# taz.de -- Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort
> Beim berühmtesten deutschen Erntedankfest – dem Oktoberfest – laufen
> inzwischen viele in Landmode herum. Anders in Castell.
(IMG) Bild: Die Krachlederne oder Cosplay des 19. Jahrhunderts
Es wird Spätsommer, und ich denke über die Anschaffung eines Zylinders
nach. Das liegt daran, dass die Felder gemäht, die Weinberge abgelesen sind
und die Zeit der Erntedankfeste beginnt. Das berühmteste ist bekanntlich
[1][das Münchner Oktoberfest], wo man seit einigen Jahren, um nun auf die
Mode und seltsame Kopfbedeckungen wie den Zylinder zurückzukommen, im
Dirndl, in Lederhose und Janker auftauchen sollte, wenn man nicht auffallen
will. Tracht hieß das früher, Landhausmode nennt man es heute.
Ich bin in München aufgewachsen, die Wiesn war für mich als Kind ein Muss,
oder besser gesagt: gebrannte Mandeln, Schiffschaukel und Achterbahn – ohne
Looping. Und noch etwas war Anfang der 1980er Jahre anders. [2][Dirndl oder
Lederhose] sah man kaum. Sie dienten vor allem als Arbeitskleidung in den
Bierzelten. Wer Münchner war, zeigte sich auf dem Oktoberfest in der
normalen Straßenkleidung.
Es gab damals in der bayerischen Landeshauptstadt ein durchaus
selbstbewusstes Verständnis von bürgerlichem Understatement. Man hatte
nicht nötig, sich zu verkleiden, vor allem nicht als jemand vom Land. Ich
bin damals aus München weggezogen. Auch weil sich die Verhältnisse völlig
verkehrt haben – heutzutage sieht man in München nicht nur zum Oktoberfest,
sondern das ganze Jahr über Menschen in Landmode gekleidet –, ist mir meine
Geburtsstadt recht fremd geworden.
Irgendwie passt dazu, dass mir nun auf dem Land mitunter eine gänzlich
städtisch-bürgerliche Mode als Festtracht begegnet – samt Zylinder. In
Unterfranken sind Erntedankfeste oft in die Kirchweih übergegangen. Hier in
Castell tragen die Männer an diesen Tagen Ende Oktober Schwarz: Gehrock und
Zylinder. Es ist die städtische Kleidung von Mitte des 19. Jahrhunderts. Am
Dienstag nach der Kirchweih werfen sie sich dann auch noch Gewehre über die
Schulter und halten Parade.
Das erinnert an Zeiten, als die hiesigen Fürsten ihre Untertanen an die
Waffen zwangen, sehr wahrscheinlich bereits im [3][Dreißigjährigen Krieg].
Auch die Parade mit dem anschließenden Preisschießen ist sehr, sehr alt.
Niemand kann mir sagen, warum sich die Männer dafür in einen Aufzug werfen,
wie man ihn von der [4][deutschen Revolution von 1848] kennt. Damals
bildeten sich im republikanischen Geist an vielen Orten und besonders in
Städten Bürgerwehren, um nach dem geglückten Aufruhr wieder für Ruhe und
Ordnung zu sorgen.
Heute kann man sich für den Einsatz bei der Kirchweih in Castell melden.
Vielleicht tun das einige, weil die Herren Zylinder tragen. Auch ich habe
das Recht dazu. Aber ich merke: Noch fühle ich mich nicht ländlich genug,
um in städtische Tracht zu steigen. Vielleicht im nächsten Jahr.
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wiesn/!t5027909
(DIR) [2] /Bayerischer-Satiriker-Polt-ueber-Trachten/!6102331
(DIR) [3] /Militaerhistoriker-ueber-Kriegsvergleiche/!5484405
(DIR) [4] /Maerzrevolution-von-1848/!5920559
## AUTOREN
(DIR) Jörn Kabisch
## TAGS
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) wochentaz
(DIR) Oktoberfest
(DIR) Wiesn
(DIR) Mode
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Weinverkostung: Silvaner Superstar
Riesling, Bacchus, Müller-Thurgau – alles köstliche Weine. Aber seitdem
unser Kolumnist umgeben von Silvaner-Reben ist, hat er einen neuen
Favoriten.
(DIR) Fränkische Traditionsbrauerei: „Nur beim Saufen konnte ich nicht mithalten“
Andere machten Urlaub auf Hawaii, Sabine Wiethaler-Dorn investierte in eine
Sudpfanne. Über eine Frau, die ihr Leben dem Erhalt einer fränkischen
Familienbrauerei widmet.
(DIR) Leben auf dem Land: In der Hitze des Kuhkaffs
Unser Autor glaubte dort zu leben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Weit gefehlt, besonders in den tropischen Nächten.