# taz.de -- Fränkische Traditionsbrauerei: „Nur beim Saufen konnte ich nicht mithalten“
       
       > Andere machten Urlaub auf Hawaii, Sabine Wiethaler-Dorn investierte in
       > eine Sudpfanne. Über eine Frau, die ihr Leben dem Erhalt einer
       > fränkischen Familienbrauerei widmet.
       
 (IMG) Bild: Sabine Wiethaler-Dorn (r.) mit ihrem Mann Robert und ihrem Sohn Andreas (l.)​
       
       Neunhof ist ein mittelfränkisches Dorf, das wie am Hang hinabzurutschen
       scheint. Seine Häuser bestehen aus schweren Sandsteinquadern, die
       handgeschriebene Tafel der örtlichen Bäckerei lockt mit Krapfen. Unterhalb
       der Kirche dominieren, einander gegenüberstehend, zwei wuchtige Gebäude:
       links der Fachwerk-Gasthof, rechts die Brauerei. Königsblau leuchten davor
       die Bierkästen, auf denen weiß ein Name steht: Wiethaler.
       
       In diesen Gebäuden ist Sabine Wiethaler-Dorn aufgewachsen. Gerade saß sie
       noch an der Kasse im Abholmarkt, jetzt trinkt sie auf der gemütlichen
       Eckbank im Gastraum der Wirtschaft ein Glas Wasser. Hier ist ihre Tochter
       die Chefin, drüben in der Brauerei der Sohn, an den Wiethaler-Dorn 2023
       übergeben hat.
       
       Seit 1994 hatte sie die Brauerei Wiethaler geleitet, als eine von ganz
       wenigen Frauen in dieser Position. Heute ist sie eher Seniorchefin als
       Rentnerin, pflegt Kundenkontakte, hilft beim Verkauf im Laden [1][und
       stellt „ihren Männern“ mittags eine Mahlzeit auf den Tisch]. Es ist nicht
       ganz einfach, freie Termine für ein Interview in ihrem Kalender zu finden,
       so kurz bevor in der Region die Feuerwehrfeste beliefert werden wollen.
       
       Die Geschichte von Sabine Wiethaler-Dorn und der Brauerei in Neunhof bei
       Lauf im Nürnberger Land erzählt von einem kleinen Traditionsunternehmen.
       Von einer leidenschaftlichen Liebe zum Handwerk. Und von Familie.
       Wiethaler-Dorns Vater stammte von einem Bauernhof in Niederbayern.
       
       ## "Der Sohn muss in Bayern geboren werden"
       
       Zu Kriegszeiten litt die Familie Hunger, die Kinder mussten vom Hof und aus
       dem Bauernsohn wurde ein Wanderbursche, der deutschlandweit von Brauerei zu
       Brauerei zog. In Arnsberg im Sauerland arbeitete er nach vollendeter
       Prüfung erstmals als Braumeister, als seine Frau schwanger wurde. „Er hat
       gesagt: Der Sohn muss in Bayern geboren werden.“ Sabine Wiethaler-Dorn,
       blonde Lockenkrone, praktische Fleecejacke, lächelt bescheiden: „Der Sohn
       war dann ich.“
       
       1962 erblickte die Erstgeborene das Licht der Welt, in der Brauerei Zum
       Schiff im mittelfränkischen Schwabach, die ihr Vater gepachtet hatte. Ihr
       erstes Bier – oh, ob sie das verraten sollte? – hat sie dort probiert, da
       konnte sie noch gar nicht laufen.
       
       Drei Jahre später siedelte die Familie nach Neunhof über, wo sich die
       seltene Gelegenheit bot, eine Brauerei zu kaufen, auch wenn die eher einer
       Ruine glich. Die Tradition der Brauerei in Neunhof reicht zurück bis ins
       Jahr 1498. Mitte der 1960er-Jahre lag der Betrieb still. Sabine
       Wiethaler-Dorns Mutter bekam hier noch zwei Mädchen. „Meine Schwestern
       waren bei der Mama oben, zu mir hat sie gesagt: Geh in die Brauerei runter,
       Fliesen waschen oder die Sudpfanne putzen.“ So ging das los.
       
       „Von Anfang an“, sagt Wiethaler-Dorn, „war das auch meine Brauerei. Auch
       wenn es eine kleine Quetschn ist.“ Sie habe immer gern mitgeholfen, hier
       beim Ausschank, drüben beim Brauen. Und sie habe gesehen, mit wie viel
       Schweißarbeit die Eltern das Geschäft aufbauten, die Gebäude sanierten, den
       Namen im Ort bekannt machten. Ihre liebste Kindheitserinnerung: „Der
       malzige Duft im Sudhaus“, wo der Brei aus Gerstenmalz kocht, in dem sich
       Stärke in Zucker verwandelt. Der Anfang jedes Brauvorgangs.
       
       Der Brauer Wiethaler hat ein Problem, dürften damals, Anfang der 1970er
       Jahre, viele gedacht haben. Er hatte zwar eine Brauerei, die langsam Geld
       abwirft, er verpachtete eine Gastwirtschaft, aber: drei Töchter, kein
       männlicher Nachfolger. „Ich“, sagt Sabine Wiethaler-Dorn, „war mit zehn
       schon überzeugt: Ich bin die Brauerin.“
       
       Und ihr Vater? „Der hat sich gefreut.“ Niemals hätte er in Frage gestellt,
       dass seine Tochter auch seine Nachfolgerin werden könnte. Als ihren
       Seelenverwandten beschreibt Wiethaler-Dorn ihren Papa und Lehrmeister.
       
       Erst auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb merkt sie, dass nicht alle
       da draußen so ticken. Der Meister der ersten Brauerei, bei der sie sich
       bewirbt, will kein Mädchen als Lehrling. „Das war ein Kulturschock für
       mich.“ Der Braumeister, der sie schließlich nimmt, behandelt sie nicht gut.
       
       Am ersten Tag schickt er seine Auszubildende mit dem großen
       Hochdruckreiniger zum Fliesenabwaschen, außerdem ständig in den kalten
       Keller. Erst als Wiethaler-Dorns Mutter droht, die Tochter nach Hause zu
       holen, ändert sich der Umgang. Heute glaubt Wiethaler-Dorn, das habe mehr
       damit zu tun gehabt, dass sie von der Konkurrenz kam.
       
       Auch in ihrer Meisterschule war sie die einzige Frau unter 50 angehenden
       Brauern. Die Lehrer und Mitschüler, sagt sie, hätten sie das nie spüren
       lassen. Diese Gleichstellung zu erfahren, habe sie geprägt. „Nur beim
       Saufen konnte ich nicht so mithalten.“ Eine schöne Zeit sei das gewesen und
       auch eine wilde.
       
       An den Wochenenden fuhr sie nach Neunhof, zum Bedienen. 1985 kam sie
       endgültig heim. Am Anfang habe sie vor allem im Büro gearbeitet: Verwalten,
       Organisieren, Bestellungen, Kundenkontakte. Ihre ockergelbe Schreibmaschine
       war ihr größter Schatz. „Aber ich habe auch mit dem Lkw Bier ausgefahren.“
       
       Die Arbeit ist fordernd. Früh um 4 Uhr beginnt das Filtrieren, am Abend
       sitzen die Gäste lang in der Stube. Bald wird sie selbst zwei Mal Mutter.
       „Zu den Kollegen habe ich immer gesagt: Ihr habt eine Frau zu Hause. Ich
       habe einen Mann, aber der arbeitet selber.“ Eine Woche Urlaub pro Jahr
       erlaubt sie sich und fährt im Sommer weg.
       
       1994 übernimmt Sabine Wiethaler-Dorn die Brauerei von ihrem Vater. Vier
       Jahre später verstirbt er. Das nennt sie ihren schlimmsten
       Schicksalsschlag. Schon einen Tag später beliefert sie mit ihrem Mann ein
       Feuerwehrfest. „Die Show muss weitergehen. Die Leute kommen. Wir müssen
       schenken. Das war schlimm.“
       
       Ihren Mann, Robert, nennt sie ihre Geheimwaffe, der Obstbäume schneiden und
       quasi alles reparieren kann. Ohne ihn, der heute die zur Brauerei gehörende
       Brennerei führt, würde es das Unternehmen nicht mehr geben. Es wäre kein
       Geld dagewesen um Handwerker zu bezahlen.
       
       Traditionsunternehmen funktionieren nur auf den Schultern der Familie.
       Jetzt ist die nächste Generation dran. Sie habe ihre Kinder nicht gedrängt,
       die Brauerei weiterzuführen, aber natürlich habe der Andreas schon als Kind
       Flaschen in die Waschmaschine eingelegt und saß mit zwei Jahren mit dem Opa
       im Lkw. Wiethaler-Dorn hat es geschafft, ihre Leidenschaft für das Handwerk
       weiterzugeben.
       
       ## Alkoholfrei überleben
       
       Dass man mit so wenigen Zutaten, die die Natur hier zur Verfügung stellt,
       eine solche Fülle an Produkten herstellen könne – [2][Helles, Dunkles,
       Pils, filtriert, unfiltriert, Kellerbier, Bock, Weizen] und die Craftbiere
       – das fasziniert sie bis heute. Doch wenn man sie dann fragt, wie man das
       konkret schafft, als kleine Brauerei zu überleben heutzutage, kommt es wie
       aus der Pistole geschossen: „Das alkoholfreie Bier. Früher haben die Leute,
       wenn sie zum Essen hier waren, fünf, sechs Halbe getrunken. Das ist vorbei.
       Und dass wir außerdem zehn Sorten Limonade machen – das hat uns gerettet.“
       
       Mindestens 16 Biere produziert Wiethaler, plus die saisonalen
       Spezialitäten. Diese Ausdifferenzierung der Sorten sei ihr Verdienst, sagt
       Wiethaler-Dorn. Sie sei stolz auf Investitionen, mit denen sie ihr
       Unternehmen zukunftsfähig machen konnte, eine Photovoltaikanlage gehört
       auch dazu. Das so wertvolle alkoholfreie Bier ginge allerdings aufs Konto
       ihres Sohnes, genauso wie die Anschaffung eines teuren automatischen
       Hopfengebers. Da habe sie schlucken müssen – aber jetzt ist eben ihr Sohn
       der Braumeister, der die Entscheidungen trifft. Heute sei sie froh um das
       Gerät.
       
       Seit 2019 haben in Bayern 50 Brauereien den Betrieb aufgegeben, [3][der
       Pro-Kopf-Bierverbrauch ist auf einem Tiefpunkt]. Es gibt Dörfer, in denen
       die Brauerei eine Ruine ist, das Wirtshaus geschlossen und der Nahversorger
       auch. Tote Dörfer seien das, sagt Sabine Wiethaler-Dorn. „Wir machen das,
       um etwas zu erhalten. Für das Dorf und die Gesellschaft.“ Und auch für eine
       Kulturlandschaft, die hier im Nürnberger Land von Hopfen- und Gerstefeldern
       geprägt ist.
       
       Die winzige Brauerei Wiethaler überlebt in einem Markt, der zunehmend von
       den großen Konzernen dominiert wird. „Mein Vater hat mir gesagt: Einmal
       Erfolg ist Zufall, zweimal Erfolg ist Glück, mehrmals Erfolg ist Fleiß und
       Ausdauer. Das ist der Spruch meines Lebens.“
       
       Natürlich habe sie auf vieles verzichten müssen, es aber nie bereut:
       „Andere sind nach Hawaii geflogen, ich habe mir eine neue Sudpfanne
       gekauft.“ Vielleicht ist das noch viel mehr der Spruch ihres Lebens.
       
       25 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Unterschiedliche-Zeitgefuehle/!6164498
 (DIR) [2] /Staedteverstaendigung/!6173805
 (DIR) [3] /Bierkonsum-veraendert-sich/!6006922
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Thamm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Brauerei
 (DIR) Kolumne Der Wirt
 (DIR) Bier
 (DIR) Franken
 (DIR) Nockherberg
 (DIR) Brauerei
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Likörfabrik Mampe: Alte Elefanten jetzt in hip
       
       Seit 1831 wird bei Mampe Schnaps gebrannt. Nun werden Erinnerungsstücke für
       ein neues Museum gesammelt, das auch Jüngere ansprechen soll.
       
 (DIR) Starkbieranstich am Nockherberg: Der Sonnenkönig wird an den Rand geschoben
       
       Zahm ging das Politikerderblecken am Nockherberg in diesem Jahr über die
       Bühne. Aber eine wichtige Erkenntnis gab es: Es geht auch mit weniger
       Söder.
       
 (DIR) Kulturgeschichte des Brauens: Was war zuerst da – das Brot oder das Bier?
       
       Die frühesten Spuren der Bierherstellung sind über 13.000 Jahre alt. Wer
       über das Getränk forscht, lernt viel über Rausch und Zivilisation.