Kritik
       zugrunde lag, war, dass es viel zu meckern gibt, aber das heutige
       politische System dennoch das beste ist, das wir je hatten. Schon 2016
       hatte auch Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in seiner Dresdner Rede
       „Unser Ruf steht auf dem Spiel“ eine Selbstkritik des Journalismus
       angemahnt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Pegida und AfD den Begriff
       „Lügenpresse“ wieder salonfähig machten, sprach er ausdrücklich über
       „Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung“.
       
       Journalist*innen dürften das in sie gesetzte Vertrauen nicht
       verspielen, warnte er – weil kritischer Journalismus für das Funktionieren
       der Demokratie unverzichtbar sei. Der Konsens, von dem Hickmann spricht,
       ist nicht mehr vorhanden, seit sich die AfD radikalisiert und ihre
       Wählerbasis so stark ausgebaut hat. Sie sieht sich in der Rolle der
       Bürgerbewegung in der Endphase der DDR. „Wir sind das Volk“ ist weit mehr
       als ein geklauter Schlachtruf. Man sieht das derzeitige System der
       Bundesrepublik Deutschland am Ende und sich selbst als einzige Alternative.
       
       Doch was tun mit dieser Erkenntnis? Kritisch zu hinterfragen, Missstände
       aufzudecken und als Korrektiv gegenüber denen zu wirken, die die Macht
       ausüben, ist die wichtigste Aufgabe des Journalismus. Politische Debatten
       in der medialen Öffentlichkeit werden stellvertretend für die
       Leser*innenschaft, idealerweise sogar für die Bevölkerung geführt. Trotzdem
       muss die Frage erlaubt sein, ob die Jagd nach Missständen und Skandalen zum
       Teil nicht zur Obsession geworden ist, an der journalistische Qualität
       bemessen wird.
       
       Der „investigative Journalismus“ ist die Königsdisziplin der Branche. Die
       Bezeichnung ist leicht irreführend, denn natürlich recherchieren alle
       Journalist*innen, nicht nur die investigativen. Dennoch ist klar, wer und
       was hier gemeint ist: Kolleg*innen, die wie die Trüffelschweine nach
       besonders übelriechenden Geschichten suchen. Sie stehen in der Hierarchie
       der Branche ganz oben. Hier winken Preise, Ruhm und Ehre.
       
       ## Ist, wer gute Nachrichten liefert, wirklich naiv?
       
       Und so manchem politischen Magazin merkt man an, dass hier zugespitzt und
       skandalisiert wird, was das Zeug hält, um eben auch zu dieser Elite der
       „Investigativen“ dazuzugehören. Mit Verachtung gestraft oder wenigstens mit
       großem Misstrauen bedacht werden indes jene Kolleg*innen, die es wagen,
       beispielsweise ein positives Porträt über einen Politiker oder eine
       Politikerin zu schreiben.
       
       Sie geraten umgehend in den Verdacht, einer geschickten PR auf den Leim
       gegangen zu sein oder es an jeglicher kritischen Distanz mangeln zu lassen
       und auf jeden Fall seinen Job nicht richtig gemacht zu haben, was schon
       fast einem journalistischen Todesurteil gleichkommt. Man ist umgekehrt
       immer auf der sicheren Seite, wenn man mit Kritik reichlich um sich zu
       werfen versteht. Vielleicht liegt darin ein strukturelles Problem.
       Negativität ist schließlich nicht nur eine journalistische Haltung, sondern
       ein Nachrichtenwert.
       
       Eine Geschichte über etwas, das funktioniert, muss ihre Relevanz erst
       beweisen. Zu guter Letzt steht einer guten Geschichte oft auch noch die
       Realität im Wege. Seit „Storytelling“ den Journalismus dominiert und mit
       Preisen überschüttet wird, werden Reporter*innen gern mit einer These
       losgeschickt, die sich dann in der Recherche vor Ort bestätigen soll: Bitte
       in der Reportage zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit zu einer
       Radikalisierung der Wähler*innen führt.
       
       Was aber, wenn die Menschen vor Ort etwas ganz anderes sagen und die
       gesamte Gemengelage sich nicht auf diese These zuspitzen lässt? Wenn einem
       also die verdammte Wirklichkeit das schön zurechtgelegte Storytelling
       kaputt macht? Die US-amerikanische Journalistin Amanda Ripley hat für
       dieses Problem eine Gegenformel gefunden: „Complicating the Narratives“ –
       die Geschichten komplizierter machen. Journalist*innen neigten dazu,
       Widersprüche herauszuschneiden, weil eine Geschichte kohärent sein müsse.
       
       ## Die Realität ausgewogener darstellen
       
       Gerade in polarisierten Gesellschaften könne aber genau diese Kohärenz zum
       Problem werden. Die Wirklichkeit sei häufig widersprüchlicher als die
       Geschichte, die wir erzählen wollen. Man kann sich vorstellen, dass dabei
       nicht nur Gutes herauskommt. In jedem Fall reicht es oft nicht mehr,
       einfach nur das darzustellen, was man vor Ort beobachtet. Und doch ist der
       sogenannte [4][konstruktive Journalismus] keine annehmbare Lösung in einer
       Zeit, in der die liberale Demokratie bedroht ist.
       
       Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen aufzuzeigen. Sehr wohl aber, über sie
       zu berichten und die Komplexität von Themen wie der [5][Rentenreform] oder
       der sozialen Absicherung aufzuzeigen. Nicht nur Skandale und Missstände
       sind berichtenswert, sondern auch Erfolge, Vorbilder und gelungene
       Projekte. Interessanterweise gelingt es dem Lokaljournalismus häufiger als
       überregionalen Medien, eine gute Balance zwischen kritischen und positiven
       Berichten zu wahren.
       
       Vielleicht liegt es daran, dass man auf lokaler Ebene immer Gefahr läuft,
       der Person wieder über den Weg zu laufen, die man gerade noch heftig
       kritisiert hat. Oder auch, dass sich der Druck, ein journalistisches
       Meisterwerk abzuliefern, in Grenzen hält. In jedem Fall brauchen wir eine
       Berichterstattung, die die Wirklichkeit ausgewogener darstellt als bisher.
       Die Medien sollten kritisch, investigativ und unbedingt auch scharfzüngig
       bleiben. Worauf wir uns jedoch besinnen sollten, ist Ausgewogenheit.
       
       19 Sep 2026
       
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